Hamburg - In zwei Zitter-Spielzeiten mit Last-Minute-Rettung in der Relegation kamen die Verantwortlichen des Hamburger SV bei ihren Hinrunden- und Saison-Analysen immer zu dem selben Ergebnis: Es hapert im Sturm.

Nur 25 Treffer in 34 Spielen gelangen den Norddeutschen in der vergangenen Saison, so wenig wie keinem Konkurrenten in der Bundesliga. Und das, obwohl nach dem Relegations-Krimi mit zwei Unentschieden gegen Greuther Fürth 2014 mit der Verpflichtung des Mainzer Rechtsaußen Nicolai Müller und Linksaußen Zoltan Stieber vom Relegationsgegner auf den offensiven Außenbahnen nachgebessert worden war.

Viele Optionen

Darüber hinaus wurde Hertha-Leihgabe Pierre-Michel Lasogga fest an den Club gebunden, und mit Artjoms Rudnevs kehrte ein weiterer Mittelstürmer von seiner Leihstation Hannover 96 zurück an die Elbe. Der Erflog blieb aus, so dass im Winter erneut nachgebessert wurde. In Hamburg erinnerte man sich an einen alten Bekannten aus besseren Zeiten und holte für die "Mission Klassenerhalt - Teil 2" Ivica Olic, der bereits von 2007 bis 2009 an der Elbe  einen so starken Eindruck hinterlassen hatte, dass ihn Rekordmeister Bayern München an die Isar lotste.

Am Ende rettete sich der Bundesliga-Dino zum zweiten Mal in Folge in die Relegation. Nach dem noch nervenaufreibenderen Ausscheidungskrimi mit der Last-Minute-Rettung beim Karlsruher SC im Mai wurden mit Mittelstürmer Sven Schipplock aus Hoffenheim, dem Bochumer Rechtsaußen Michael Gregoritsch sowie dem erfahrenen Offensiv-Strategen Aaron Hunt, der beim VfL Wolfsburg nicht über eine Reservistenrolle hinauskam, die Angriffsreihen weiter verstärkt.

Halbjahr für Halbjahr neue Angreifer

Das Ergebnis: magere 19 Treffer in der aktuellen Vorrunde. Grund genug, in der Winterpause erneut nachzubessern. Mit Josip Drmic wurde ein weiterer erfahrener Stürmer auf Leihbasis an die Elbe geholt, und für die linke Außenbahn Nabil Bahoui vom saudi-arabischen Club Ahli Dschidda verpflichtet.

Da sich für Angreifer aus dem Kader kaum Käufer fanden oder Spieler wie Rudnevs nicht daran dachten, die Metropole im Norden Deutschlands zu verlassen, steht Bruno Labbadia vor jedem Spiel vor der Qual der Wahl.

Eine Elf mit zehn Stürmern vor Adler

Vom Papier her könnte der HSV-Trainer eine Startelf aufbieten, in dem vor Keeper Rene Adler zehn etatmäßige Stürmer agieren. Dazu kommen mit Hunt und Müller zwei Akteure, die in der Kaderliste zwar als Mittelfeldspieler geführt werden, aber eher der Abteilung Angriff zuzurechnen sind.

Bei der Auswahl benötigt Labbadia Woche für Woche ein glückliches Händchen bei seiner Aufstellung, zumal auch Spieler, die schon abgeschrieben waren, sich wieder in den Vordergrund spielen. Rudnevs, der in der Vorrunde nicht eine Minute auf dem Platz stand, wurde in allen drei Rückrundenspielen eingewechselt und traf dabei beim 1:2 in Stuttgart.

"Er hat sich in der Vorrunde nicht aufgedrängt. Aber in der Vorbereitung auf die Rückrunde hat er sich stark präsentiert", lobt Labbadia. "Das ist ja das Schöne am Fußball. Jeder hat die Chance, sich durch Leistung aufzudrängen."

Mit vier Angreifern gegen Köln

Gegen den in den letzten nun sechs Auswärtsspielen ungeschlagenen 1. FC Köln entschied sich Labbadia für eine flexible 4-2-3-1-Aufstellung, die sich bei Hamburger Angriffsattacken in eine 4-1-2-3- oder gar noch offensivere 4-1-1-4-Formation mit dem Mittelfeld-Strategen Lewis Holtby hinter Lasogga und Hunt sowie links Drmic und rechts Müller verschob.

Das richtige Näschen hatte Labbadia nach dem 0:1-Halbzeitstand durch Simon Zoller kurz vor dem Pausenpfiff: "Ich hatte überlegt, Müller rauszunehmen. Mit seiner Leistung im ersten Durchgang war ich überhaupt nicht zufrieden". so der Coach. "Ich hatte aber so ein Gefühl und habe noch einmal mit ihm geredet und ihm gesagt, was ich von ihm erwarte."

Müller rettet Labbadias Feier zum 50.

Statt Müller musste Lasogga für Rudnevs in der Kabine bleiben, und Labbadia hatte sein Gefühl nicht getäuscht: Gut 60 Sekunden nach Wiederanpfiff war es der eingewechselte Rudnevs, der eben diesem Müller den Ball zu einem Sonntagsschuss auflegte. Sein Sonntagsschuss in den Winkel zum 1:1-Endstand rettete die Feier zum 50 Geburtstag, in den der Trainer am Abend nach der Partie reinfeierte, "ein wenig, auch wenn ich natürlich lieber mit einem Sieg gefeiert hätte", so der Jubilar.

Noch 14 Mal gilt es für Labbadia, bei seiner Offensiv-Lotterie 4 aus 12 die richtige Auswahl zu finden. und das in keiner leichten Situation: Nach sechs Spielen ohne Sieg in Folge ist der HSV von Rang sieben auf 13 abgestürzt. Der Abstand zur der dritten Relegation in Folge ist von elf auf vier Punkte zusammengeschmolzen. "Da strotzt man natürlich nicht vor Selbstbewusstsein", weiß der Trainer, der nicht nur die richtige Wahl treffen, sondern auch die acht Spieler, die draußen bleiben müssen, bei Laune halten muss.

"Haben eine enorme Qualität"

Aber die Moral stimmt. "Wir haben eine enorme Qualität", so Neuzugang Drmic auf die Frage von bundesliga.de, was er vorgefunden hat, als er kurz vor Ende der Tansferperiode von Borussia Mönchengladbach nach Hamburg kam. "Wir haben gerade in der zweiten Halbzeit gezeigt: Da steht eine Mannschaft aus dem Feld. Hier stellt sich jeder in den Dienst der Sache."

Da aber von den Angreifern, von denen Lasogga mit sechs Saisontreffern am treffsichersten auftritt, so richtig noch keiner gezündet hat, ist im Stürmer-Roulette keine Nummer fest vergeben. Das gilt auch für Drmic, den Labbadia gegen Köln auf die linke Außenbahn beorderte. "Ich beobachte ihn seit Jahren. Auf der Position hat er in der Schweiz (beim FC Zürich; die Red.) und in Nürnberg seine besten Leistungen gebracht", so die Begründung des Trainers.

Besonderes Spiel für Drmic

Am kommenden Wochenende ist Drmic' Borussia aus Mönchengladbach zu Gast im Volkspark. "Das ist natürlich ein ganz besonderes Spiel für mich", so der 23-Jährige. Auf welcher Position er denn gegen Gladbach spielen werde? "Natürlich spiele ich lieber in der Mitte", gibt der Schweizer zu. "Aber wenn der Trainer mich auf der linken Seite bringt, werde ich auf der Position alles geben, der Mannschaft zu helfen."

Dafür muss sich Drimc wie seine Sturmkollegen im Training erst einmal verdienen, in Labbadias Stürmer-Lotterie den Sprung unter die ersten Vier zu schaffen. In Hamburg ist man gespannt, welche Lösung sich der Coach nach dem Spiel gegen abwehrstarken Kölner gegen die für ihr Offensiv-Spektakel bekannten Fohlen einfallen lässt. Er braucht ein glückliches Händchen.

Aus Hamburg berichtet Jürgen Blöhs