Zusammenfassung

  • Renato Sanches glänzt nach seiner Rückkehr in München

  • Nach seiner Leih-Saison will Sanches endlich in der Bundesliga ankommen

  • Kovac lobt Sanches und prophezeit "viele gute Spiele"

Köln – Er ist wieder da! Renato Sanches wirkt nach seiner Rückkehr zum FC Bayern München wie ausgewechselt. Nach einem weniger erfolgreichen Jahr in Wales kämpft der Youngster darum, endlich zu werden, für was ihn viele bei seinem Wechsel vor zwei Jahren schon hielten: ein Weltklasse-Spieler. Der FC Bayern und Niko Kovac setzen auf den Europameister von 2016. Wird es eine Liebe auf den zweiten Blick?

Renato Sanches startete seinen zweiten Anlauf beim FC Bayern mit einem Ausrufezeichen: Im Testspiel gegen Paris Saint-Germain knallte der 20-Jährige einen Freistoß aus spitzem Winkel direkt ins Tor, brachte sein Team nach 0:1-Rückstand in Führung, Endstand: 3:1. Ein Start nach Maß, vor allem für den Rückkehrer. "Er hat ihn schön herumgeschlenzt", gratulierte Keeper Sven Ulreich nach dem Spiel: "Das freut mich für ihn und tut ihm, glaube ich, gut." Trainer Niko Kovac war sich nach dem Auftritt sicher, Sanches werde "in dieser Saison viele gute Spiele für den FC Bayern machen." Nach verheißungsvoller Debüt-Saison bei Benfica und noch vor dem EM-Titel mit Portugal 2016 hatte der FC Bayern die internationale Konkurrenz im Kampf um Sanches ausgestochen. Weit weg von Zuhause wurde das Wunder- aber zum Sorgenkind.

Meritan Shabani und Rafinha gratulieren Sanches zu seinem Freistoß-Kracher gegen PSG © imago

Vom Wunder- zum Sorgenkind

Zugegeben, es ist nicht das erste Mal, dass der hochveranlagte Rechtsfuß in der Saisonvorbereitung glänzt. 2017 entzückte er das Publikum mit einer Top-Leistung inklusive Kabinettstückchen beim 3:2-Test gegen den FC Chelsea. Fans und Medien frohlockten, hofften, dass der Hochbegabte im zweiten Jahr in München so richtig loslegen würde. In seiner ersten Spielzeit war Sanches zumeist zwischen Bank und Tribüne gependelt. Zwar kam er auf 25 Pflichtspieleinsätze, doch selten durfte Sanches über die komplette Spielzeit ran, noch seltener stand er in den ganz großen Spielen auf dem Platz. Auch leistete er sich immer wieder Unachtsamkeiten und produzierte Fehlpässe. Häufig wurde er dadurch nervös oder hektisch, was zu weiteren Fehlern führte.

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"Er ist kein schwieriger Typ. Er ist ein ganz einfacher Junge, der aber Zuneigung und Unterstützung von allen Seiten braucht. Nicht nur von den Mitspielern oder den Trainern. Auch vom gesamten Club." Niko Kovac

Den ersten Neustart verordneten die Verantwortlichen ihrem Juwel mit der Ausleihe an Swansea City. Bei Paul Clement, der Carlo Ancelottis Trainerstab in München verlassen hatte, um beim walisischen Premier-League-Team Cheftrainer zu werden, wähnte man das Talent in guten Händen. Ähnliche Leihgeschäfte hatten zuvor schon Philipp Lahm (Stuttgart), Toni Kroos (Leverkusen) und David Alaba (Hoffenheim) zum Durchbruch und letztlich zur Welt-Karriere verholfen. Auf Spielzeit kam Sanches in Wales tatsächlich schnell und regelmäßig, doch die Nachwirkungen des ernüchternden Bayern-Jahres waren nicht zu übersehen.

