Die Fußballwelt schaut nach Südafrika, wo gerade die zweite Spielrunde der Gruppenphase der Weltmeisterschaft ausgetragen wird. An die Bundesliga denken aktuell nur die Wenigsten. Und doch ist der Startschuss zur Vorbereitung auf die Saison 2010/11 schon gefallen - zumindest beim 1. FSV Mainz 05.

Der Tabellen-Neunte der vergangenen Spielzeit betrat bereits am Montag erstmals den Trainingsplatz. Thomas Tuchel wählte den frühen Termin mit Bedacht und genaue Vorstellungen von den kommenden Wochen.

Im Interview mit bundesliga.de spricht der Trainer, der seinen Vertrag beim FSV erst vor wenigen Wochen vorzeitig bis 2013 verlängert hat, über den Trainingsauftakt, seine Neuzugänge und die Ziele der Mainzer.

bundesliga.de: Herr Tuchel, Ihre Team hat als erster Bundesligist die Trainingsarbeit für die Saison 2010/11 aufgenommen. Warum haben Sie sich für einen solch frühen Starttermin entschieden?

Thomas Tuchel: Weil es terminlich einfach passte. Zudem hatten die Spieler jetzt fünf Wochen Pause, das ist erst einmal ausreichend. Gleichzeitig ist die Vorbereitungsphase in dieser Saison ziemlich lang. Wir starten jetzt mit dem ersten Teil der Vorbereitung, dann bekommen die Spieler Mitte Juli noch einmal gut eine Woche frei, damit auch die Väter schulpflichtiger Kinder noch die Möglichkeit haben, mit ihrer Familie in den Urlaub zu fahren. Im Anschluss daran machen wir weiter. Es ist schwer, über acht Wochen Spannung aufzubauen, das muss dosiert werden. Ich denke, wir haben da eine ganz gute Lösung gefunden.

bundesliga.de: Es ist ja Ihr erstes Jahr, in dem Sie die Mainzer Elf vom ersten Trainingstag an betreuen. Auf welche Dinge legen Sie in den ersten Wochen der Vorbereitung besonderen Wert?

Tuchel: Wie bei allen Teams stehen erst einmal viele Tests und ärztliche Untersuchungen zu Beginn der Trainingsphase an. Ansonsten absolvieren wir eher umfangsorientierte, abwechslungsreiche Einheiten und fast ausschließlich mit dem Ball.

bundesliga.de: Auf den einen oder anderen Spieler müssen Sie noch verzichten. Auch wegen der WM. Finden Sie denn trotz Trainingsauftakt Zeit, die WM im Fernsehen zu sehen?

Tuchel: Natürlich begleitet uns die WM während der Trainingszeit im Fernsehen. Wir haben meist abends um 17 Uhr noch eine Trainingseinheit, dann läuft im Physiobereich in der Kabine das Spiel ab 16 Uhr. Ansonsten gibt es keine Kollisionen.

bundesliga.de: Mainz hat sich bislang mit Tufan Tosunoglu, Marco Caligiuri und Lewis Holtby verstärkt. Welche Rolle können diese Spieler in Ihrem Team spielen?

Tuchel: Lewis ist positiver Mensch, der Lebens- und Spielfreude absolut ausstrahlt und einen außergewöhnlichen linken Fuß hat. Wir haben uns sehr um ihn bemüht. Marco hat absolut das Zeug dazu, ein überdurchschnittlicher Bundesliga-Spieler zu werden. Tufan ist ein großes Talent und kann mit seiner Schnelligkeit und seiner Unbekümmertheit eine richtige Option in der Offensive werden.

bundesliga.de: Sie konnten auch endlich Haruna Babangida vertraglich binden. Zuvor scheiterte eine mögliche Verpflichtung erst an einem Autounfall und dann an einem ausgefallen Flug. Mainz blieb hartnäckig. Warum wollten Sie den Nigerianer unbedingt haben?

Tuchel: Er ist ein beidfüßiger, dribbelstarker, sehr weniger Spieler, der als Stürmer oder Halbstürmer eingesetzt werden kann und Ruhe im Torabschluss hat. Zudem war Haruna Babangida ein geringes Risiko für den Verein.

bundesliga.de: Auf der anderen Seite haben Sie viele Spieler verloren, die vor allem eines hatten: Erfahrung. Diese Führungsspieler zu ersetzen, liegt darin eine der großen Herausforderungen für die neue Saison?

Tuchel: Auf wen genau spielen Sie jetzt an? Chadli Amri und Tim Hoogland haben erst ein Jahr in der Bundesliga gespielt, Dimo Wache und Marco Rose hatten in der abgelaufenen Saison keinen Einsatz. Deshalb verspüren wir im Bereich Erfahrung keine Einbrüche. Führungsspieler ergeben sich bei uns durch das Verhalten auf und abseits des Platzes. Bezüglich der Erfahrung machen wir uns keine Sorgen, wir haben eine gute Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern im Team.

bundesliga.de: Sie haben im Mai Ihren Vertrag vorzeitig bis Juni 2013 verlängert und sagten, Mainz sei noch lange nicht am Ende seiner Entwicklung. Was genau kann die Mannschaft in den kommenden Jahren noch erreichen?

Tuchel: Mainz ist einer der wenigen Clubs in Deutschland, der für eine bestimmte Art Fußball zu leben und zu spielen steht. Diesen Weg wollen wir weiter gehen, uns in den nächsten Jahren in den Top 20 des Landes etablieren und unser herausragendes Jugendleistungszentrum mit einbeziehen. Mit dem neuen Stadion können wir außerdem wirtschaftlich den nächsten Schritt machen.

bundesliga.de: Auf Teams, die nach dem Aufstieg weit vorn mitspielen, lastet in Jahr zwei der Bundesliga-Zugehörigkeit oft ein großer Druck. Oft haben diese Clubs große Probleme. Was stimmt Sie zuversichtlich, dass Mainz mit dem Abstiegskampf nichts zu tun haben wird?

Tuchel: Diese Formulierung würde im Umkehrschluss bedeuten, dass es besser gewesen wäre für uns, wenn wir eine schlechte Saison gespielt hätten. Dieser Argumentation kann ich absolut nicht folgen. Unser erstes Jahr war alles andere als leicht. Wir werden einfach wieder gut vorbereitet in die Saison gehen und uns nicht im Vorfeld mit negativen Szenarien beschäftigen.

Die Fragen stellte Sebastian Stolz