Ausgelassener Bremer Jubel über Topraks Siegtor in Paderborn - © Ulrich Hufnagel via www.imago-images.de/imago images/Ulrich Hufnagel
Ausgelassener Bremer Jubel über Topraks Siegtor in Paderborn - © Ulrich Hufnagel via www.imago-images.de/imago images/Ulrich Hufnagel
2. Bundesliga

Fußball total! Werder Bremen hat seine Identität zurück

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Es zeichnet einen Führungsspieler aus, dass er auch in schwierigen Momenten den Finger in die Wunde legt und vor unangenehmen Fragen nicht zurückschreckt. Beim spektakulären Bremer 4:3-Erfolg beim SC Paderborn spielte Leonardo Bittencourt auf dem Platz zwar diesmal keine Hauptrolle, aber im Nachgang marschierte der 28-Jährige voran. Entschlossen grätschte er Mitten im Interview von Anthony Jung in der Mixed Zone dazwischen. "Habt ihr vielleicht Wlan für mich? Ich will die Musik anmachen und das geht grad nicht. Ich brauch Wlan!“, so der Offensivspieler. Erst nachdem Bittencourt mit dem Passwort Richtung Gästekabine davonzog, konnte das Interview fortgeführt werden.

Nicht nur in dieser Szene wurde am Wochenende klar, dass die Freude am Beruf in die Bremer Kabine zurückgekehrt ist. Zuvor lieferte der SV Werder beim SC Paderborn einen leidenschaftlichen Fight auf einem Untergrund, den SCP-Coach Lukas Kwasniok anschließend zutreffend als "Matschepampe" bezeichnete. Neben dem vom Winter gezeichneten Rasen musste das Werner-Team zahlreiche weitere Widrigkeiten überwinden. Einen gehaltenen Elfmeter beispielsweise, der dann - zu Recht - wiederholt werden musste, weil Marco Friedl zu früh in den Sechzehner gelaufen war. Oder das zweite Gegentor, das kurz nach dem Ausgleich fiel. Oder der dritte Gegentreffer, als Jiri Pavlenka aus über 35 Metern überlupft wurde. Oder das vermeintliche 4:3-Führungstor, das aufgrund einer hauchdünnen Abseitsposition nicht zählte. Eigentlich hatte es den Anschein, dass es einfach nicht der Nachmittag der Hanseaten war - aber diesen Eindruck wischte das Team mit großer Leidenschaft einfach beiseite.

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Gerade die Friedl-Situation ließ Erinnerungen ans verlorene Nordderby aufkommen, als ein Ducksch-Freistoß zwar unhaltbar im Winkel einschlug, Mitchell Weiser aber zu dicht an der Mauer stand und der Treffer deshalb nicht zählte. Gegen den HSV setzte es eine 0:2-Niederlage, in Paderborn fand das Team immer die richtige Antwort.

Bremer Offensive derzeit konkurrenzlos in der 2. Bundesliga

Augenfällig ist, dass Werner gerade in der Offensive alte Bremer Qualitäten entfesselt hat. 18 Treffer konnten die Bremer in den fünf Partien seit seinem Amtsantritt bejubeln - mit Abstand der beste Wert der 2. Bundesliga in diesem Zeitraum. Ligaübergreifend kann da nur der FC Bayern München mithalten, die in den letzten fünf Partien ebenfalls 18 Tore erzielten. Ein Schlüssel für die wiedergewonnene Durchschlagskraft ist neben der individuellen Klasse der Akteure die Herangehensweise von Ole Werner. "Es ist wichtig, dass man so spielt, dass die eigenen Stärken zur Geltung kommen und dass ich mir nicht überlege, was der Gegner gut macht und ich in erster Linie versuche, das zu neutralisieren", so der Bremer Trainer im Gespräch mit dem NDR-Sportclub.

Offensiv, aktiv und spektakulär - jahrelang stand der Bremer Fußball für diese Attribute, aber in Jahren des Abnutzungskampfes in der Bundesliga ist dieser Weg allzu häufig verloren gegangen. Unter Werner ist der SVW nun dabei, seine alte Mentalität wiederzuentdecken. Dabei profitieren die Bremer von einem herausragenden Sturmduo. Die Formkurve bei Marvin Ducksch und Niclas Füllkrug zeigte schon vor der Amtsübernahme durch Ole Werner deutlich nach oben, aber unter dem neuen Coach haben die beiden eine unglaubliche Quote. Ducksch hat in jedem Spiel unter Werner genau einen Treffer erzielt und in diesen fünf Partien zudem noch vier Tore vorbereitet. Füllkrug kommt in diesem Zeitraum auf vier Tore und drei Torvorlagen. Beide haben damit unter dem neuen Trainer mehr Scorerpunkte gesammelt als an den ersten 15 Spieltagen der Saison (Ducksch neun von 17, Füllkrug sieben von zwölf Scorerpunkten).

Fußball total an der Weser

Bei diesen Werten liegt es nahe, dass in der Tradition von Pizza-Toni (Pizarro und Ailton) und des "K+K-Sturms" (Klasnic und Klose) nach einem passenden Namen für das aktuelle Bremer Traumduo gesucht wurde. Darauf angesprochen, ob er nicht eine Idee hätte, antwortete Füllkrug trocken "die hässlichen Vögel" und hatte damit die Lacher auf seiner Seite. Mit der Antwort vermied der endlich verletzungsfreie Angreifer auch eine zu große Fixierung auf die Partner im Sturm. Die beiden sind zwar ein wichtiger Teil des Werder-Erfolgs, aber unter Ole Werner sind praktisch alle Spieler für offensive Akzente zuständig. Von den Feldspielern, die Ole Werner in vier seiner fünf Spiele auf Feld schickte, haben nur Christian Groß und der in Paderborn verletzt fehlende Felix Agu unter Werner noch kein Tor erzielt. Und lediglich Groß ist ohne direkte Torbeteilung (Agu bereitete zwei Treffer vor) in den letzten fünf Partien. Es weht ein Hauch des niederländischen "Fußball total" an der Weser, bei dem Spieler in der Lage sein müssen, je nach Situation verschiedene Rollen auszufüllen.

Die starke Entwicklung in Bremen lässt sich mittlerweile auch deutlich an der Tabelle ablesen: Erstmals seit dem 6. Spieltag steht Werder wieder auf Rang 3 - und selbst der direkte Aufstieg ist wieder in unmittelbare Nähe gerückt. Für eine mögliche Party sollte Leonardo Bittencourt dann auch frühzeitig das Wlan-Passwort zur Verfügung gestellt werden.