Hannover - Mit der Aussage "Das Tor fiel genau zum richtigen Zeitpunkt" verblüffte Dieter Hecking nicht nur auf der Pressekonferenz, sondern stellte auch noch eine alte Fußball-Weisheit auf den Kopf.

Denn der Trainer des VfL Wolfsburg meinte den Treffer von Hannovers Joselu, der in der Nachspielzeit der ersten Hälfte die frühe Führung seines VfL Wolfsburg durch Kevin de Bruyne aus der 4. Minute egalisiert hatte.

"Das war ein Weckruf. Nach der Führung haben wir es zu ruhig angehen lassen und wollten das Ergebnis verwalten. Damit haben wir Hannover stark gemacht", schob Hecking als Erlärung nach. "In der Kabine haben sich die Spieler angeschaut, und ich habe gespürt, sie waren heiß, wieder rauszukommen." Dank einer "starken zweiten Halbzeit" (Hecking) siegten die Wölfe beim Angstgegner 3:1 und beendeten damit den Derby-Fluch von fünf Niederlagen in Folge gegen den Niedersachsen-Konkurrenten.

Hecking wechselt Sieg ein

Daran hatte der VfL-Coach großen Anteil. Sowohl Bas Dost (66.) als auch Maximilian Artnold (85.) trafen jeweils kurz nach ihrer Einwechslung. "Wir haben halt eine gute Auswahl im Sturm", freute sich Hecking nach dem neunten Sieg in der Liga.
Und das gilt nicht nur für den Angriff. "Wir haben Qualität im Kader" sieht Klaus Allofs den Grund dafür, dass sich die Autostädter bereits fünf Punkte vom Tabellen-Dritten Augsburg absetzen konnten. "Wir konnten Nicklas Bendtner, Christian Träsch und Junior Malanda zu Hause lassen. Welcher Verein kann das schon?"

Drei Nationalspieler nicht einmal im Kader. Ein Gefühl, das auch Dost kennt. "Natürlich nervt das. Jeder Spieler will natürlich spielen", beschreibt der Niederländer das Wechselspiel zwischen Startelf und Tribüne. "Aber Unruhe kommt nicht auf. Jeder kann sich im Training empfehlen, und jeder, der spielt, gibt alles für den Verein. Der Trainer macht das richtig gut."

Trotz der Serie von acht Siegen in den letzten neun Spielen und Platz zwei bleibt das Wort Bayern-Jäger beim VfL tabu. "Bayern-Jäger sind wir nur, wenn die Bayern demnächst mit sieben Spielern auflaufen", scherzte Hecking. Weniger lustig reagierte Dost auf entsprechende Frage. "Ich kann es nicht mehr hören. Verlierst du ein paar Spiele, wird von Abstieg geschrieben, stehst du oben, bist du gleich ein Bayern-Jäger. Lass uns doch einfach den zweiten Platz genießen."

Nur Olic redet von Champions League

Selbst das Wort Champions League erzeugt Abwehrreaktionen bei den Wölfen. "Was sind sechs Punkte Vorsprung? Du verlierst zweimal, und der Vorsprung ist weg", so Klaus Allofs in einem Interview mit bundesliga.de. Eine Ausnahme macht nur Ivica Olic. "Wir wollen in die Champions League", stellt der 35-Jährige kategorisch klar. "Kann sein", reagiert der Kroate lächelnd auf die Frage, ob da das Bayern-Gen aus ihm spreche.

Noch mindestens sechs Punkte bis zur Winterpause

In den abschließenden drei Spielen vor der Winterpause kommen mit Paderborn und Köln zwei Aufsteiger in die Autostadt. Dazwischen müssen die Wölfe bei der Borussia in Dortmund ran. "Wir müssen ehrlich sein", blickt Dost voraus. "Da müssen wir zumindest sechs Punkte holen."  Und dann redet vielleicht nicht nur Olic mehr vom Erreichen der Champions League. "Aber nun Schluss mit dem Thema", so Dost. "Jetzt konzentrieren wir uns auf Lille. Da wollen wir am Donnerstag in die K.o.-Runde der Europa League einziehen. Dafür haben wir uns heute in Hannover das nötige Selbstvertrauen geholt."

Aus Hannover berichtet Jürgen Blöhs