Nach vier Jahren in Dortmund ist für Christian Pulisic im Sommer Schluss beim BVB - DFL
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Borussia Dortmund: Der außergewöhnliche Werdegang des Christian Pulisic

Köln - Hershey ist ein beschauliches Städtchen mit knapp 15.000 Einwohnern im US-Bundestaat Pennsylvania und vor allem für drei Sachen bekannt: Die ortsansässige Schokoladenfabrik, der Hershey auch die Beinamen "Chocolatetown, USA" und "The Sweetest Place on Earth" verdankt, den "Hersheypark" mit unzähligen Achterbahnen und Bundesliga-Star Christian Pulisic. Der pfeilschnelle Flügelspieler verließ mit 15 Jahren seine Heimatstadt, um im Ruhrgebiet sein Glück zu finden. Es folgte eine Bilderbuchkarriere beim BVB, die im Sommer 2019 mit dem Transfer zum FC Chelsea enden wird.

"Skyrush" heißt die spektakulärste Attraktion in Hershey. Die Achterbahn rast aus 61 Metern Höhe mit über 120 Stundenkilometern Richtung Erde. Name und Geschwindigkeit passen dabei perfekt zur bisherigen Karriere von Christian Pulisic, der Borussia Dortmund einst als "Himmelsstürmer" verzauberte. Mit 17 Jahren und 133 Tagen debütierte er im Januar 2016 als bis dahin achtjüngster Spieler der Historie in der Bundesliga. Drei Monate später erzielte er seinen ersten Bundesliga-Treffer und ist damit der viertjüngste Torschütze der Bundesliga-Geschichte.

Zwischen seinem ersten Einsatz und dem ersten Treffer für die BVB-Profis absolvierte er auch sein erstes Länderspiel für die USA. Im Mai 2015 verewigte sich Pulisic zudem als jüngster Länderspiel-Torschütze der Historie in den Geschichtsbüchern. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil er in der Nacht zuvor eigens mit einem Privatjet zum Abschlussball seiner alten High School in Pennsylvania reiste und in der Nacht wieder zurückflog. Der damalige Nationaltrainer Jürgen Klinsmann hatte es dem Teenager erlaubt und wurde dafür belohnt.

Am Tag nach dem Abschlussball seiner High School erzielt Christian Pulisic gegen Bolivien sein erstes Länderspieltor - Kyle Rivas/Getty Images

Dortmund beobachtet Wright und findet Pulisic

Bereits im Dezember 2013 ließ der damals gerade 15-Jährige Pulisic aufhorchen, als er die USA bei einem prominent besetzten U17-Turnier im Finale zu einem furiosen 4:1-Sieg über Brasilien führte und anschließend zum wertvollsten Spieler des Turniers gekürt wurde. Zahlreiche europäische Clubs hatten ihn da auf dem Zettel - darunter auch Borussia Dortmund.

Die BVB-Scouts wollten sich eigentlich Haji Wright, heute beim FC Schalke, anschauen, aber stattdessen erweckte Pulisic ihre Aufmerksamkeit. "Wir haben gesagt 'Wright ist ein echt guter Spieler, aber da ist auch ein fantastischer Spieler, der herausragte' und seitdem haben wir seinen Werdegang verfolgt und versucht, den Transfer zu vollziehen", erinnert sich Sportdirektor Michael Zorc im amerikanischen Magazin "Sports Illustrated".

Pulisic besuchte mit seinen Eltern mehrere Clubs, bevor er sich für die Borussia entschied. "Ich habe irgendwie gewusst, dass es der richtige Ort für mich ist", so Pulisic, dessen Vater Mark, einst Profi im "Indoor Soccer", ihn nach Deutschland begleitete.  Zunächst war er als US-Bürger aber nicht einsatzberechtigt in der Dortmunder Jugend, sondern durfte nur trainieren.

Kroatische Staatsbürgerschaft öffnet Pulisic die Tür

Das änderte sich im Januar 2015, als der bodenständige Dribbler auch die kroatische Staatsbürgerschaft erhielt. Sein Großvater Mate, dem Pulisic auch seinen zweiten Vornamen verdankt, wanderte einst aus dem Balkanstaat in die USA aus. Seitdem pflastern Erfolge seinen Weg. Mit der U17 und der U19 des BVB wurde er jeweils Deutscher Meister und durfte sich auch regelmäßig bei den Profis beweisen.

"Pulisic kann richtig kicken", befand der damalige BVB-Trainer Jürgen Klopp, der bei der Verkündung seines Abschieds aus Dortmund auch Pulisic meinte, als er sagte: "Da kommen ganz junge hochtalentierte Burschen nach, wo ich jetzt schon heulen könnte, dass ich die nicht trainieren werde." Das Vergnügen, Pulisic zum ersten Mal in der Bundesliga aufs Feld zu schicken, blieb so Thomas Tuchel vorbehalten.

Pulisic überzeugte mit seinem Eifer und seinem Talent aber nicht nur seine Trainer, sondern auch seine Mitspieler. "Ich bin nicht überrascht über seine Entwicklung, denn wir sehen ihn ja jeden Tag im Training und wissen, dass er wahnsinnig viel Qualität hat", lobte sein ehemaliger Mitspieler Matthias Ginter Pulisic einst. Auch Nuri Sahin, den Pulisic als wichtigen Ratgeber in seiner Anfangszeit bei den Profis nennt, schwärmt von seinem ehemaligen Kollegen. "Er hat so viel Geschwindigkeit, aber was ich am meisten an ihm schätze, ist sein erster Kontakt. Wenn er den Ball bekommt, öffnen sich durch seine Ballan- und Mitnahme große Räume, selbst, wenn eigentlich keine da sind."

Pulisic: Vollgas auf dem Platz, privat im Eco-Modus

Sein Torhüter Roman Bürki spricht von Pulic als "Superjunge mit einer riesen Qualität. Wenn er demütig und auf dem Boden bleibt, hat er eine ganz große Zukunft vor sich." Um die Bodenhaftung muss man sich bei Dortmunds Nummer 22 aber keine Sorgen machen. Weston McKennie, auf dem Platz Konkurrent vom FC Schalke 04, aber privat ein dicker Pulisic-Kumpel, weiß jedenfalls zu berichten: "Christian ist sehr bescheiden. Er hat ein tolles Auto, aber er gibt gibt damit nicht an und fährt immer im Eco-Modus."

Auf dem Feld zündet Pulisic hingegen gerne den Turbo, auch wenn er im Dortmunder Wirbel in dieser Saison in der Hierarchie ein wenig ins Hintertreffen geraten ist. In der vergangenen Spielzeit stand er 27 Mal in der Startelf, in der Hinrunde hingegen nur fünf Mal. Trotzdem ist er ein wichtiger Bestandteil des Dortmunder Kaders und wird in der Rückrunde beim Tanz auf drei Hochzeiten seine Einsatzzeit bekommen.

Pulisic möchte sich unbedingt mit einem Titel von den BVB-Fans verabschieden. In seinen Abschiedsworten auf Twitter nach der Bekanntgabe seines Transfers ist er optimistisch, dass dies klappt: "Wir alle fühlen, dass dieses Jahr 'unser Jahr' werden könnte - und wir werden alles daran setzen, einen Top-Saison-Abschluss zu haben." Die Deutsche Meisterschaft wäre in der Tat die Krönung der Entwicklung des Dortmunder Himmelsstürmers aus Hershey.

Florian Reinecke