München - Zurück auf der großen Bühne. Nach zwölf Jahren Bundesliga-Abstinenz bereichert Otto Rehhagel wieder das "Oberhaus". Bis zum Saisonende hat er beim abstiegsbedrohten Haupstadtclub Hertha BSC die Zügel in der Hand. Gedanken an ein Scheitern hegt er nicht, viel mehr ist er von sich und seiner Arbeit überzeugt - und die Erfolge der Vergangenheit geben ihm Recht.

Einer seiner langjährigen Weggefährten ist angesichts der Reaktivierung Rehhagels positiv überrascht und glaubt nicht, dass dieser während seiner bundesligafreien Zeit Rost angesetzt hat: "Ich habe mich sehr gefreut, dass Otto Rehhagel noch einmal als Trainer aktiv und in der Bundesliga zu sehen sein wird. Schließlich hat er in den vielen Jahren als Spieler und Trainer Bundesliga-Geschichte geschrieben", erklärte Ottmar Hitzfeld gegenüber bundesliga.de.

"Mit seiner Erfahrung, seiner Ruhe, seiner Ausstrahlung und seinem Selbstbewusstsein wird er den Druck von der Mannschaft nehmen, sodass sich die Spieler voll und ganz auf den Kampf gegen den Abstieg konzentrieren können. Sie alle werden von Rehhagel profitieren. Und das wird Hertha sicherlich gut tun", unterstrich der ehemalige Bayern-Trainer.

Kollektiv entscheidet über Sieg oder Niederlage

Rehhagel gibt sich ähnlich optimistisch, nimmt seine neue Mannschaft aber gleich vom Start weg in die Pflicht. Bei seiner Vorstellung gab er den Klassenerhalt als oberstes Ziel aus - einzig und allein ein funktionierendes Kollektiv werde über Sieg und Niederlage entscheiden. Doch trotz der neuerlichen Aufbruchstimmung, die seit seiner Verpflichtung in Berlin vorherrscht, sieht sich der neue Trainer gemeinsam mit seinen Kollegen Rene Tretschok und Ante Covic handfesten Problemen gegenüber.

Vor allem in der Offensive agierte die Hertha zuletzt sehr nachlässig. Erzielte die Mannschaft in der Hinrunde noch ordentliche 24 Treffer, stellt der Club mit bislang nur einem erzielten Tor den harmlosesten Angriff der gesamten Bundesliga-Rückrunde. Auffällig dabei: Spielt Raffael (an elf der 25 Tore direkt beteiligt) unter seinen Möglichkeiten, stockt das gesamte Angriffsspiel. Das Sturmduo Pierre-Michel Lasogga und Adrian Ramos bekommt im bundesligaweiten Vergleich zu wenige Vorlagen und ist dadurch das abschlussschwächste der laufenden Saison (47 Torschüsse, 11 Treffer).

Zügig das Zentrum stabilisieren

Doch nicht nur in der Offensive muss "König Otto" den Hebel ansetzen, auch in der Defensive gibt es Nachholbedarf. Die Berliner lassen im so wichtigen Zentrum häufig Ordnung und Aggressivität vermissen. 21 der 37 Gegentreffer wurden durch die Spielfeldmitte initiiert. Besonders die Mittelfeldspieler der Gegner kommen zu oft zu entscheidenden Pässen und Schüssen (337) aus der Distanz. Dass Thomas Kraft mit zehn Weitschussgegentoren die meisten der gesamten Bundesliga hinnehmen musste, unterstreicht diesen Fakt nur umso mehr. Ein weiteres Problem: Neben dem FC Bayern München und dem 1. FC Köln führt die "Alte Dame" die wenigsten Zweikämpfe der Bundesliga.

Rehhagel, der zu seiner Zeit bei Werder Bremen die Taktik der "kontrollierten Offensive" prägte, wird die richtige Mischung finden müssen. Viel Zeit bleibt nicht. Für Montag kündigte er eine intensive Einarbeitung und persönliche Gespräche an. Am Dienstag leitet er sein erstes Training in Berlin, am Samstag steigt die Partie beim FC Augsburg - Rehhagels endgültige Rückkehr auf die Bundesliga-Bühne.

Sebastian Schramm