Für Bayern-Manager Uli Hoeneß ist es das "Spiel der Spiele", für den neutralen Beobachter ist es die Partie des Spitzenreiters aus Leverkusen beim Tabellenachten in München (Sonntag ab 15 Uhr im Live-Ticker/Liga-Radio). Und für Leverkusens Trainer Jupp Heynckes ist es eine Partie mit Nostalgie-Faktor.

Der Fußballlehrer kehrt am Sonntag an seine alte Wirkungsstätte zurück. Von 1987 bis Oktober 1991 trainierte er erstmals den FC Bayern. In der vergangenen Spielzeit sprang der 64-Jährige nach der Beurlaubung von Jürgen Klinsmann noch mal für fünf Spieltage am Saisonende ein und führte den FCB schließlich auf Platz 2.

Vor dem Duell gegen seinen Ex-Club sprach Heynckes über...

... die Negativserie der Leverkusener, die seit 20 Jahren nicht mehr in München gewonnen haben:

Wir sind jetzt eine andere Mannschaft, die sich insgesamt stabilisiert hat, vor allem im gesamten Defensivverhalten und in ihrer Spielweise. Die Mannschaft beweist jetzt auch Geduld und hat gelernt, enge Spiele zu gewinnen, Rückstände aufzuholen, nie aufzugeben, immer an sich zu glauben. Mit diesem Selbstbewusstsein fahren wir nach München und wollen das Spiel gewinnen. Gleichzeitig wissen wir, dass der FC Bayern mit dem Rücken zur Wand steht und in solchen Momenten besonders gefährlich ist. Es ist ja kein Geheimnis, dass die Bayern das beste Spielerpotenzial Deutschlands besitzen und somit jederzeit eine Topleistung abrufen können. Dem tragen wir Rechnung und sind darauf vorbereitet. Wir fahren mit breiter Brust als Spitzenreiter nach München, das haben wir uns im bisherigen Saisonverlauf verdient.


... die taktische Ausrichtung in der Allianz Arena:

Wir spielen so wie in Hamburg und auf Schalke, in einer geordneten taktischen Ausrichtung. In Hamburg haben wir uns etwas schwer getan, auf Schalke haben wir eine Stunde lang exzellenten Fußball geboten. Natürlich werden wir versuchen, unser Spiel nach vorne durchzudrücken. Aber das ist auch abhängig vom Gegner: Wie reagiert er? Wie stark ist er? Wir brauchen nicht darum herumzureden, dass der FC Bayern eine sehr gute Mannschaft hat.

... das von Uli Hoeneß als "Spiel der Spiele in der Hinrunde" titulierte Duell:

Ich finde die Konstellation interessant: Bayer 04 steht an der Tabellenspitze und der FC Bayern erklärt die Partie zum "Spiel der Spiele". Daran kann man schon die Gewichtung in München erkennen. Für uns ist das natürlich auch ein ganz wichtiges Spiel, in dem wir unsere Klasse und unsere Stärke demonstrieren wollen. Mehr aber auch nicht. Der FC Bayern steht unter weitaus höherem Druck als wir. Aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die Mannschaft normalerweise - ich sage ausdrücklich: normalerweise, weil ich nicht weiß, wie es im Moment ist - mit großem Druck umgehen kann. Das macht sie auch so gefährlich. Aber wir fahren mit der Selbstverständlichkeit nach München, so wie in den bisherigen Auswärtspartien Fußball zu spielen. Wir wissen um die Klasse des Gegners, aber wir haben in dieser Saison schon hervorragende Spiele abgeliefert, stellen eine Einheit dar, und meine Mannschaft weiß, was sie will. Sie ist jung und kann noch viel mehr, als sie im Moment schon bringt.


... die Möglichkeit, seinem Freund Uli Hoeneß dessen letztes Bundesliga-Spiel als Manager des FC Bayern zu vermiesen:

Die Konstellation ist - wie so manches im Leben - zweifellos kurios. Uli wird sich aus dem operativen Bereich vielleicht etwas zurückziehen, aber ich kann mir vorstellen, dass er auch als Präsident nach wie vor im Hintergrund die Fäden zieht. Nichtsdestotrotz denke ich nicht, dass unsere Freundschaft darunter leiden würde, wenn wir in München gewinnen würden. Das muss eine Freundschaft eigentlich aushalten können.


