München - Sein "Guten Mittag" an die etwa 30 versammelten Journalisten klang zwar locker und ungezwungen, doch Andries Jonker war die Anspannung zu Beginn seiner ersten großen Pressekonferenz deutlich anzumerken.

Zwei Tage nach der kurzfristigen Entscheidung des Vorstands, Louis van Gaal nach dem enttäuschenden 1:1 in Nürnberg und dem Abrutschen auf Europa-League-Platz 4 mit sofortiger Wirkung zu entlassen, trat nun sein Nachfolger und treuer Weggefährte zum ersten Mal ins Rampenlicht - und aus dem Schatten seines großen Landsmanns.

"Das Gefühl ist komisch"

Dass ihm dabei nicht sehr wohl zumute war, stellte der 48-Jährige, dem bereits nach dem Spiel gegen Hannover eine einjährige Vertragsverlängerung angeboten wurde, früh klar: "Ich habe eine sehr starke Relation mit Louis van Gaal. Das Gefühl nun ist komisch, ich bin nicht froh. Wir waren eine Saison unglaublich erfolgreich, aber nun bricht diese Gruppe, der Stab, auseinander. Das ist enttäuschend."

Über das Angebot des Verein, für die letzten fünf Spiele der Bundesligasaison den Posten des Cheftrainers zu übernehmen, musste er längere Zeit nachdenken: "Das war eine schwierige Frage für mich, da wir lange Zeit sehr intensiv zusammengearbeitet haben."

"Er würde diesen Job übernehmen"

Neben beinahe zwei kompletten Spielzeiten beim FC Bayern verbinden Jonker und Van Gaal ihre gemeinsame Zeit bei Ajax Amsterdam, dem holländischen Verband sowie das Engagement beim FC Barcelona.

Den Ausschlag pro München gab der entlassene "Prozesstrainer" höchstpersönlich: "Wenn er in meinen Schuhen stehen würde", so Jonker über das entscheidenden Telefonat mit Van Gaal, "dann würde er diesen Job übernehmen. Das war für mich sehr wichtig. Er hat mir auch bestätigt, dass unsere private Relation bleiben muss. Danach habe ich mich entschieden, die Beauftragung von Bayern zu akzeptieren."

Dennoch steht Jonker unangenehm zwischen den Stühlen: einerseits will der Ehemann und Vater von drei Kindern seinen langjährigen Ziehvater nicht öffentlich kritisieren, ihm schon gar nicht taktische oder personelle Fehlentscheidungen unterstellen.

Jonker beschwört den Zusammenhalt

Zum anderen sollte Jonker nicht den Kurs seines Freundes und Vorgängers fortsetzen, welcher den Vorstand um Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß und Karl Hopfner letztlich dazu bewegte, Van Gaal vorzeitig zu entlassen.

So hielt er sich bei Fragen zur Mannschaftsaufstellung, Personalrotation, zur wackeligen Abwehr oder der stets präsenten Torhüter-Frage, die laut Hoeneß die ganze Problematik erst ins Rollen gebracht hatte, vornehmlich zurück. "Ich hoffe, dass Sie mir erlauben, mir ab Morgen Gedanken darüber zu machen. Es ist viel passiert. Es gibt keinen Bedarf, genau zu erklären, was ich anders machen werde. Aber es muss klar sein, dass Louis van Gaal sehr, sehr viele Sachen sehr gut gemacht hat. Was ich anders mache, werden Sie erleben."

Dafür beschwor der Bayern-Coach den Zusammenhalt und legte den Fokus auf Tabellenplatz drei, Bayerns einzige Chance auf die Königsklasse: "Ich bin davon überzeugt, dass wir unser Ziel, die Qualifikation für die Champions League, erreichen werden. Das können wir aber nur zusammen machen: Fans, Spieler, Stab, Vorstand. Was ich fühle, ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass wir unser Ziel erreichen." Ein Verpassen der Champions League nannte er "ärgerlich".

Robben zwei Spiele gesperrt

In seiner Antrittsrede an die Mannschaft stellte er besonders die gemeinsame und interne Kommunikation in den Vordergrund: "Ich habe gesagt, dass wir die Dinge, die wir in den letzten 21 Monaten sehr gut gemacht haben, weiter gut machen müssen. Ich habe versucht klarzustellen, dass ich wert darauf lege und es wichtig finde, direkt zu kommunizieren, geradeaus - nicht über andere Stationen. Meine Tür ist immer offen. Wir können unser Ziel nur zusammen erreichen."

Sein Ligadebüt als Münchner Cheftrainer gibt Jonker ausgerechnet gegen seinen Nachfolger Jupp Heynckes und Bayer Leverkusen. Keine besonderen Umstände für ihn: "Ich habe noch keine Relation mit Jupp Heynckes. Es ist ein Spiel wie alle anderen, das geht ziemlich weit an mir vorbei. Leverkusen ist ein schwieriger Gegner - aber auch einer, den wir schlagen können."

Dabei werden ihm Holger Badstuber und Arjen Robben fehlen. Der Holländer ist nach seiner Roten Karte aus der Nachspielzeit in Nürnberg für zwei Spiele gesperrt und muss 15.000 Euro Strafe zahlen. Der Verein habe die Entscheidung akzeptiert, so Pressesprecher Markus Hörwick.

Am Ende seines ersten großen Auftritts nach der Ära Louis van Gaal rutschte Andries Jonker sogar ein kleines Lächeln über das Gesicht. Seine erste Hürde als Cheftrainer hatte er gemeistert ohne anzuecken - trotz seiner schwierigen Situation.

Vom FC Bayern berichtet Barnabas Szöcs