München - Durch einen Sieg im DFB-Pokalfinale gegen Borussia Dortmund will der FC Bayern München die nationale Fußball-Hierarchie wieder ein Stück zu seinen Gunsten zurechtrücken. Die vergangenen vier Partien gingen allerdings allesamt an den BVB, der noch weitere Vorteile auf seiner Seite hat, wie bundesliga.de zu berichten weiß.

Schon die Anfangsphase im Berliner Olympiastadion könnte für den Ausgang der Begegnung zwischen dem "Rekord-Meister" Borussia Dortmund und dem Rekordmeister Bayern München von großer Wichtigkeit sein.

"Jetzt wollen wir den Pott auch holen"



Bei den vergangenen vier Siegen des BVB gegen die Bayern gingen die Dortmunder in allen vier Duellen mit 1:0 in Führung, das ist gegen die Münchner vorentscheidend. Bayern gewann in dieser Saison 33 von 34 Pflichtspielen nach 1:0-Führung, verlor aber 10 von 14 Partien nach 0:1-Rückstand.

"Wir haben eine Riesenchance, einen Titel zu gewinnen. Die wollen wir nutzen", erklärte Bayern-Kapitän Philipp Lahm vor dem Spiel in Berlin und David Alaba ergänzte: "Wir haben die ganze Saison über so viel dafür gegeben, in diesem Finale dabei zu sein. Jetzt wollen wir den Pott auch holen. Es wird ein spannendes Spiel."

Power-Fußball versus Bayern-Perfektion



Dortmund gegen Bayern, das ist das Aufeinandertreffen zweier grundsätzlich verschiedener Spielstile. Auf der einen Seite der Dortmunder Power-Fußball, bei dem der BVB seine Kontrahenten mit enormem Tempo und geschlossenem Mannschaftspressing unter Druck setzt. 2012 gelangen alleine 13 Treffer innerhalb von zehn Sekunden nach gegnerischen Ballverlusten - mehr als doppelt so viele wie in der Hinserie.

Auf der anderen Seite die abgeklärten und spielbestimmenden Bayern, die mit extrem viel Ballbesitz die Partien kontrollieren, die Gegner vom eigenen Strafraum fernhalten und vorne auf die herausragende individuelle Klasse ihrer Offensivspieler setzen. Die Bayern erzielten zum vierten Mal in Serie über 70 Saisontore und hatten die geringste Fehlpassquote aller Mannschaften vorzuweisen. Im direkten Vergleich ist die Spielweise der "Schwarz-Gelben" deutlich aufwendiger als das Bayern-Spiel.

Auch Dauerläufer haben Grenzen



am 13. Spieltag lief Dortmund sage und schreibe über zehn Kilometer mehr (121,4) als die Bayern (110,9). Alleine in der eigenen Hälfte war der BVB rekordverdächtige 80,2 km unterwegs und machte so die Räume dicht, was den Bayern kaum Großchancen gestattete. 61 Prozent Ballbesitz und 15 Torabschlüsse sprechen quantitativ gesehen von einer enormen Spielkontrolle der Bayern, die aber qualitativ gegen die nimmermüde Mannschaft von Jürgen Klopp keinen Ertrag brachte.

Beim Heimsieg in der 30. Runde brachten es die Borussen ebenfalls auf 121,4 km (75,5 in der eigenen Hälfte), die Bayern steigerten sich auf 116,5. Gerade nach der Pause bekamen sie das Spiel besser in den Griff und der BVB musste extrem weite Wege gehen (62,9 km, 42,4 davon in der eigenen Spielhälfte). In der Schlussphase zeigte sich dabei, dass auch die Dortmunder ihrem enorm intensiven Spiel Tribut zollen müssen und Arjen Robben zwei Großchancen zum Ausgleich gestatteten.

"Wir wollen den maximalen Erfolg"



Hier fehlte den Münchnern in Person des Niederländers die mentale Stärke, die eigentlich bayern-typisch sein sollte. Das berühmte "Bayern-Gen" hatte in den letzten direkten Duellen die Mannschaft von Borussia Dortmund, die gieriger wirkte und weiter Geschichte schreiben will.

Nachdem die Dortmunder am letzten Spieltag der Saison einen neuen Punkte-Rekord der Bundesliga aufgestellt haben, will man beim BVB natürlich noch das erste Double der Vereinsgeschichte einfahren. "Wir wollen den maximalen Erfolg und den zweiten nationalen Titel gewinnen. Das gab es in der Geschichte des BVB noch nicht, deshalb wollen wir ganz besonderes leisten", sagte BVB-Kapitän Sebastian Kehl vor der Abreise nach Berlin.

Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg der Borussen wird wieder in der Kontrolle der Bayern-Flügelzange Ribery/Robben liegen. BVB-Rechtsverteidiger Lukas Piszczek hat in Franck Ribery eine Art Lieblings-Gegenspieler gefunden. Gegen den Polen blieb Ribery in den vergangenen vier direkten Duellen torlos, seine einzige Torvorlage gab der Franzose in diesen Spielen per Ecke. Und Piszczek entschied 72 Prozent seiner Zweikämpfe gegen Ribery für sich.

Beste Defensive gegen Offensivfeuerwerk



Beide Mannschaften verfügen über starke Defensivreihen, wobei die Bayern mit 22 Gegentoren in 34 Spielen noch einen Tick besser als der BVB aufgestellt sind (25 Gegentore). Die Münchener haben ebenfalls die wenigsten Großchancen und Torschüsse in der Spielzeit 2011/12 zugelassen. Diese stabile Bayern-Abwehr wird auch nötig sein, wenn am Samstag die beste Offensive der abgelaufenen Saison (80 Saisontore) im Berliner Olympiastadion anrennt. Allein 46 Tore markierten die Borussen nach ihrem rasanten Direktpassspiel.

Die Spielsysteme sind unterschiedlich, die Voraussetzungen auch - und dennoch vereint beide Mannschaften der unbedingte Wille, den Pokal nach Hause zu holen und sich damit im Prestigeduell der beiden besten Mannschaften Deutschlands zu behaupten.

Steffen Hoss