... die Tatsache, dass er nicht längerfristig in München angeheuert hat:

Über dieses Thema haben wir eigentlich nicht gesprochen. Meine Mission war, die Saison noch mit dem 2. Platz abzuschließen, um die direkte Qualifikation für die Champions League zu erreichen, und das ist mir mit der Mannschaft gelungen. Wir haben sehr harmonisch zusammengearbeitet, es hat allen Spaß gemacht, aber etwas anderes stand zu der Zeit nicht zur Diskussion. Außerdem hatte ich keine Pläne in diese Richtung. Die Anfrage von Bayer 04 ist überraschend gekommen und dann habe ich mir das sehr intensiv überlegt. Ich habe hier alles so angetroffen, wie ich es vorher vermutet hatte: eine junge, sehr talentierte und entwicklungsfähige Mannschaft mit guten Charakteren. Das macht mir Spaß und der Faktor "Freude am Arbeiten" spielt schon eine Rolle, wenn man in einem etwas höheren Alter ist.


... die aktuelle Rolle von Toni Kroos in Leverkusens Mannschaft und dessen Zukunft:

Seit Anfang der Saison habe ich mich intensiv um meine Spieler bei Bayer gekümmert, vor allem auch um die vielen jungen Spieler und somit auch um Toni Kroos. Ich habe ihm aufgezeigt, was für ein Spieler er aus meiner Sicht ist, in welchen Bereichen er sich verändern und verbessern muss, wie er arbeiten muss, um eines Tages auf ganz hohem Niveau spielen zu können. Toni hat sich das zu Herzen genommen und arbeitet sehr intensiv mit unseren Fitnesstrainern. Außerdem hat er Spielpraxis bekommen, was sehr wichtig für einen jungen Spieler ist. Er nimmt eine sehr gute Entwicklung, die aber noch auf keinen Fall abgeschlossen ist. Er hat jetzt drei gute Spiele abgeliefert, aber ein endgültiges Urteil kann man erst dann abgeben, wenn er eine ganze Saison lang diese Leistungen bringt.


... seine neue Gelassenheit:

Nach außen war mein Bild nicht sonderlich gelassen, das ist richtig, aber intern habe ich mit meinen Spielern immer schon viel kommuniziert und Verständnis gehabt, besonders für junge Spieler. Wenn man erfahrener wird und auch persönlich einige Dinge gesundheitlicher Natur durchgemacht hat, dann sieht man den Sport und auch den Job ein bisschen anders. Ich reagiere heute in vielen Situationen gelassener, unaufgeregter, den Medien, der Öffentlichkeit und den Spielern gegenüber, wenn mal einer einen Fehltritt begeht, der nicht so gravierend ist. Auch unsere Gesellschaft und die Spielergeneration haben sich verändert. Wichtig ist, genau dann konzentriert zu arbeiten und Leistung zu bringen, wenn es drauf ankommt. In anderen Situationen kann man auch mal Fünfe grade sein lassen. Das ist der Fall und somit halte ich meinen Führungsstil für zeitgemäß.


... die Chance, durch einen Sieg in München einen "big point" im Kampf um die Herbstmeisterschaft zu landen:

Das Gute an meiner Truppe ist, dass die Spieler die relativen Erfolge, die wir bisher hatten, ganz nüchtern, gelassen, sachlich und unaufgeregt entgegennehmen. Sie haben unser tägliches Training weiter konzentriert und motiviert absolviert, die Kommentare nach außen waren immer sehr ausgewogen. Das spricht für die Mannschaft. Wir schauen wirklich nur von Spieltag zu Spieltag, auch wenn das eine Floskel ist. Unser Ziel ist es, im nächsten Jahr im internationalen Wettbewerb dabei zu sein. Ob Europa League oder Champions League, das kann man im Moment nicht sagen. Aber das ist unser Ziel und so, wie es derzeit aussieht, werden wir das höchstwahrscheinlich auch erreichen.

Aufgezeichnet von Denis Huber