Schönspielerei ade! Ergebnisorientierung heißt das neue Zauberwort an der Säbener Straße. Zumindest in der Bundesliga trifft dies in den letzten Spielen exakt zu. Klaus Augenthaler spricht im Interview mit bundesliga.de über die Stärken und Schwächen des FC Bayern und verrät, was er anstelle von Coach Louis van Gaal anders gemacht hätte.

bundesliga.de: Klaus Augenthaler, Sie haben warhscheinlich selbst oft genug einen Abwehrspieler in den Sturm geschickt. Ist Louis van Gaal nach seiner Umstellung mit van Buyten im Sturm der große Taktik-Held?

Klaus Augenthaler: Das sind probate Mittel. Will man zehn Minuten vor Schluss noch ein Tor machen, setzt man dieses Mittel eben ein. Früher war es so, dass man selbst vorne reingegangen ist. Ich hätte mir schon gewünscht, dass van Gaal gerade gegen Köln zuhause einen van Buyten vorne reinstellt. Dass van Buyten dann das Tor macht, spricht für sich.

bundesliga.de: Steht bei den Bayern derzeit im Vordergrund, sich durch solche unschönen Siege in der Tabelle nach vorne zu kämpfen und dann erst wieder mehr Wert auf die spielerische Note zu legen?

Augenthaler: In erster Linie zählt einmal nur das Ergebnis. So wie die Bayern gestartet sind, brauchen sie jetzt Punkte. Die Partien gegen Freiburg und Frankfurt waren ja nicht gerade berauschende Siege. Da war man natürlich froh, dass man die drei Punkte eingefahren hat. Aber die Bayern-Fans sind natürlich verwöhnt, was das Spielerische angeht.

bundesliga.de: Ist der Rekordmeister derzeit zu abhängig von Franck Ribery oder Arjen Robben?

Augenthaler: Nein, die Bayern sind nicht zu sehr abhängig von den beiden. Man kann vielleicht sagen, dass der FCB vor zwei Jahren zu sehr von einem Ribery abhängig war. Seitdem Robben nun da ist und mit dem derzeit verletzten Ribery im Vordergrund steht, vergisst man aber eben auch die Qualitäten eines Ivica Olic. Aber diese beiden Spieler binden eben immer zwei bis drei Gegenspieler und so werden zwangsläufig Räume frei. So war es auch beim Spiel gegen Frankfurt, als Robben eingewechselt wurde.

bundesliga.de: Van Gaal setzt derzeit auf Thomas Müller. Wie schätzen Sie ihn ein?

Augenthaler: Er ist ein junger Spieler, der Qualitäten besitzt. Das hat er in den letzten Spielen bewiesen. Er wird ja jetzt auch schon mit der Nationalmannschaft in Verbindung gebracht. Ob das zu früh ist für ihn, wird sich zeigen. Aber der Junge hat seine Chance gesehen und sie genutzt.

bundesliga.de: Leidtragende sind Spieler wie Mario Gomez oder Miroslav Klose. Warum können sie ihre Qualitäten einfach nicht zur Geltung bringen?

Augenthaler: In Stuttgart war eben alles auf Gomez aufgebaut, ein Toni war lange verletzt und zusätzlich kam noch ein neuer Trainer mit einer neuen Philosphie. Van Gaal verlangt nach Zeit, die man beim FC Bayern aber nicht bekommt. Er hat sehr viele Spieler und es wird viel rotiert. Meiner Meinung nach hat er zu viel gewechselt. Aber das ist die Sache eines Trainers, wie er seine Vorstellungen umsetzt.

bundesliga.de: Kann ein so gut besetzter Kader irgendwann sogar problematisch werden?

Augenthaler: Das war ja bei Jürgen Klinsmann auch schon ähnlich. Er wollte jedem Spieler seine Einsatzzeiten geben. Aber Klinsmann war ja auch neu bei den Bayern. Wenn jemand neu zu einem Verein kommt, muss er erst einmal eine Stammformation oder so etwas wie ein Gerüst finden. Das habe ich bis jetzt noch nicht gesehen, auch wenn die Bayern eine hervorragende Qualität besitzen.

bundesliga.de: Kommt beim FCB jetzt Struktur rein oder sehen Sie in nächster Zeit größere Probleme?

Augenthaler: Nein, ich sehe keine größeren Probleme. Der eine oder andere Verletzte kehrt jetzt zurück. Sie sind natürlich abhängig von den Ergebnissen, damit Ruhe herrscht. Ich glaube auch, dass sie in der Champions League weiter kommen. Sie hatten das Glück, dass die Franzosen die beiden Elfmeter verschossen haben und die Bayern zuhause nun nur mit 1:0 gewinnen müssen. In Stuttgart können sie ausnutzen, dass der VfB auch gehörig unter Druck steht. Da spricht die Qualität doch für den FC Bayern.

bundesliga.de: Was hat van Gaal bisher in München bewirkt?

Augenthaler: Man kann eine Philosophie des Trainers erkennen - die Passsicherheit. Sieht man sich die letzten Spiele an, muss man aber auch Einiges bemängeln. Sie hatten über 70 Prozent Ballbesitz. Das ist alles schön und gut, aber Ballbesitz alleine sagt nichts aus. Ich habe schon häufiger gehört, dass es schwierig ist, gegen eine Mannschaft zu spielen, die mit zehn Mann hinten drin steht. Das weiß ich aber, wenn ich beim FC Bayern spiele. Also muss ich ein probates Mittel finden, um da durchzukommen. Was mir ein bisschen fehlt mit all den kopfballstarken Spielern in der Spitze, sind die Bälle von Außen. Da kommt bisher viel zu viel aus dem Halbfeld.

Das Gespräch führte Fatih Demireli