Sinsheim - Jüngst erlebte Nils Petersen eine Premiere: Er saß gerade beim Essen mit seiner Freundin und seinen Eltern im Restaurant, als ein Team der ARD-Sportschau dem 29 Jahre alten Stürmer vom Sport-Club Freiburg die Medaille zum "Tor des Monats Januar 2018" vorbeibrachte, die ihm schließlich sein Vater überreichte. Gewählt wurde sein Treffer aus fast 50 Metern in Dortmund. Am Mittag vor der Auszeichnung hatte Petersen den SC noch gegen den SV Werder Bremen in der Bundesliga zum Sieg geschossen, am Abend folgte die prestigereiche Kür. Nils Petersen hat sie sich verdient, er trifft derzeit wie am Fließband.

"Ich freue mich riesig über die Auszeichnung, das ist etwas, das ich noch nie erreicht habe, auch nie gedacht hätte, es irgendwann zu erreichen", sagte er bei der Medaillenübergabe. Und bodenständig, wie er ist, reichte er das Lob an jene weiter, die ihm am nächsten stehen: "Ich widme das ganz besonders meiner Familie und meiner Freundin, die immer live zugucken und jeden Samstag mit mir zittern."

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Auch am vergangenen Wochenende sicherte ein Petersen-Treffer beim 1:1 bei der TSG 1899 Hoffenheim einen weiteren Punkt für die Freiburger. Diesmal fiel das Tor nicht so spektakulär aus wie in Dortmund, aber ein Elfmeter muss auch erst mal verwandelt werden. Und auch darin liegt eine große Stärke dieses Angreifers, dass er aus vielen Situationen heraus und mit allen Körperteilen Tore erzielen kann.

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Die Freiburger profitieren von der Abschlussstärke des Routiniers. Mit nur einer Niederlage in den jüngsten zwölf Spielen verschafften sich die Südbadener mit nun 29 Punkten nach 24 Spieltagen eine gute Ausgangsbasis im Kampf um den Klassenerhalt. Großen Anteil daran hat eben Mittelstürmer Petersen, der in den jüngsten zehn Spielen zehn Mal getroffen hat. Mit insgesamt zwölf Toren ist der Routinier derzeit der erfolgreichste Torschütze der Bundesliga mit deutschem Pass. Auch hat er damit seine persönliche Saison-Bestleistung schon übertroffen und zuletzt sein 50. Bundesliga-Tor erzielt. Die guten Leistungen sind natürlich auch anderen Clubs aufgefallen. Doch dem schob Petersen einen Riegel vor und verlängerte vergangene Woche seinen Vertrag in Freiburg.

"Ich habe ja schon einiges erlebt. Aber in Freiburg habe ich genau das gefunden, was ich brauche." Nils Petersen

Trotz anderer Angebote hat Petersen seinen Vertrag verlängert

"Ich habe ja schon einiges erlebt. Aber in Freiburg habe ich genau das gefunden, was ich brauche", erklärte er seinen Schritt. Und er weiß, wem er viel zu verdanken hat: "Taktisch und fachlich hat mich kein Trainer so weit gebracht wie Christian Streich", beschrieb Petersen den SC-Coach einmal. Und Streich lobte nach dem 2:1-Sieg gegen Mainz im November die Führungsqualitäten seines Angreifers: "Jetzt muss er vorangehen, und er tut es, und er kann es auch. Das ist herausragend." Petersen nahm  in Freiburg auch schon die Rolle des Jokers an, auch deshalb bezeichnete ihn Streich einmal als das "Gegenteil einer Ich-AG".

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Bei größeren Clubs war der Mann aus Werningerode nicht glücklich geworden - weder beim FC Bayern München, noch beim SV Werder Bremen. Petersen musste seine Erfahrungen machen, um zu wissen, was er will, jetzt sagt er: "Ich bleibe in Freiburg, weil ich weiter jeden Tag mit einem Lächeln zur Arbeit gehen will." SC-Sportvorstand Jochen Saier bezeichnet die Zusammenarbeit zwischen dem Club und dem wertvollen Routinier als "perfekte Symbiose". Die Treffsicherheit von Petersen ist ein wichtiges Faustpfand auf dem Weg zum Klassenerhalt.

