Hamburg - Mit einem 3:1 beim SC Freiburg startete der FC St. Pauli erfolgreich in die Saison 2010/11. Wie schon in der vergangenen Zweitliga-Saison, als der Club mit 72 Treffern gleichauf mit dem FC Bayern München die stärkste Offensive im deutschen Profi-Fußball stellte, überzeugten die Hamburger mit erfrischendem Offensiv-Fußball.

"Wir wollen uns die Punkte nicht ermauern und erkämpfen, wir wollen auch guten Fußball spielen", verriet St. Paulis Co-Trainer Andre Trulsen in einem Gespräch mit bundesliga.de die Philosophie von Trainer Holger Stanislawski.

"Das, was nicht unsere Stärke war, vermitteln"

Das ist um so überraschender wenn man bedenkt, dass Trulsen und Stanislawski beim letzten Auftritt der "Braun-Weißen" im Oberhaus vor neun Jahren noch selber auf dem Platz standen - als beinharte Innenverteidiger einer Mannschaft, die ausschließlich vom Kampf lebte.

"Das, was nicht unsere Stärke war, wollen wir versuchen, den Spielern zu vermitteln", so Trulsen amüsiert.

bundesliga.de: Herr Trulsen, wie war die Stimmung nach dem Sieg in Freiburg im Zug - zumal "Chef" Holger Stanislawski ja in Frankfurt ausgestiegen ist, da er im "aktuellen sportstudio" zu Gast war?

Andre Trulsen: Die Stimmung war eher verhalten. Ich denke, dass die Spieler bei diesen Temperaturen alles gegeben haben und deswegen sehr kaputt in den Zug gestiegen sind. Der ein oder andere hat sich dann doch eher ausgeruht als gefeiert. Insgesamt war von der Mannschaft nicht so viel zu hören.

bundesliga.de: Was erwartet uns am Samstag gegen Hoffenheim, die ja auch stark in die Saison gestartet sind?

Trulsen: Hoffenheim gehört für mich zu den sechs Mannschaften in der Liga, die oben mitspielen werden. Man hat es am letzten Spieltag gegen Werder gesehen: Wenn sie ihr System wieder verinnerlichen und als Mannschaft funktionieren, dann kann das Team eine hervorragende Leistung bringen. Sowohl das erste Spiel gegen Bremen, als auch ihre erste Hinserie in der Bundesliga haben gezeigt, was sie leisten können. Wir müssen höllisch aufpassen und gut dagegenhalten. Wir haben unser erstes Heimspiel vor der Brust und spielen das erste Mal vor der neuen Hauptribüne. Wir wollen eine sehr gute Leistung abrufen und versuchen, Hoffenheim mit unseren Mitteln zu bezwingen.

bundesliga.de: Ihr Tipp?

Trulsen: Wir gewinnen 2:1.

bundesliga.de: Sie haben in einer Sendung zum 100-jährigen Vereinsjubiläum getippt, dass der FC St. Pauli am Ende der Saison Platz 8 belegen wird. Das wäre die beste Platzierung des FC in seiner Bundesliga-Geschichte. Euphorie oder tatsächlich eine ernst gemeinte Einschätzung der Stärke der Mannschaft?

Trulsen (lacht): Ich habe Platz 8 nicht vorgegeben. Es war eher ein Wunsch, den ich geäußert habe. Man muss sich immer hohe Ziele stecken. Ich wollte vermitteln, dass wir es vielleicht schaffen, als Mannschaft und mit dem Trainer-Team die beste Platzierung zu erreichen, die bisher eine Mannschaft des FC St. Pauli in der Bundesliga erreicht hat. Das ist mein Wunsch - und dafür werden wir alles geben. Ich denke aber, dass wir mit Sicherheit mit sieben bis acht Mannschaften gegen den Abstieg kämpfen werden.

bundesliga.de: Mit Holger Stanislawski und Ihnen hat St. Pauli zwei "Innenverteidiger der alten Schule" auf der Trainerbank... Wie kommt es da zu dem erfrischenden Offensiv-Fußball, den die Mannschaft spielt?

Trulsen (lacht): Das, was nicht unsere Stärke war, wollen wir versuchen, den Spielern zu vermitteln und beizubringen. Wir wollen uns die Punkte nicht ermauern und erkämpfen, wir wollen auch guten Fußball spielen und ich denke, das ist uns in den letzten zwei bis drei Jahren gelungen. Nun gilt es, dies in der Bundesliga unter Beweis stellen.

bundesliga.de: Skizzieren Sie bitte kurz die Aufgabenverteilung zwischen ihnen und Cheftrainer Stanislawski.

Trulsen: Das ist ganz einfach: Er ist der Cheftrainer, er macht die Vorgaben, und ich versuche, ihn in allen Belangen zu unterstützen. Ich beurteile mit ihm gemeinsam die Spieler und versuche abzuschätzen. Die Mannschaftsaufstellung sprechen wir vorher ebenfalls durch. Es findet Tag für Tag ein reger Austausch zwischen uns statt, und das macht sehr viel Spaß.

bundesliga.de: Als der Trainer in der Woche bei der Trainer-Ausbildung in Köln weilte, haben Sie das Training geleitet und - wie Holger Stanislawski uns damals erzählte - mehr miteinander telefoniert als er mit seiner Frau. Wie wird heute die taktische Marschroute/Aufstellung festgelegt?

Trulsen: Wie gesagt, tauschen wir uns täglich aus. Wir beobachten die Trainingsleistungen unserer Spieler, aber am Ende muss Stani natürlich entscheiden, welche Elf aufläuft. Aber ich gebe hier und da auch schon mal meine Vorschläge ab.

bundesliga.de: Ohne einen Abschied vom FC St. Pauli herbeireden zu wollen: Möchten Sie auch mal wieder als Cheftrainer arbeiten, oder können Sie sich vorstellen, mit Holger Stanislawski mitzugehen, wie es ja Ex-St.-Pauli-Trainer Seppo Eichkorn seit Jahren sehr erfolgreich mit Felix Magath praktiziert?

Trulsen: Mir macht die Arbeit mit Stani sehr viel Spaß, und ich könnte mir auch gut vorstellen, wenn der Zeitpunkt irgendwann mal erreicht ist und man den Verein wechselt, dass wir den Weg gemeinsam fortsetzen.

Das Gespräch führte Jürgen Blöhs