"Der Start in die Saison war sehr wichtig, gerade auch für mich persönlich" © gettyimages / Boris Streubel

Leipzig - Willi Orban gehört bei RB Leipzig zu den unverzichtbaren Säulen im Mannschaftsgefüge. Vor dem Spiel gegen den 1. FC Köln spricht der Abwehrchef im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de über die starke Saison des Aufsteigers, sein Selbstverständnis als Führungspersönlichkeit und seinen ehemaligen Lauterer Teamkollegen und heutigen Kölner Dominique Heintz.

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bundesliga.de: Herr Orban, der gemeine Fußballfan ist längst nicht mehr verblüfft, wenn RB in Mönchengladbach gewinnt, sondern wundert sich eher, wenn Ihr Team zuhause gegen den HSV verliert. Selbst wenn man zu Gute hält, dass Leipzig kein klassischer Aufsteiger ist, zeugt das von einer enormen Entwicklung...

Willi Orban: Das kann ich so bestätigen. Unsere Punkte-Ausbeute zeigt, dass wir bisher sehr viel richtig gemacht haben. Das ist das Resultat unserer akribischen Arbeit und der Denkweise, wie wir das Ganze Woche für Woche leben. Wir versuchen immer, gleichbleibend gute Trainingsleistungen abzuliefern, um bestmöglich vorbereitet die jeweilige Aufgabe angehen zu können.

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bundesliga.de: RB ist seit Monaten Tabellenzweiter. Entspricht das mittlerweile dem Selbstverständnis des Teams oder wundert man sich bisweilen noch, was man zu leisten im Stande ist?

Orban: Weder noch, würde ich sagen. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir dort oben stehen, und wir wissen genau, was wir leisten mussten, um das zu erreichen. Wir sind auch noch viel zu kurz Bundesliga-Mitglied, als dass wir uns bereits als Top-Team sehen würden und könnten. Dennoch haben uns die Punkte, die wir verdient geholt und ganz sicher nicht geschenkt bekommen haben, ein Stück weit selbstbewusst gemacht.

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bundesliga.de: Vor dem überzeugenden Sieg in Mönchengladbach musste RB erstmals zwei Niederlagen in Folge verdauen. War die Stimmung in den Tagen zuvor so optimistisch wie die Leistung in Gladbach oder herrschte intern Verunsicherung?

Orban: Ich habe überhaupt keine Verunsicherung gespürt. Wir wollten uns unbedingt für unsere Investitionen unter der Woche und in den Spielen zuvor belohnen und waren von Beginn an sehr fokussiert. Und ich denke, dass es in Mönchengladbach im Großen und Ganzen kein unverdienter Sieg war.

bundesliga.de: Wie hat Trainer Ralph Hasenhüttl auf die beiden Niederlagen reagiert - mit Strenge oder eher mit sanftem Druck?

Orban: Dass man nicht besonders zufrieden sein kann, wenn man zweimal in Folge verloren hat, ist klar. Nichtsdestotrotz war die Spielvorbereitung auf die Partie in Gladbach nicht anders als sonst. Überhaupt glaube ich, dass eine Niederlage für unsere junge Mannschaft durchaus auch mal nützlich sein kann, weil sie einen dafür sensibilisiert, was man im Detail noch besser machen muss. Genau das hat das Trainerteam getan: Man hat die Spiele zuvor akribisch analysiert und uns sehr gut vorbereitet auf Mönchengladbach. Wir hatten dort einen klaren Plan, und ich glaube, das konnte jeder sehen.

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bundesliga.de: Ihr Teamkollege Stefan Ilsanker, dessen Vater in den 90er Jahren gemeinsam mit Hasenhüttl bei Austria Salzburg aktiv war, hat erzählt, dass der Trainer damals bisweilen eine Art Ziehvater für ihn gewesen sei. Zeigt sich Hasenhüttl gegenüber seinem noch jungen Team bisweilen auch väterlich?

Orban: Ich glaube, dass das Verhältnis von "Ilse" zum Trainer damals etwas Besonderes war, weil Herbert Ilsanker und Ralph Hasenhüttl jahrelang zusammengespielt haben und wohl auch Zimmergenossen waren. Grundsätzlich empfinde ich unseren Trainer als sehr angenehmen Menschen. Es macht jeden Tag aufs Neue großen Spaß mit ihm zusammenzuarbeiten. Er schafft es immer, die Balance zwischen akribischer Arbeit, bei der auch sachliche Kritik nicht fehlen darf, auf der einen und einer gewissen Lockerheit auf der anderen Seite zu halten. Da ist immer auch eine Spur Humor dabei und man spürt, dass auch ihm die Arbeit mit uns große Freude bereitet. Und diese positive Energie überträgt sich auf jeden einzelnen.

bundesliga.de: Nicht zuletzt auf Sie, sind Sie doch der Dauerbrenner bei RB und scheinen – wie die meisten Ihrer Kollegen – von Beginn an keine Anpassungsschwierigkeiten an die Bundesliga gehabt zu haben?

Orban: Ich glaube, dass der Start in die Saison sehr wichtig war, gerade auch für mich persönlich. Wir haben sehr schnell gespürt, dass wir nicht nur mithalten, sondern dass wir unser Spiel durchsetzen und so verdiente Siege einfahren können. Gerade im allerersten Heimspiel gegen Dortmund konnten wir viel Selbstvertrauen tanken. Und ein paar Spiele habe ich mittlerweile schon im Profi-Bereich gemacht, sodass ich heute mit einem gesunden Selbstvertrauen, aber auch mit dem nötigen Respekt, in jede Partie gehen kann.

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bundesliga.de: Selbstvertrauen ist das eine, Führungsqualität das andere. Denn wie zuvor beim 1. FC Kaiserslautern sind Sie nun auch bei RB Kapitän...

Orban: Ich versuche, einfach nur ich selbst zu sein. Mag sein, dass diese Zielstrebigkeit ein Teil meines Naturells ist. Wenn man im Fußball aber den Anspruch hat, Führungsspieler zu sein, muss zunächst einmal die eigene Leistung stimmen. Und das – regelmäßig gute Leistungen zu zeigen – ist in erster Linie mein Ziel. Dass man als Führungspersönlichkeit Verantwortung übernehmen und kommunikativ sein muss, versteht sich von selbst. Gerade als Spieler in zentraler Position, als Innenverteidiger, gilt es schon mal, verbal einzugreifen – immer aber im Sinne des Kollektivs. Ich erinnere mich noch, dass ich in Kaiserslautern relativ früh zum Kapitän ernannt wurde. Und dass ich nun auch bei RB zweiter Kapitän bin, macht mich sehr stolz.

bundesliga.de: Stichwort Kaiserslautern: Wenn am Samstag Köln zu Gast in der Red Bull Arena ist, bedeutet das auch ein Wiedersehen mit Dominique Heintz, mit dem Sie beim FCK das wohl beste Innenverteidiger-Duo der 2. Bundesliga gestellt haben.

Orban: Als Dominique und ich im Hinspiel das erste Mal gegeneinander spielen mussten, haben wir im Anschluss natürlich die Trikots getauscht. Wir haben nach wie vor einen sehr guten Draht zueinander. Und natürlich schreiben wir uns ab und zu per WhatsApp oder SMS und der eine wünscht dem anderen für eine besonders schwierige Aufgabe alles Gute.

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bundesliga.de: Ihr Werdegang ist sehr ähnlich. Sowohl Heintz als auch Sie haben sich im neuen Verein und in der Bundesliga umgehend durchgesetzt und scheinen heute unverzichtbar...

Orban: Wir haben uns zum selben Zeitpunkt entschieden, Kaiserslautern zu verlassen, um den nächsten Schritt zu machen. Das ist uns gelungen, wir haben uns beide durchgesetzt und sind heute in unseren neuen Vereinen Stammspieler. Das ist sicher eine deutliche Parallele. Es freut mich sehr für Dominique, dass auch er sich bei seinem neuen Verein so durchgesetzt hat.

bundesliga.de: Leipzig gegen Köln – nach Gegentreffern bedeutet das, dass die viertbeste auf die zweitbeste Defensive trifft. Muss man demnach eher mit einem zähen Ringen denn mit einem Spektakel rechnen?

Orban: Ich bin überzeugt, dass es eine sehr interessante Partie wird. Denn beide Teams sind nicht nur für ihre guten Defensivreihen, sondern auch für sehr große Qualität in der Offensive bekannt. An ein 0:0 etwa glaube ich gewiss nicht. Im Gegenteil: Gerade von unserer Seite erwarte ich ein sehr offensives, mutiges Spiel nach vorne – so wie wir es in den vergangenen Wochen immer versucht haben, durchzuziehen. Gelingt uns das, bin ich überzeugt, dass wir wenigstens ein bis zwei Tore schießen können.

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bundesliga.de: "Mutiges Spiel nach vorne" – könnte man zugespitzt sagen, dass RB in den vergangenen Wochen und Monaten die Angst vor eigenem Ballbesitz abgelegt hat?

Orban: Das stimmt. Ich denke, dass wir teilweise schon in der Hinrunde eindrucksvoll bewiesen haben, dass wir auch im Spiel mit dem Ball über viele Lösungen verfügen und jederzeit kreativ sein können. Uns nur auf unsere fraglos vorhandene Qualität im Spiel gegen den Ball zu reduzieren, wäre auf jeden Fall falsch. Und ich glaube, dass keiner diesen Fehler heute noch macht.

bundesliga.de: Der FC muss ausgerechnet während der Karnevalsfeierlichkeiten zum Spiel in Leipzig reisen. Auf eine Mannschaft im Ausnahmezustand zu hoffen, das wäre aber wohl fahrlässig?

Orban: Karneval in Köln – das hat ohne Frage eine große Bedeutung, gerade auch für den FC. Aber dort arbeitet man so professionell, dass die Mannschaft sehr fokussiert sein und der Karneval, wenn überhaupt, höchstens nach dem Spiel in Leipzig ein Thema sein wird.

bundesliga.de: In Leipzig dagegen ist Karneval wohl ohnehin eher ein kleineres Thema. Wie halten Sie es als gebürtiger Kaiserlauterer mit den Jecken?

Orban: Einen wirklich engen Draht habe ich nicht zum Karneval oder Fasching. Das letzte Mal verkleidet habe ich mich, als ich noch ein kleiner Junge war.

Das Gespräch führte Andreas Kötter