Zusammenfassung

  • Dortmund stimmt sich mit seinen Fans auf den Klassiker ein

  • Der BVB geht mit neuem Selbstvertrauen in das DFB-Pokal-Achtelfinale

  • Der neue Trainer Peter Stöger hat an den richtigen Schrauben gedreht

Dortmund - Minutenlang hallte es lautstark von der Südtribüne aus durch das ganze Stadion und prasselte wohltuend auf die Spieler herab, die unten auf dem Rasen hüpften und feierten: "Der BVB ist wieder da“, skandierten Zehntausende ebenso inbrünstig wie unermüdlich, als der 2:1-Erfolg von Borussia Dortmund über Hoffenheim perfekt war. Zwei Siege in Folge unter Peter Stöger haben die schwarz-gelbe Brust nach Wochen der Krise wieder ein Stück breiter gemacht - auch für das Pokalspiel am Mittwoch bei den Bayern.

Feiernde Fans, lachende Spieler, eine gelöste Stimmung, das hatte bei Borussia Dortmund in den letzten Wochen Seltenheitswert. Aber sechs Punkte innerhalb von nur fünf Tagen haben es möglich gemacht. Dazu noch der Last-Minute-Sieg gegen die TSG 1899, dieser späte Treffer von Christian Pulisic in der 90. Minute, nach dem sich die ganze Anspannung und der ganze Frust einer langen Serie mit Rückschlägen, Misserfolgen und vor allem Zweifeln fast explosionsartig auf den Rängen und auf dem Rasen entlud. Zum ersten Mal in dieser Saison ist es der Borussia gelungen, einen Rückstand noch zu drehen.

Ergebnisse sind das Wichtigste

Der Mann, der ein bisschen an den Stellschrauben gedreht und die Köpfe wieder ein Stück freier gemacht hat, feierte indes nicht mit vor der Südtribüne. "Ich muss da nicht mit auf den Rasen rennen“, beschied Peter Stöger ganz gelassen und schaute sich das Ganze zufrieden aus der Ferne an. Sein Team brauche vor allem Erfolgserlebnisse, hatte er schon bei Amtsantritt vor einer Woche festgestellt und dies auch der Mannschaft eindringlich mit auf den Weg gegeben. "Der Trainer hat uns noch einmal gesagt, dass das Wichtigste zurzeit die Ergebnisse sind. Und das hat jetzt zweimal gestimmt, auch wenn wir noch nicht auf den Platz gebracht haben, was wir uns vorstellen“, analysierte Roman Bürki zufrieden.

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Christian Pulisic ist immer einer der auffälligsten Spieler beim BVB
Christian Pulisic ist immer einer der auffälligsten Spieler beim BVB © imago

Sowohl der Erfolg in Mainz als auch der Heimsieg über Hoffenheim haben dabei gezeigt, wie Stöger die Mannschaft stabilisiert und ihr neues Vertrauen gegeben hat. Er hat keine Revolution in Sachen Personal oder Taktik ausgerufen, lässt aber im Detail anders spielen als Vorgänger Peter Bosz – und das hilft zurzeit offenbar. Der Schlüssel liegt in der defensiven Ausrichtung: Die Mannschaft steht tiefer und attackiert später, wählt insgesamt eine passivere Verteidigungsstrategie anstatt eines permanent hohen Pressings. Es wird weniger aggressiv gegen den Mann verteidigt, sondern in einer 4-1-4-1-Grundordnung eher ballorientiert verschoben.

"Wenn du keinen Druck auf den Gegenspieler bekommst, haben die Verteidiger die Sicherheit, sich einfach fallen lassen zu können und auf Unterstützung zu warten. Das tut uns gut." Julian Weigl

Das ist insgesamt unspektakulärer als unter Bosz, bringt aber mehr Balance und gibt den Spielern Sicherheit. "Wenn du keinen Druck auf den Gegenspieler bekommst, haben die Verteidiger die Sicherheit, sich einfach fallen lassen zu können und auf Unterstützung zu warten. Das tut uns gut“, ist Julian Weigl überzeugt. Roman Bürki bewertet es ähnlich: „"Dass wir den Ball nicht vorne erobern müssen, sondern uns auch zurückfallen lassen können und den Ball dann hinten erobern, gibt uns Sicherheit.“