"Es schien, als würde er eine tonnenschwere Last mit sich herumschleppen", erzählte Clement, der im Dezember 2017 gehen musste, in einem Interview mit der englischen "Times": "Er wollte es zu sehr. Er war besessen davon, allen zu zeigen, dass sie falsch lagen. Er schoss aus 40 Metern und aus spitzem Winkel, und er machte diese Fehler immer wieder. Aber im Training, wenn es keinen Druck gab, dann war er der beste Spieler." Nach 15 Spielen beendete eine Oberschenkelverletzung seine aktive Swansea-Zeit vorzeitig. An ein erneutes Sommermärchen bei der WM mit Portugal war so auch nicht mehr zu denken. Bei seiner Rückkehr nach München Anfang Juli war Renato Sanches damit fünf Monate ohne Spielpraxis. Gift für die Karriere eines jungen Spielers.

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Mit Sanches' Trainingsleistungen ist Kovac sehr zufrieden:
Mit Sanches' Trainingsleistungen ist Kovac sehr zufrieden: "Er hat jetzt drei Wochen Gas gegeben." © imago

Sanches wirkt wie ausgewechselt

Mit dieser Leidensgeschichte im Hinterkopf müssen Kiebitze wie Experten an der Säbener Straße dieser Tage schon zweimal hinsehen: Der junge Mann aus Portugal ist immer noch der Muskulöseste der Truppe, bei keinem spannt das Trainingsshirt wie bei ihm. Auch die langen schwarzen Zöpfe sind dieselben. Doch ganz neu und überraschend beständig ist das Lächeln in Sanches' Gesicht. Die Leichtigkeit, mit der er sich alten Kollegen und neuem Trainerteam präsentiert, lässt einen fast an einen leichtmütigeren Zwillingsbruder glauben. Sanches lacht, läuft, passt, sprintet, stoppt und lacht schon wieder.

Großen Anteil daran dürfte sein neuer Chef haben. Kovac sicherte ihm schon auf seiner Antritts-Pressekonferenz Unterstützung zu: "Ich werde versuchen, dass er sich hier wohlfühlt. Ich freue mich auf ihn und wünsche mir, dass er den Kampf annimmt, er so motiviert ist, dass er von der ersten Minute an Gas gibt." Worte, die sich Sanches zu Herzen genommen hat. Er spürt, dass er unter diesem Trainer eine echte Chance hat. Kovac weiß um das Vertrauen und die Ansprache, die junge Spieler brauchen: "Er ist kein schwieriger Typ. Er ist ein ganz einfacher Junge, der aber Zuneigung und Unterstützung von allen Seiten braucht. Nicht nur von den Mitspielern oder den Trainern. Auch vom gesamten Club."

"Es schien, als würde er eine tonnenschwere Last mit sich herumschleppen." Paul Clement, Sanches' Ex-Trainer bei Swansea City

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Gute Chance trotz großer Konkurrenz

Dass der Club Kovacs Ansatz unterstützt, zeigt, dass ein Sanches-Abgang überhaupt kein Thema mehr zu sein scheint. Eine Leih-Anfrage von Ex-Club Benfica lehnte der Rekordmeister entschieden ab – trotz der Überbesetzung mit aktuell acht Spielern fürs zentrale Mittelfeld: Trotz Neuzugang Leon Goretzka, trotz der Weltmeister Corentin Tolisso und Javi Martinez, trotz der Ausnahmetechniker Thiago und James, trotz der Ruhe eines Sebastian Rudy und der Wucht eines Arturo Vidal setzt man auf den jungen Wilden mit den Dreadlocks.

Bayern traut ihm auf Dauer zu, zu werden, was bei Bayern nach Lothar Matthäus erst Stefan Effenberg, dann Michael Ballack, dann Basti Schweinsteiger, dann Xabi Alonso und seitdem keiner mehr war: Ein Mittelfeldchef, der ankurbelt, den Takt vorgibt, die Nebenleute mitreißt und immer wieder auch torgefährlich wird. Eine Prise Schweinehund kann dabei auch nicht schaden. Nimmt Sanches die Herausforderung an, die deutsche Sprache, die bayrische Kultur, das "Mia san Mia", dann werden diese vermaledeiten zwei Jahre im Bayern-Umfeld bald mit demselben Achselzucken zerstreut wie einst David Alabas Lehrgeld-Spiel beim 1:2 in Frankfurt im Frühjahr 2010. Sanches hat noch immer die Chance, die Prophezeiungen zu erfüllen. Und er fängt gerade an, sie zu nutzen.

Tim Wichmann