Lissabon - Ein bisschen über den Platz traben, ein paar Bälle hin und her schieben und zwischendurch auch mal einen Flachs mit dem Mitspieler machen: So laufen für gewöhnlich die ersten 15 Minuten eines Abschlusstrainings im Europapokal ab - die sind schließlich für die Fans und Medienvertreter frei zugänglich und es soll ja nichts über den wahren Leistungszustand verraten werden.

Nicht so beim VfB Stuttgart. Co-Trainer Eddy Sözer bat die Spieler beim Aufwärmen erst einmal zu einer schönen Serie an kurzen Sprints in allerlei Variationen. Danach ging es in drei Sechser-Teams auf die Jagd nach dem Ball. Und es ging richtig zur Sache.

Benfica zeigt neues Gesicht

Es schien so, als wollten die Schwaben den Hausherren zeigen, was sie am Donnerstag im Estadio da Luz erwartet: Leidenschaft, Einsatz und Kampfgeist. "Wir freuen uns alle auf die Partie gegen Benfica. Wir sind richtig heiß", sagte Nationalspieler Christian Träsch auf der Pressekonferenz vor dem Spiel.

Dabei ist die Favoritenrolle auf dem Papier klar verteilt. Die Lissabonner sind in den vergangenen Wochen mächtig auf Touren gekommen. Vergessen ist der schwache Saisonauftakt, die 0:5-Klatsche gegen den Erzrivalen FC Porto und das 1:2 in der Champions League gegen Schalke.

Das glaubt auch VfB-Coach Bruno Labbadia. "Das ist jetzt eine ganz andere Mannschaft. Sie spielen befreit auf. Im Vergleich zum Schalke-Spiel hat sich Benfica enorm verbessert", stellte er fest.

VfB muss sich anders zeigen

Labbadias Gegenüber machte keinen Hehl daraus, wer den Platz als Sieger verlassen wird. "Unsere letzten Spiele dürften dem VfB Stuttgart sicherlich Angst eingejagt haben. Und zu Hause spielen wir immer noch einen Tick schneller und besser", sagte Jorge Jesus.

Fredi Bobic wollte dem nicht unbedingt widersprechen. Schließlich "haben wir keine Chance, wenn wir uns so präsentieren, wie beim 1:4 gegen Nürnberg". Aber der Stuttgarter Sportdirektor weiß auch, dass beide Teams mit dem Anpfiff "bei Null anfangen".

Labbadia will Nadelstiche setzen

Die taktische Marschroute für das Spiel in diesem ruhmreichen Stadion gab Labbadia seiner Mannschaft mit auf dem Weg: "Wir müssen natürlich erst einmal hinten sicher stehen. Aber dann ist es wichtig, dass wir immer wieder Nadelstiche setzen, um Benfica auch in deren Hälfte zu binden."

Schließlich sind die Stuttgarter nicht bloß nach Portugal gereist, um Gastgeschenke zu verteilen. "Wenn wir hier ein knappes Ergebnis erzielen und dabei ein Tor schießen, dann wäre das für uns Optimal", wünscht sich Labbadia.

Mit dem mageren 18-Mann-Kader ein hehres Ziel gegen einen portugiesischen Rekordmeister im Aufwind. Aber wenn der VfB von Beginn an so entschlossen und konzentriert zu Werke gehen sollte, wie beim Abschlusstraining, könnte Labbadias Wunsch durchaus in Erfüllung gehen.

Aus Lissabon berichtet Michael Reis