Köln - Die Aufholjagd zum 4:2-Sieg bei Bayer 04 Leverkusen war ein Musterbeispiel für die Moral und Mentalität, die Borussia Dortmund zurzeit ausmacht. Einer ragt dabei nicht nur heraus, sondern geht voran. Marco Reus ist als Kapitän auf und neben dem Platz ein echter Anführer. Er lebt das vor, was diese Mannschaft so stark macht, den BVB nach sechs Spieltagen von der Tabellenspitze grüßen und die Fans endlich wieder von der Schale träumen lässt.

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Es war die 69. Minute in Leverkusen, Marco Reus hatte gerade nach einer tollen Kombination mit Jadon Sancho den 0:2-Rückstand in ein Remis verwandelt. Mit stolz geschwellter Brust drehte Dortmunds Kapitän ab, lief jubelnd zur Dortmunder Kurve, reckte den Arm mit kampfeslustigem Blick nach oben. Seht her, schien er sagen zu wollen, genau so wird es gemacht – und jetzt holen wir uns auch noch den Sieg.

Reus in der Rolle des Leaders

Es war kein Zufall, dass ausgerechnet der Dortmunder Kapitän in diesem Moment im Mittelpunkt stand. Reus wächst mit der Binde am Arm immer mehr in die Rolle des Leaders der jungen Wilden beim BVB hinein. Seine herausgehobene individuelle Klasse paart er mit viel Willen und vorbildlichem Einsatz. In Leverkusen bereitete er den Anschlusstreffer zum 1:2 vor, traf dann selbst zum Ausgleich und schraubte seine stolze Saisonbilanz auf vier Treffer und vier weitere Assists. Damit ist Reus bester Scorer der Liga. Zudem spulte der 29-Jährige an diesem Abend 12,1 Kilometer ab – so viel lief kein anderer Borusse.

Matchwinner unter sich: Jadon Sancho und Marco Reus bejubeln den Erfolg in Leverkusen
Matchwinner unter sich: Jadon Sancho und Marco Reus bejubeln den Erfolg in Leverkusen © imago / Laci Perenyi

Eine neue Mentalität war eines der Hauptanliegen, das Borussias Führungsriege vor der Saison umtrieb. Reus ist jetzt einer, der das verkörpert. Auch deshalb, weil er endlich auch die nötige Fitness hat. Der so verletzungsanfällige Nationalspieler absolvierte in Leverkusen saisonübergreifend sein zwölftes Bundesligaspiel in Folge, was ihm zuvor vier Jahre lang nicht vergönnt war. So kann er seine Klasse immer wieder ausspielen und zugleich vorangehen. Und dabei auch ein feines Gespür entwickeln für Momente, in denen er als Mahner und Warner gefragt ist.

"Nicht gut, dass wir Mittwoch hoch gewonnen haben"

Nach dem 7:0-Erfolg über Nürnberg in der Woche etwa war dem Kapitän nicht verborgen geblieben, dass dieser Kantersieg vielleicht nicht für jeden Spieler die richtige Vorbereitung auf das Duell bei Bayer war. "Es war nicht gut, dass wir am Mittwoch so hoch gewonnen haben. Wir haben kein gutes Aufwärmen absolviert, da war es fast die logische Konsequenz, dass wir so eine erste Halbzeit spielen" erzählte Reus nach der Partie. Zu wenig Überzeugung und zu wenig Entschlossenheit hatte der BVB in diesen 45 Minuten auf den Rasen gebracht, um nicht mit 0:2 in Rückstand zu geraten.

"Marco vertraut mir, ich vertraue ihm. Wir haben eine besondere Verbindung, auf und neben dem Platz." Jadon Sancho

Es spricht aber eben für die neue Mentalität und für die Moral dieser jungen Mannschaft, dass man sich damit in der Pause nicht lange aufgehalten hat. Das Selbstvertrauen ist groß genug, auch das scheinbar Unmögliche anzugehen. Denn auswärts einen 0:2-Pausenrückstand noch in einen Sieg zu verwandeln, das war dem BVB in seiner Bundesligahistorie noch nie gelungen.

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Jetzt aber drehte dieses Team zuerst auf und dann mit Marco Reus an der Spitze das Spiel. Dessen Kombination mit Jadon Sancho, dieser doppelte Doppelpass auf dem Weg zum Ausgleich, ließ sogar Lucien Favre staunen. "Sie verstehen sich sehr gut und sie wissen, wie man eine Mannschaft destabilisieren kann. Das war ein super Tor – tak, tak, tak, mit einem Kontakt", freute sich der Trainer. Für den erst 18-jährigen Engländer, inzwischen aus der Jokerrolle heraus gewachsen und bester Vorbereiter in ganz Europa, ist Marco Reus eine Art Mentor: "Marco vertraut mir, ich vertraue ihm. Wir haben eine besondere Verbindung, auf und neben dem Platz."

Dortmunds Kantersieg gegen Nürnberg im Video:

Marco Reus selbst wiederum war nach dem 4:2-Sieg voll des Lobes für seine Mitspieler, vor allem für die Youngster wie Sancho, Bruun Larsen, Zagadou oder Hakimi. "Es standen wieder extrem viele junge Spieler auf dem Feld. Für die ist es auch nicht einfach, wenn du in Leverkusen zur Pause 0:2 zurückliegst. Wenn du dann so eindrucksvoll zurückkommst, ist das schon stark!"

Borussia vereint Kraft, Willen und Qualität

Keine Frage: Diese Borussia vereint aktuell die Kraft, den Willen und die Qualität, sich auch Widerständen entschlossen entgegen zu stellen. Im Pokal in Fürth drehte man spät das Spiel, in der Champions League in Brügge holte man sich ebenfalls auf den letzten Drücker noch drei Punkte, in der Bundesliga punktete man nach Rückstand noch gegen Leipzig, Hoffenheim - und eben jetzt in Leverkusen. Als einziger Bundesligist ist Borussia Dortmund noch ungeschlagen, verfügt mit 19 Treffern über den besten Sturm der Liga. Die starke Offensivpower und vor allem die unbändige Moral versetzen Berge. "Die Gier ist im Moment sehr groß, der Glaube ist immens. Die Mannschaft hat auch in Leverkusen wirklich immer an sich geglaubt", stellte Sebastian Kehl, Leiter der Lizenzspielerabteilung, anerkennend fest.

Wohin das noch führen kann, bleibt abzuwarten. Bei den eigenen Anhängern jedenfalls hat man spätestens mit dem Coup bei Bayer eine neue Euphorie ausgelöst. "Wer wird Deutscher Meister? BVB Borussia!", sangen die Fans noch lange nach dem Abpfiff begeistert.

Aus Leverkusen berichtet Dietmar Nolte