Köln - Wolff-Christoph Fuss gehört zu den beliebtesten deutschen Fußball-Kommentatoren. Seit August 2012 kommentiert er für Sky die Topspiele der Bundesliga und Champions League. Seine früheren beruflichen Stationen waren Premiere, LIGA total! sowie SAT1. Im Interview mit bundesliga.de analysiert der 40-Jährige die Kontrahenten des Topspiels Borussia Dortmund gegen RB Leipzig, das er auch am Samstag kommentieren wird, und spricht über die Meisterschafts-Chancen von RB.

>>> Jetzt beim offiziellen Bundesliga Fantasy Manager anmelden und gewinnen!

bundesliga.de: Herr Fuss, am Samstagabend treffen Borussia Dortmund und RB Leipzig im Topspiel des 19. Spieltags aufeinander. Kann man angesichts der Tatsache, dass die Gäste elf Punkte vor dem BVB liegen, überhaupt von einem Duell auf Augenhöhe sprechen?

>>> Zum Matchcenter der Partie #BVBRBL

Wolff Fuss: Ja, es ist unbedingt ein Duell auf Augenhöhe. Ich wüsste keinen Grund, warum es nicht so sein sollte. Die Borussia fährt im Moment ein bisschen untertourig und liegt hinter den Erwartungen. Aber wenn die Saison beim BVB eins gezeigt hat dann doch die Tatsache, dass er in der Lage ist, jede Mannschaft zu schlagen.

bundesliga.de: Trotzdem ist die Unruhe rund um den Verein spürbar, obwohl die Mannschaft nur ein Punkt von Platz drei und ihrem Saisonziel trennt. Ist diese Unruhe übertrieben und nachzuvollziehen?

Fuss: Ich kann es ehrlich gesagt nicht zu 100 Prozent verstehen. Es sollte doch erstmal darum gehen, die Champions League auf direktem Weg zu erreichen. Bis dorthin fehlt aktuell am 18. Spieltag nur ein Punkt. Demzufolge ist diese vermeintliche Unruhe für Außenstehende nicht so leicht nachzuvollziehen. Fakt ist wohl eher, dass Borussia in der eigenen Wahrnehmung doch weiter von der Tabellenspitze weg ist, als es die Verantwortlichen eigentlich erwartet und kalkuliert hatten.

bundesliga.de: Warum ist das so?

Fuss: Die Transferphilosophie spielt sicher eine Rolle. Der BVB hat sich primär darauf kapriziert, junge Rohdiamanten zu holen, um sie zu veredeln – in dem Wissen, dass damit auch Leistungsschwankungen naturgemäß dazugehören. Vor der Saison hatte man gesagt, dass ihre Qualität unbestritten ist. Die Frage würde sein, wie schnell und wie konstant sie es über 34 Spieltage und Champions League und DFB-Pokal auf den Rasen bekommen. Im Grunde ist nur das eingetreten, was offiziell von allen erwartet wurde.

"In der BVB-Mannschaft steckt sehr viel Fantasie"

bundesliga.de: Experten führen an, dass der BVB in seiner Transferpolitik vor allem auf Offensivkräfte gesetzt hat und Mats Hummels nicht adäquat ersetzt werden konnte.

Fuss: Das finde ich auch. Allerdings hätte man aber für einen gleichwertigen Mats Hummels-Ersatz über 100 Millionen ausgeben müssen und sich an Leuten wie Sergio Ramos oder Jerome Boateng orientieren müssen. Finanziell ist das für den BVB nicht darstellbar. In der Mannschaft steckt viel Fantasie. Wenn man diesen Weg bestreitet, dann muss man auch einkalkulieren, dass es diese Ausschläge gibt. Ich gehe trotzdem davon aus, dass Borussia im Verlauf der Rückrunde zunehmend konstanter wird.

bundesliga.de: Ist vor dem Hintergrund der aktuellen Tabellensituation und elf Punkten Rückstand auf Leipzig ein Sieg Pflicht, um nicht auch noch Gefahr zu laufen, im Klassement weiter abzurutschen? Vom 1. FC Köln auf Platz sieben trennen den BVB schließlich auch nur zwei Zähler.

