Nach dem Aus in der Champions League gibt es beim FC Bayern München nur noch ein Ziel: die Meisterschaft! Doch dieses Ziel haben auch noch andere Clubs vor Augen. An der Spitze der Bundesliga geht es derzeit eng und spannend zu. Nur sechs Punkte trennen Tabellenführer VfL Wolfsburg vom Fünften VfB Stuttgart.

bundesliga.de sprach mit Ex-Bayern-Spieler Klaus Augenthaler über die Münchner und deren Probleme in der aktuellen Spielzeit, über den Kampf um den Titel und über das Duell zweier Ex-Clubs.

Am kommenden Samstag kommt es zum Duell zwischen Tabellenführer VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen. Bei beiden Vereinen war der 51-jährige Augenthaler als Trainer tätig. "Auge" tippt dabei auf einen Heimsieg der "Wölfe".

bundesliga.de: In der Bundesliga belegen die Münchner aktuell hinter dem VfL Wolfsburg den 2. Platz. Wie beurteilen Sie die Lage nach dem 4:0-Sieg gegen Eintracht Frankfurt?

Augenthaler: Die Meisterschaft ist der letzte Strohhalm, an den man sich jetzt klammert - man steht ja auch nur drei Zähler hinter dem Tabellenführer. Was mich aber nachdenklich stimmt, sind diese Aufs und Abs in dieser Saison. Nach dem 5:1-Sieg im DFB-Pokal beim VfB Stuttgart dachte ich, der FC Bayern hätte die Kurve bekommen - jetzt sieht man, was Jürgen Klinsmann mit den Bayern vorhat, dass die Mannschaft jetzt umsetzt, was in der Winterpause erarbeitet wurde.

bundesliga.de: Was haben Sie konkret gesehen?

Augenthaler: Nämlich, dass man so ähnlich spielt wie in England, dass man den Gegner noch in der eigenen Hälfte mit ein, zwei, zum Teil drei Mann unter Druck setzt. Das war auch im Spiel gegen den Hamburger SV so. Dort hat man allerdings zwei Tore aberkannt bekommen und dennoch seine Torchancen gehabt. Allerdings lassen die Bayern oft auch zwei, drei Chancen zu - das ist für eine Spitzenmannschaft zu viel. Dieses Problem zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Saison. Wie auch beim 1:0-Sieg gegen den Karlsruher SC - man kann ja mal einen schlechten Tag haben, aber dann darf man nicht so große Chancen zulassen.

bundesliga.de: Wo liegen die Hauptprobleme der Bayern?

Augenthaler: Ich sehe meistens keine Einheit auf dem Platz. Mir fehlt die nötige Aggressivität, die mannschaftliche Geschlossenheit - es verlässt sich einer auf den anderen.

bundesliga.de: Auffällig war zuletzt, dass die Bayern die so genannten "Big Points" oft liegen gelassen haben. In der Rückrunde verloren die Münchner unter anderem gegen Hamburg, Berlin und Wolfsburg. Ist den Münchnern das Sieger-Gen abhanden gekommen?

Augenthaler: Die ersten Spiele im Jahr 2009 waren für mich gut - in Stuttgart, in Hamburg. Auch gegen Dortmund, wo man schnell in Rückstand geraten war und den BVB - zumindest in der ersten Hälfte - noch an die Wand gespielt hat. Danach hat man sich mit dem Spiel in Berlin vielleicht etwas vorgemacht. Man hatte über 60 Prozent Ballbesitz, aber keine großen Torchancen. Aber von den Verantwortlichen war zu hören: "Wir haben das Spiel beherrscht!"

bundesliga.de: Ähnlich war es auch in Wolfsburg...

Augenthaler: Richtig! Auch dort hatten die Münchner 65 Prozent Ballbesitz - aber auch nur bis 35 Meter vor dem Tor. Das Resultat waren nur ein, zwei Halb-Möglichkeiten in der ersten Hälfte. Da muss man jetzt die Hebel ansetzen - beim Zug zum Tor und bei den Gegentoren, die zu einfach fallen.

bundesliga.de: Spitzenreiter Wolfsburg beeindruckt derzeit mit einer langen Siegesserie. Das Magath-Team holte zuletzt neun Siege in Folge. Was macht die Niedersachsen so stark?

Augenthaler: Man hat sehr gute Leute geholt, die natürlich auch gutes Geld gekostet haben. Und das zahlt sich für die Wolfsburger jetzt aus.

bundesliga.de: Auch taktisch spielt der VfL sehr gut, wie man beim 5:1-Sieg gegen die Bayern eindrucksvoll sehen konnte.

Augenthaler: Wolfsburg hatte in den ersten 15 Minuten Respekt vor den Bayern. Danach hat man den Münchnern nichts mehr gestattet. Da hat jeder Spieler sehr diszipliniert nach hinten mitgearbeitet. Dann hat man natürlich auch noch die Qualität der einzelnen Spieler gesehen - ob das jetzt ein Grafite oder Dzeko war.

bundesliga.de: Am Wochenende empfangen die "Wölfe" Bayer Leverkusen. Das heimstärkste Team trifft auf das auswärtsstärkste. Das verspricht eine spannende Partie.

Augenthaler: Das wir sicherlich ein ganz interessantes Spiel. Ich gehe davon aus, dass es ein Heimsieg für die Wolfsburger wird, da sie in der Rückrunde dominanter sind als die Leverkusener.

bundesliga.de: An der Tabellenspitze der Bundesliga geht es sehr eng und spannend zu. Nur sechs Punkte trennen Liga-Primus VfL Wolfsburg vom Tabellenfünften VfB Stuttgart. Wer hält am Ende der Spielzeit die Schale in den Händen?

Augenthaler: Die Bayern haben nach wie vor die größten Möglichkeiten. Nach dem Aus in der Champions League können sie sich voll auf die Meisterschaft konzentrieren. Die Hamburger sind noch in allen drei Wettbewerben. Die Berliner werden es nach den drei Niederlagen in Folge nicht mehr packen. Es wird auf einen Zweikampf zwischen Wolfsburg und Bayern hinauslaufen.

bundesliga.de: Stuttgart geben Sie also keine Chance mehr?

Augenthaler: Die Stuttgartern befinden sich zwar im Aufwind, aber es läuft derzeit einfach optimal. Ich glaube, dass sie irgendwann wieder eine Niederlage kassieren, wenn sie nicht damit rechnen. Mit einem Auge muss man die Stuttgarter allerdings weiter verfolgen.

Das Gespräch führte Sven Becker