Anspruch ist ein anderer

Ein Problem, das Stöger seiner Mannschaft gerade auch vor dem Pokalduell bei den Bayern aber noch einmal deutlich vor Augen führen wird und muss: Kommt man nicht in die Zweikämpfe, lässt es komplett am Druck auf den Passgeber fehlen und öffnet auch noch die Passwege, wird es ganz schnell gefährlich. Das Führungstor der Hoffenheimer war dafür am Samstag ein Musterbeispiel. Dass man an den Gegner hingegen zurzeit oftmals den Ballbesitz und damit auch die Regie auf dem Platz abtritt, damit können Spieler und Verantwortliche momentan gut leben. "Dass es unser grundsätzlicher Anspruch ist, das Spiel aktiv zu gestalten, ist klar. Das wird auch in der Rückrunde wieder der Fall sein. Aber in dieser Phase geht es eben nicht anders“, stärkte BVB-Boss Hans-Joachim Watzke Team und Trainer den Rücken.

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Strategie treu bleiben

Es steht also zu erwarten, dass der BVB auch am Mittwoch beim FC Bayern seiner eher abwartenden Strategie treu bleiben wird. Ihre Gefährlichkeit gewinnt die Mannschaft zurzeit vor allem durch ein kluges Umschaltspiel und eigene Konter nach Ballgewinn, wenn es mit Tempo nach vorne gehen soll. Teilweise fehlt es dabei noch an der Präzision. Stöger monierte zudem mit Blick auf die Anfangsphase auch fehlende Zielstrebigkeit: "Da waren wir zu verspielt Richtung Abschluss.“ Einen derartigen Chancenwucher, wie ihn Andrej Yarmolenko gegen Hoffenheim betrieb, wird man sich in München nicht leisten können, das weiß auch Stöger.

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Dem Coach wird zudem nicht verborgen geblieben sein, wie fragil auch das neue Selbstvertrauen ist. Das hat man der Mannschaft nach dem Rückstand angemerkt. Da fehlt es noch an der Selbstverständlichkeit im eigenen Ballbesitzspiel, da wird zu selten der vertikale Pass gespielt. Geht’s bei der Borussia aber mal druckvoll mit Zug zum Tor in die Tiefe, wird es auch gleich gefährlich für den Gegner. Und dieses Gefühl nimmt man jetzt auch mit in das Pokalspiel, ist Bürki überzeugt: "Wir wissen, dass wir offensiv immer für Tore gut sind, das haben wir jetzt auch in den beiden letzten Spielen bewiesen.“

"Wir wissen, dass wir offensiv immer für Tore gut sind, das haben wir jetzt auch in den beiden letzten Spielen bewiesen.“ Roman Bürki

Natürlich träumen sie in Dortmund alle davon, die verkorkste Hinserie mit einem Überraschungscoup an der Isar doch ein ganzes stückweit wieder gerade zu rücken. In der Bundesliga hat man sich im Rennen um die Champions-League-Plätze mit den beiden Siegen zurückgemeldet, international mischt man immerhin noch in der Europa League mit – da wäre das Viertelfinale im traditionell geliebten DFB-Pokal für den Titelverteidiger ein schönes Bonuspräsent unter dem Weihnachtsbaum.

Julian Weigl (r.) im Duell mit Thiago: Anfang Dezember gab es den Klassiker schon in der Bundesliga
Julian Weigl (r.) im Duell mit Thiago: Anfang Dezember gab es den Klassiker schon in der Bundesliga © imago / Moritz Müller

Stöger und die neu gewonnene Sicherheit haben die Brust wieder etwas breiter und die Spieler vorsichtig optimistisch gemacht. "Für einen Sieg muss vieles zusammen kommen. Aber wir fühlen uns dieser Aufgabe gewachsen. Wir wissen, dass wir eine Chance haben“, lässt Weigl Selbstbewusstsein sprechen. In der vergangenen Saison setzte sich der BVB im Pokal-Halbfinale ebenfalls beim FC Bayern mit 3:2 durch. Eine Tatsache, an die Sportdirektor Michael Zorc sich und die Mannschaft in diesen Tagen gerne noch einmal erinnert: "Grundsätzlich fahren wir überall hin und wollen gewinnen. Und wir haben auch schon bewiesen, dass wir es können.“

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte