Hamburg - Das Nordderby zwischen dem Hamburger SV und Werder Bremen begann selten so emotionslos. Keine Choreographien, viele leere Plätze - zum ersten Mal seit dem Halbfinale im DFB-Pokal 2009 war diese Partie nicht ausverkauft. Damit zeigten die Anhänger beider Mannschaften, dass sie mit den Leistungen der vergangenen Wochen so gar nicht einverstanden sind.

Während der HSV aber "nur" im Kampf um die europäischen Plätze strauchelt, sieht die Situation bei Werder weitaus schlimmer aus. "Ticktack - es ist drei Minuten vor Zwölf", zeigten mitgereiste Fans mit einer aus Pappe gebastelten Uhr symbolisch an. Nach dem 0:4 in der Imtech Arena ist der große Zeiger wohl noch ein, zwei Stellen weitergesprungen.

"Die Fans sind die Ärmsten"

"Wir können uns bei unseren Fans nur entschuldigen. Die erste Halbzeit war noch okay, aber wie wir in der zweiten Hälfte gespielt haben, so dürfen wir nicht weitermachen", erklärte Kapitän Torsten Frings, der nach seiner fünften Gelben Karte im nächsten Heimspiel gegen Leverkusen fehlen wird.

"Die Fans sind die Ärmsten. Doch dieses Ergebnis tut nicht nur den Anhängern weh, sondern auch uns ganz gewaltig. Der Stachel der Enttäuschung sitzt tief und wir müssen uns den Vorwurf gefallen lassen, dass wir es verbockt haben", übte Innenverteidiger Sebastian Prödl Selbstkritik.

Mertesacker erlebt "rabenschwarzen Tag"

Bei der 500. Bundesliga-Niederlage der Bremer lief in allen Mannschaftsteilen nicht viel zusammen. In der Offensive hat sich wieder einmal gezeigt, dass ein Ausfall von Claudio Pizarro nicht kompensiert werden kann. Gerade einmal zwei der acht Torschüsse fanden auch wirklich den Weg in Richtung von HSV-Keeper Frank Rost. Über die Außenpositionen wurde magere fünf Mal geflankt, wobei nur eine Hereingabe wirklich einen Abnehmer fand.

Und in der Defensive patzen nun auch schon gestandene Nationalspieler wie Per Mertesacker. Drei der vier Gegentreffer nahm er auf seine Kappe. "Das war ein rabenschwarzer Tag, der nicht so leicht zu verkraften ist", gab "Merte" unumwunden zu.

Schaaf bleibt optimistisch

Das "Abstiegsgespenst" ist spätestens nach der höchsten Derbypleite seit dem 20. September 1989 - ebenfalls 0:4 in Hamburg - allgegenwärtig. Die Hoffnung hat Werder aber noch nicht aufgegeben.

"Wichtig ist, was für Lehren wir daraus jetzt ziehen. Wir haben in den letzten Wochen gute Ansätze gezeigt, da müssen wir wieder hinkommen. Ich weiß, dass wir aufstehen können und das werden wir auch wieder tun", zeigte sich Mertesacker kämpferisch.

"Wir werden zusehen, dass wir wieder andere Leistungen zeigen. Wir haben in den letzten Wochen gut gearbeitet und viele Dinge angesprochen. Leider passen die Ergebnisse nicht zu den Trainingsleistungen. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir wieder in die Spur finden werden", meinte Trainer Thomas Schaaf.

Allofs: "Mit Leistung überzeugen"

Sportdirektor Klaus Allofs fand wie immer klare Worte. "Die Mannschaft muss sich jetzt der Kritik der Fans stellen. Wir dürfen nicht viel reden, sondern müssen die Anhänger mit Leistung vom Gegenteil überzeugen."

Den Anfang machte der gesamte Werder-Tross noch am Abend nach der Ankunft in Bremen. Rund 250 Anhänger stoppten den Mannschaftsbus an der Zufahrt zum Weserstadion. Nach einer konstruktiven Diskussion durften sich die Spieler dann der Unterstützung weiter gewiss sein. "Niemals 2. Liga", skandierten die Fans. Auch wenn es vielleicht schon eine Minute vor zwölf ist.

Aus Hamburg berichtet Michael Reis