Bei Olympia 2016 wurde er Torschützenkönig

Petersen strahlt immer Gefahr aus und steht stets gold richtig
Petersen strahlt immer Gefahr aus und steht stets gold richtig © DFL DEUTSCHE FUSSBALL LIGA / Simon Hofmann/Getty Images

Dieser Profi ist nicht nur neben dem Platz geerdet, er weiß sich auch einzuschätzen. In einem Interview mit Sportbuzzer sagte er jüngst: "Junge Profis sind heute häufig extrem schnell. Tempo wird ein immer bedeutenderer Faktor in der Bundesliga. Das ist für Spieler wie mich, die keine großen Sprinter sind, ein Nachteil. Es ist wirklich hart, jedes Jahr der Bundesliga gerecht zu werden, bei dem was da nachkommt."

>>> Petersen verlängert seinen Vertrag

Doch Petersen schafft es, nicht nur konkurrenzfähig zu bleiben, sondern sich in der Spitze zu behaupten. 2016 wurde er von Trainer Horst Hrubesch als einer von drei älteren Spielern in den Kader der Olympia-Auswahl bei den Spielen in Rio de Janeiro berufen. Er gewann dort nach einer unglücklichen Final-Niederlage nach Elfmeterschießen gegen Gastgeber Brasilien im legendären Maracana-Stadion die Silbermedaille und wurde mit insgesamt sechs Treffern Torschützenkönig der Spiele. Dabei stand er nur einmal in der Startelf.

"Jetzt muss er vorangehen, und er tut es, und er kann es auch. Das ist herausragend. Nils ist das Gegenteil einer Ich-AG". Christian Streich (Trainer SC Freiburg)

Der wichtigste Ratgeber ist Vater Andreas

Sein wichtigster Ratgeber in sportlichen Dingen ist neben SC-Trainer Christian Streich Vater  Andreas. Der ist selbst Trainer beim Regionalligisten Germania Halberstadt - was Sohn Nils nicht daran hinderte, beim 2:1-Sieg des SC im DFB-Pokal ein Tor gegen Papas Elf zu schießen. Der Vater nahm es gelassen und der Sohn freute sich ohne Zeichen des Triumphs. Dazu ist das Verhältnis viel zu gut, angeblich telefonieren die beiden täglich.

Jüngst erzählte Vater Andreas folgende Anekdote: Als er im Januar seinen Urlaub in Dubai verbrachte, sah er auch Nationaltrainer Joachim Löw am Strand. "Da wollte ich mich eigentlich kurz vorstellen und ihn fragen, was er denn vom Nils hält und wie seine Chancen stehen", erzählte Petersen senior, der allerdings zugab, sich dann doch nicht getraut zu haben. Und er erzählte weiter, dass sein Sohn darüber heilfroh war. Ohnehin kann Joachim Löw Petersens Leistungen sehr gut einschätzen, der Weltmeistert-Trainer ist häufiger Gast der Heimspiele des SC. Womöglich wird er auch am kommenden Sonntag dort zu finden sein, wenn die Freiburger Tabellenführer Bayern München empfangen. Eine echte Herausforderung für die Mannschaft von Trainer Streich.

2015 schoss Petersen den SC zum 2:1-Sieg gegen die Bayern

Der findet es grundsätzlich "Wahnsinn", wie seine Auswahl trotz großen Verletzungspechs in dieser Saison nach Rückschlägen und Rückständen immer wieder zurückkomme und lobt vor allem die taktische Disziplin und die Laufbereitschaft. Aber er kritisiert auch: "Wir müssen natürlich besser Fußball spielen, sonst kriegen wir ein Problem." Im Heimspiel gegen den Tabellenführer sieht Streich seine Elf nicht chancenlos, denn: "In den letzten Jahren waren die Spiele gegen die Bayern traditionell gut." Und er hofft natürlich, dass auch die Serie von Nils Petersen gegen dessen Ex-Club weitergeht. 2015 schoss der die Schwarzwälder sogar mal in der Schlussminute zu einem 2:1-Sieg gegen den deutschen Rekordmeister.

Von Tobias Schächter