Fuss: Ich glaube nicht, dass der Blick nach hinten so erheblich ist. Es geht in erster Linie darum, den Rückstand nach oben zu verkürzen, um auch ein klares Statement abzugeben. Ich rede nicht von der Meisterschaft. Aber elf Punkte Rückstand auf den Tabellen-Zweiten sind viel - ganz unabhängig davon, wer auf Platz zwei steht und auch unabhängig von der eigenen Transferpolitik. Dass auf Platz zwei ein Verein steht, der eine ähnliche Philosophie bei Neuzugängen verfolgt, verleiht dem Spiel am Samstag eine zusätzliche Würze. Das alles trägt dazu bei, dass sich, wie Tuchel sagte, "eine Unruhe auf höchstem Niveau” entzündet hat. Es ist sehr wesentlich für den BVB, das Spiel gegen Leipzig zu gewinnen.

"Leipzig ist kein klassischer Aufsteiger"

bundesliga.de: Kommen wir auf Leipzig zu sprechen. RB hat im letzten Spiel vor der Winterpause 0:3 beim FC Bayern München verloren und eine Art Watschn bekommen. Aber danach haben sie mit Eintracht Frankfurt und der TSG 1899 Hoffenheim direkt zwei aktuelle Hochkaräter geschlagen. Von einem Einbruch ist weit und breit nichts zu sehen.

Fuss: Ja. Und das ist unglaublich beeindruckend, vor allem wenn man bedenkt, dass ein Großteil der Spieler noch in der vergangenen Saison in der 2. Bundesliga aktiv war. Es sind zwar nie typische Zweitliga-Spieler gewesen, und Leipzig ist auch kein klassischer Aufsteiger, nichtsdestotrotz verdient es größtmögliche Anerkennung, eine solche Mannschaft nach 18 Spieltagen auf Platz zwei zu stellen. Bei Leipzig steckt eine klare Idee dahinter. So haben sie nur zwei Spiele verloren und 42 Punkte geholt.

Video: Leipzigs Erfolg hat System

bundesliga.de: Leipzig wird gelegentlich mit Hoffenheim in der Saison 2008/09 verglichen, das damals in der Rückrunde einbrach, nachdem sich Torjäger Vedad Ibisevic verletzte und in der zweiten Halbserie nicht mehr spielen konnte. Kann das Leipzig auch passieren, oder ist der Kader zu breit aufgestellt und kann daher etwaige Ausfälle besser auffangen?

Fuss: Mein Eindruck ist tatsächlich, dass Leipzg breiter aufgestellt ist als Hoffenheim in seiner Herbstmeistersaison und es kommt noch ein wesentlicher Punkt dazu: Das sind die Erfahrungswerte, die Ralf Rangnick im Umgang mit dieser Situation gesammelt hat. Die äußerliche Wahrnehmung von Leipzig war schon immer besonders, jetzt kommt auch noch die erhöhte sportliche Wahrnehmung aufgrund der Tabellensituation dazu. Plötzlich spielen Auseinandersetzungen im Training oder Niederlagen in Testspielen im Trainingslager am Ende der Welt bundesweit eine Rolle. Damit umzugehen, ist tatsächlich eine Herausforderung. Es ist das tägliche Brot von Borussia Dortmund oder Bayern München. Aber die Leipziger sind, was das betrifft, extrem jungfräulich. Die Erfahrungen von Ralf Rangnick mit diesem plötzlichen Scheinwerferlicht helfen in extremem Maße. Dazu haben sie mit Ralph Hasenhüttl einen Österreicher an der Seitenlinie, der in seinen Vorstellungen sehr klar ist. Das ist keiner, der Luftschlösser baut, sondern einer, der sehr genau um die Qualitäten seiner Mannschaft weiß. Er ist kein Typ für Kampfansagen oder Parolen.

"RB hat die größtmögliche Flughöhe noch nicht erreicht"

bundesliga.de: Was macht Leipzig so stark?

Fuss: Individuell sind sie für einen Aufsteiger extrem gut besetzt. Das hilft schon mal. Die wesentlichen Parameter für den Klassenerhalt bei einem normalen Aufsteiger sind in der Regel eine gut geordnete Defensive und eine Offensive die nicht viele Torchancen braucht, um zu treffen. Beides hat Leipzig in besonderem Maße. Sie sind in die Saison reingegangen als ein Team, das auf Fehler des Gegners reagierte und diese ausnutzte. Mittlerweile haben sie sich dahingehend entwickelt, als dass sie schon im Verlauf der Hinrunde mehrheitlich vom Gegner die Favoritenrolle zugeschoben bekamen. Dadurch wurden die Aufgaben wesentlich umfangreicher. Auch diesen Wandel vollzogen sie spielend und übergangslos. In München hat man dann gesehen, dass die größtmögliche Flughöhe noch nicht erreicht ist, weil RB dort ein schlechtes Spiel gemacht hat und die Bayern mit ihrem unnachahmlichen Profil als Branchenprimus aufgetreten sind. Jetzt werden sie auf einem vergleichbaren Niveau in Dortmund erneut abgeprüft. Das wird auch für Hasenhüttl, Rangnick und Co. sehr aufschlussreich, was dort am Samstag passiert. Leipzig kann allerdings auch vollkommen vom Druck befreit in dieses Spiel gehen. Selbst wenn es verloren geht, wird dort nichts auseinanderfallen. Sie werden ihren Weg weitergehen.

bundesliga.de: Ist Leipzig nach Ihrer Meinung auch ein Kandidat für die Meisterschaft?

Fuss: Ich bringe RB nicht mit der Meisterschaft in Verbindung. Dazu fehlt noch etwas. Es hängt im Wesentlichen an den Bayern, inwieweit die bereit sind, noch ein bisschen Leine zu geben. Im Moment gewinnen sie ihre Spiele nicht souverän, aber sie gewinnen sie. Ich bin auch noch nicht einhundertprozentig davon überzeugt, dass Leipzig unter die ersten Vier kommt. Ich verspreche mir am Samstag einen Fingerzeig. Wenn sie Dortmund schlagen, sind sie endgültig ein Champions-League-Kandidat. Aber schon jetzt wird es für RB Leipzig sehr schwierig werden, die Europapokalplätze noch zu verpassen.

"Die größte Überraschung ist Frankfurt"

bundesliga.de: Welche Überraschungsmannschaft ist neben Leipzig noch Europacup-verdächtig? 1899 Hoffenheim, Eintracht Frankfurt, Hertha BSC, der 1. FC Köln?

Fuss: Hoffenheim und Frankfurt sind sicher die absoluten Überraschungen bisher. Frankfurt sogar die noch etwas größere, weil sie im letzten Jahr mit Ach und Krach die Klasse gehalten haben. Wenn man sich dann noch klar macht, dass Fredi Bobic bei einem Fastabsteiger im Sommer einen Transferüberschuss von acht Millionen erwirtschaftet hat, macht ihn das für mich zu einem Topkandidaten auf den Titel Manager des Jahres. Das war nicht zu erwarten. Hoffenheim ist nicht der klassische Abstiegskämpfer. Das war immer eine Mannschaft, die versucht hat, ihren Stil zu spielen. Das hat mal besser und mal schlechter geklappt. Aber du hattest nie das Gefühl, dass bei denen so wahnsinnig viel fehlt, um ein solider Bundesligist zu sein. Letztes Jahr waren sie mit ihrer Philosophie am unteren Rand soeben noch erfolgreich, jetzt liegen sie am oberen Rand. Die größte Überraschung ist daher für mich Eintracht Frankfurt.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski