Köln - Wynton Rufer hat es in seinen fünf Jahren bei Werder Bremen zwischen 1989 und 1994 zu einer Legende gebracht. Der Stürmer aus Neuseeland war eine der prägenden Figuren in der erfolgreichsten Ära der Hanseaten und hat weitaus bessere Zeiten erlebt als derzeit. Meister, Pokalsieger und Europacupgewinner wurde der heute 53-Jährige, der dem Verein als internationaler Werder-Botschafter erhalten blieb. Im Interview mit bundesliga.de blickt Rufer zurück auf seine Erfahrungen im Nordderby.

bundesliga.de: Herr Rufer, am Samstag treffen im 105. Nordderby der Bundesliga der Hamburger SV und Werder Bremen aufeinander. Dieses Duell elektrisiert die Massen seit Jahrzehnten. Welche Erinnerungen verbinden Sie selbst mit dem Nordderby?

Wynton Rufer: Im ersten Moment denke ich an unseren 5:0-Heimsieg am vorletzten Spieltag der Saison 1992/93, in der wir Meister geworden sind. Am Anfang der Partie hatte der HSV zwei Riesenchancen, da hatten wir ein bisschen Glück. Sie haben die Tore nicht gemacht, danach haben wir damit angefangen. Die Bayern waren damals böse auf uns. Christian Ziege hat im Fernsehen erzählt, dass die Hamburger uns geholfen hätten. Aber wer das Spiel gesehen hat, weiß, dass das nicht stimmte.

bundesliga.de: Durch dieses 5:0 hat Werder Bremen die Tabellenführung wegen der besseren Tordifferenz übernommen.

Rufer: Genau. Die Hamburger hatten ihre Chancen und haben sie nicht gemacht. Wir hätten das Spiel auch gewonnen, wenn der HSV in Führung gegangen wäre, aber wohl nicht mit fünf Toren Unterschied.

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bundesliga.de: Zu Ihrer Zeit waren es immer enge Nordderbys, obwohl Werder damals in der Tabelle stets deutlich vor dem HSV stand. Ihre Bilanz in den Nordderbys ist ausgeglichen. Elf haben Sie bestritten, vier gewonnen, vier verloren.

Rufer: Ich erinnere mich auch noch an ein Spiel in Hamburg, in dem ich mich mit Dietmar Beiersdorfer, der heute ein guter Freund von mir ist, ein bisschen gefetzt habe. Ich hatte den Ball ins Aus gespielt und er ihn nicht wieder zurückgespielt. Das war ein bisschen unfair (lacht). Viel schlimmer war aber die schwere Verletzung von Ditmar Jakobs, die er sich im Derby 1989 zuzog. Ich hatte einige HSV-Spieler ausgespielt und den Torwart überlupft. Ditmar klärte den Ball noch auf der Linie, fiel dann ins Tornetz und mit dem Rücken in einen Karabinerhaken des Netzes. Das Spiel war danach fast eine halbe Stunde unterbrochen, weil es so lange dauerte, ihn abzutransportieren.

"Die Bundesliga ist sehr beliebt"

bundesliga.de: Waren die fünfeinhalb Jahre in Bremen die schönste Zeit Ihrer Profi-Karriere?

Rufer: Die Zeit bei Werder war für mich persönlich als Fußballer sensationell. Wir haben in den fünf Jahren vier Titel gewonnen. Das war überragend, keine Frage.

bundesliga.de: Sie sind jetzt wieder zurück in Ihrer Heimat. Welchen Stellenwert hat die Bundesliga in Neuseeland?

Rufer: In diesem Jahr wird die Bundesliga bei uns wieder im Free-TV gezeigt. Für die englische Premier League muss man zahlen. Viele Leute mögen die Bundesliga, weil der deutsche Fußball so erfolgreich ist. Sie ist sehr beliebt. Und Ihr seid ja auch Weltmeister.

bundesliga.de: Sie sind jetzt Werders internationaler Botschafter. Was ist Ihre Aufgabe?

Rufer: Marco Bode hat mich ins Boot geholt. Ich soll mich um Asien kümmern, Japan, Korea. Gerade bin ich in China, um ein Projekt zwischen Deutschland und China zu unterstützen, mit dem der chinesische Fußball erfolgreicher werden soll. Nächsten Monat reise ich nach Amerika. Ich scoute und versuche, junge Spieler nach Europa und zu Werder zu bringen.

bundesliga.de: Kommen wir zurück zum Derby. Am Samstag empfängt der HSV als Tabellenletzter den SV Werder, dem es als Sechzehnten auch nicht viel besser geht. Wie beurteilen Sie die Lage?

Rufer: Es ist für beide schade. Schon im letzten Jahr hatten beide Vereine Probleme. Ich bin wie gesagt mit Dietmar Beiersdorfer befreundet, bei Werder kenne ich sowieso alle Leute. Ich wünsche mir für beide drei Punkte. Aber das geht ja leider nicht.

"Werders Wohl hängt nicht nur von Pizarro ab"

bundesliga.de: Bei Werder ruhen die Hoffnungen auf Claudio Pizarro. Kann er wieder Werders Trumpf im Abstiegskampf werden?

Rufer: Nicht nur er, auch Max Kruse ist wieder fit. Sie haben gute Leute im Kader. Aber das gilt heutzutage auch für alle Bundesligisten. Claudio ist ein super Spieler und ganz besonderer Mensch. Aber Werders Wohl hängt nicht nur von ihm ab. Ich hoffe, dass beide Clubs den Klassenerhalt schaffen. Sie sind große Traditionsvereine in Deutschland und weltweit anerkannt.

>>> Alle Infos zum Nordderby im Matchcenter

bundesliga.de: Wie und wo werden Sie das Spiel verfolgen?

Rufer: Ich werde es am Montag als Aufzeichnung in Neuseeland sehen. Wenn das Spiel läuft, sitze ich im Flugzeug.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski