Seit dem 19. Oktober 2008 arbeitet Max Eberl als Sportdirektor für Borussia Mönchengladbach. Mit Eberl schaffte die Borussia zunächst den Klassenerhalt, um in der folgenden Saison einen respektablen 12. Platz zu belegen.

Mit dem Gladbacher Urgestein ist endlich auch wieder Ruhe und Kontinuität beim fünfmaligen Deutschen Meister eingekehrt, die Mannschaft hat wieder Gesicht und Struktur bekommen. bundesliga.de hat sich mit dem 36-jährigen Ex-Profi über die Möglichkeiten und Perspektiven der Gladbacher unterhalten.

bundesliga.de: Herr Eberl, die Borussia hat sich 2009 und jetzt wieder in Saalfelden auf die Saison vorbereitet. Läuft diesmal alles ähnlich wie beim letzten Mal?

Max Eberl: Es ist etwas schwierig, das zu vergleichen, weil die Zeitpunkte andere sind. Als wir im letzten Jahr hier waren, waren wir schon relativ nah an der Saison dran. Jetzt haben wir noch knapp vier Wochen bis zum Bundesligastart. Generell von den Möglichkeiten hier vor Ort betrachtet, war das wieder optimal für uns.

bundesliga.de: Wie wichtig ist so ein Trainingslager für den Teamgeist?

Eberl: Es ist eine gute Gelegenheit, die Mannschaft noch enger zusammen rücken zu lassen. Beim letzten Mal wollten wir nach dem glücklichen Klassenerhalt ein stabileres Jahr spielen, das ist uns auch geglückt. Und dieses Mal haben wir die Erwartung, nicht von dem Wort Klassenerhalt zu sprechen und uns in sicheren Tabellenregionen zu festigen.

bundesliga.de: Neuzugang Igor de Camargo konnte das Trainingslager wegen einer Verletzung nicht mitmachen. Wie schwer wiegt das für die gesamte Vorbereitung?

Eberl: Grundsätzlich ist ein Trainingslager immer sehr wichtig für die Integration neuer Spieler. Ich denke, dass die Jungs letztes Jahr sehr gut und schnell in die Mannschaft aufgenommen wurden. Und das Gleiche haben wir dieses Jahr erfahren: mit Jens Wissing, Sebastian Schachten, Mo Idrissou, Bamba Anderson und Igor de Camargo haben wir fünf Spieler dazugenommen, die wieder sehr gut integriert wurden. Wir schauen ja auch bei der Verpflichtung auf die Charaktere, ob die zu uns passen und das hat wieder gut gepasst.

bundesliga.de: Michael Frontzeck hat betont, dass neue Spieler aus dem Ausland immer Zeit brauchen, um sich an die Bundesliga zu gewöhnen. Kann man von Arango und Bobadilla in ihrer zweiten Saison also noch einen Schub erwarten?

Eberl: Wenn man nur die Tore zählt, dann hat Raul Bobadilla sicher noch viel Potenzial nach oben. Er hat in der Schweiz mit 60 Toren in drei Jahren aber bewiesen, dass er weiß, wo das Tor steht. Er hat eine Qualitäten letztes Jahr immer wieder angedeutet, er hat unheimlich für die Mannschaft gearbeitet - da wird sicher noch einiges kommen. Juan Arango hat große spielerische Qualitäten und er hat unsere Art Fußball zu spielen unheimlich positiv beeinflusst. Mit einem Jahr mehr Bundesliga-Erfahrung ist auch bei ihm noch mehr Potenzial drin. Wobei Juan schon in der letzten Saison die meisten Torvorlagen und Vorlagen zu Torchancen gegeben hat; das war schon eine sehr, sehr gute Saison.

bundesliga.de: Neben den gestandenen Spielern sind wieder viele Talente mit ins Trainingslager gefahren. Ist da vielleicht wieder ein neuer Marco Reus dabei?

Eberl: Mit Patrick Herrmann hatten wir schon zuletzt jemanden, der diese Rolle angedeutet hat und auf 13 Einsätze in der Bundesliga gekommen ist. Er gehört jetzt fest zum Profikader und hätte letztes Jahr noch in der Jugend spielen können. Wir hatten jetzt mit Marc-André ter Stegen, Julian Korb, Bernhard Janeczek und Elias Kachunga vier ganze Junge dabei, die alle durch unser Leistungszentrum gegangen sind und von denen wir uns einiges versprechen. Man sollte aber nicht zu viel Druck auf sie ausüben: Wenn sie aus dem Nichts kommen, ist das schön. Aber man kann nicht sagen, dass Spieler x zum Zeitpunkt y durchstarten wird.

bundesliga.de: Die Mannschaft hat seit letzter Saison eine richtige Kontur bekommen - das war nicht immer so...

Eberl: Wir haben uns vorgenommen, eine Mannschaft mit Gesicht und Identifikation zu formen; mit Spielern wie Marx, Dante, Bradley, Levels oder Daems, die jungen Spielern auch die Möglichkeit geben, sich zu entwickeln. Da sind wir auf einem sehr guten Weg.

bundesliga.de: Was ist ein realistisches Saisonziel für Borussia Mönchengladbach?

Eberl: Wir nehmen bewusst das Wort Abstieg oder Klassenerhalt nicht in den Mund. Sondern wir sagen, dass wir uns mit Mannschaften wie Hannover, Frankfurt oder Köln realistisch gesehen messen können und messen müssen. Mit Mannschaften wie Hoffenheim, Wolfsburg und Leverkusen oder den Mannschaften die seit zehn Jahren am Stück international spielen, kann sich Borussia Mönchengladbach noch nicht messen.

bundesliga.de: Wie schwer ist der Weg nach weiter oben für die Borussia?

Eberl: Wir haben eine sehr ordentliche und stabile Saison gespielt, aber das muss auch die nächsten Jahre gelingen, um ein fester Bestandteil der Bundesliga zu werden. Um dann irgendwann mal einen anderen Schritt anzudenken. Aber diese Luft nach oben ist sehr dünn, das muss man klar und realistisch sehen. Deshalb werde ich auch nicht müde, das immer wieder nach außen zu vertreten. Natürlich ist Gladbach ein sehr beliebter Verein, aber wir wissen auch, was die letzten elf, zwölf Jahre passiert ist: Da ist viel Zeit verloren gegangen, die wir jetzt mit Ruhe und Kontinuität aufholen müssen.

bundesliga.de: Ist es als Sportdirektor von Mönchengladbach überhaupt möglich, kontinuierlich zu arbeiten angesichts der großen und finanzstärkeren Konkurrenz?

Eberl: Wir haben mit unseren sportlich Verantwortlichen gezeigt, dass wir kontinuierlich arbeiten können. Wir haben uns letztes Jahr gezielt verstärkt und haben im Winter keinen einzigen Transfer getätigt. Wir haben diesen Sommer keinen unserer Stammspieler abgegeben und haben unseren Kader wieder verstärkt. Es ist also möglich. Ich glaube auch, dass unsere Fans und unser Umfeld mittragen, was wir vorgeben. Wir sind nicht diese "Hire-and-Fire-Typen”, sondern wir gehen realistisch an die Sache heran. Das dauert länger und ist mühsam, aber ist aus unserer Sicht der beständigere Weg.

bundesliga.de: Die Bundesliga wird immer besser und stärker. Bedeutet das für Mannschaften wie Mönchengladbach aber auch, dass es schwerer wird, den Anschluss an die vorderen Plätze zu finden?

Eberl: Qualität kostet Geld. Das ist eine relativ einfache Formel, die in der Bundesliga in den letzten Jahren Einzug gehalten hat und gerade im letzten Jahrzehnt. Und im letzten Jahrzehnt hat Gladbach durch die beiden Abstiege keine Konsolidierung geschafft und den Anschluss ein Stück weit verloren. Aus meiner Sicht gibt es neun Vereine - von Hoffenheim bis zu den Bayern -, die einfach ganz andere finanzielle Möglichkeiten haben als wir. Wenn wir mal das Quäntchen Glück haben und durch den DFB-Pokal vielleicht international reinrutschen oder eine sensationelle Saison spielen, aus welchen Gründen auch immer, dann kann man von anderen Tabellenplätzen träumen.

bundesliga.de: Wo sehen Sie die Bundesliga im internationalen Vergleich?

Eberl: Aus meiner Sicht sind die Bundesliga und die englische Liga die zwei besten Ligen der Welt. Wobei in England nur fünf Vereine Meister werden können, in Spanien sind es immer zwei, aber in der Bundesliga ist es trotz der Bayern relativ offen. Stuttgart oder Wolfsburg hatten die Experten in den letzten Jahren nicht unbedingt auf der Meisterrechnung. Und das macht die Bundesliga so interessant.

Das Interview führte Stefan Kusche