Köln - Mit Bastian Schweinsteiger, dem Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, hat Valerien Ismael noch selbst zusammengespielt. Mit Bayern München und Werder Bremen wurde der Franzose 2004 und 2006 jeweils Doublegewinner, heute trainiert der 40-jährige die zweite Mannschaft des VfL Wolfsburg. Im Interview mit bundesliga.de spricht Valerien Ismael über das EM-Halbfinale zwischen Gastgeber Frankreich und Weltmeister Deutschland und analysiert die Stärken beider Mannschaften.

bundesliga.de: Herr Ismael, wie sehen Sie die Rollenverteilung beim EM-Halbfinale zwischen Deutschland und Frankreich? Gibt es einen Favoriten, oder ist das eher ein Spiel, in dem die Chancen 50:50 stehen?

Valerien Ismael: Ich glaube schon, dass Deutschland aufgrund der gezeigten Leistungen und als Weltmeister als Favorit in dieses Spiel geht, auch wenn einige Spieler verletzt oder gesperrt fehlen. Den Franzosen bietet sich die Chance, ihren Alptraum zu besiegen. Sie haben noch nie bei einem Turnier gegen Deutschland ein K.o.-Spiel gewonnen. Jetzt haben sie die Möglichkeit, das zu ändern. Aber aufgrund seiner Historie und den genannten Gründen ist Deutschland der Favorit.

bundesliga.de: Dafür spricht der Heimvorteil für Frankreich, das als einziges Gastgeberland von Welt- oder Europameisterschaften in den letzten 36 Jahren den Titel holen konnte, sowohl 1984 als auch 1998.

Ismael: Das stimmt. Der Heimvorteil spricht für Frankreich. Erst recht, weil das Spiel in Marseille stattfindet und das Stadion mit seinen Fans als das heißeste Pflaster in Frankreich gilt. Einen besseren Ort als Marseille hätte es für die Franzosen nicht geben können.

"Der Ausfall von Gomez trifft Deutschland"

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bundesliga.de: Bei Deutschland werden Mats Hummels und Mario Gomez sicher fehlen, auch der Ausfall von Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger droht. Wie sehr schwächen diese möglichen Ausfälle das deutsche Team?

Ismael: Das sind natürlich alles wichtige Leistungsträger. Sie waren richtig gut drauf und haben sich während des Turniers gesteigert. Das war deutlich zu sehen. Vor allem der Ausfall von Gomez, der als richtiger Mittelstürmer auch kombinationssicher ist, trifft Deutschland. Mats Hummels hat viel Stabilität in die deutsche Abwehr gebracht, im Mittelfeld fehlt vielleicht der Motor mit Khedira und Schweinsteiger. Das sind schmerzhafte Ausfälle, die Deutschland kompensieren muss. Einen Ausfall kann man immer kompensieren, aber bei vier auf einen Schlag bin ich gespannt, wie Deutschland das lösen wird.

bundesliga.de: In der Abwehr wurde Hummels schon einmal sehr gut von Shkodran Mustafi ersetzt. Im Mittelfeld wäre Julian Weigl eine Option. Trauen Sie ihm das zu?

Ismael: Der Bundestrainer wird bei Weigls Nominierung schon etwas im Hinterkopf gehabt haben. Ich glaube, dass Weigl ein Spieler ist, der über eine sehr gute Technik verfügt. Deutschland wird versuchen, die Kontrolle im Mittelfeld zu bekommen, Weigl ist ein Spieler, der diese Philosophie verkörpert. Dagegen spricht, dass er keine Erfahrung hat. Aber wie wir schon bei Joshua Kimmich gesehen haben, kann das ja sogar ein Vorteil sein. Er hat sich keine Gedanken gemacht, als er ins kalte Wasser geworfen wurde und hat seine Leistung abgerufen.

bundesliga.de: Glauben Sie, dass Mario Götze noch eine Rolle spielen wird?

Ismael: Die Frage ist, welche Alternativen es im Sturm gibt. Vielleicht spielt Thomas Müller in vorderster Front und Mario Götze dahinter. Das wäre eine Möglichkeit. Ich weiß nicht, welche Taktik Deutschland verfolgt. Wollen sie zwischen die Linien kommen oder hinter die Kette? Mit Götze hat man weniger Präsenz im Sechzehner. Man weiß, dass die Franzosen defensiv in der Luft Probleme haben. Man muss abwägen, was für Götze spricht und was gegen ihn.

"Deutschland hat einen sehr guten Eindruck hinterlassen"

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bundesliga.de: Deutschland hat im Viertelfinale sein Italien-Trauma besiegt. Wie stark ist Deutschland einzuschätzen? Ist die Mannschaft bereits in Topform?

Ismael: Für mich hat Deutschland bislang einen sehr guten Eindruck hinterlassen. Das Spiel gegen die Ukraine war nicht so souverän, wie man es sonst gewohnt ist. Gegen Polen, einen extrem starken Gegner, haben die Deutschen ein gutes Spiel gemacht. Danach folgten souveräne Leistungen. Gegen Italien hat die Mannschaft eine sehr solide, taktische Leistung gezeigt und die Aufgabe sehr gut gelöst, auch wenn Elfmeterschießen am Ende immer eine Glückssache ist. Aber über 120 Minuten war der Sieg verdient. Jetzt kommt ein anderes Spiel mit einer anderen Aufstellung.

bundesliga.de: Lassen Sie uns über Frankreich sprechen. Haben Sie den Eindruck, dass Frankreich nach den Querelen bei manchen Turnieren in der Vergangenheit diesmal ein besonderer Teamgeist auszeichnet?

Ismael: Ja, das hat man schon vor dem Turnier gespürt. Allerdings war die Stimmung im Land vor dem Turnier nicht so, dass man eine Euphorie gespürt hätte. Aber durch den Einzug ins Halbfinale kommt das langsam. Man spürt eine gewisse Euphorie und Vorfreude auf den Klassiker Frankreich gegen Deutschland. Die Mannschaft hat eine sehr große Moral und Mentalität bewiesen. Gegen Rumänien hat sie in der letzten Minute gewonnen, genauso gegen Albanien. Sie hat das Spiel gegen Irland gedreht. Und der Druck vor dem Island-Spiel war gewaltig. Diese Aufgabe haben die Franzosen souverän gelöst. Die Mannschaft hat sich während des Turniers gesteigert. Jetzt kommt ein wichtiges Spiel nicht nur für die Nationalmannschaft, sondern das ganze Land, das viele politische Probleme hat.

"Der Titel wäre für Frankreich sehr wichtig"

bundesliga.de: Wo sehen Sie die Stärken der Equipe Tricolore? Worauf muss Deutschland vor allem aufpassen?

Ismael: Deutschland darf den Franzosen nicht zu viele Räume geben. Frankreich hat vorne mit Dimitri Payet, Moussa Sissoko, Kingsley Coman und Antoine Griezmann sehr schnelle Spieler. Das sind Spieler, die Räume brauchen und gerne eins-gegen-eins gehen. Da muss man aufpassen und schauen, dass man eine gute Balance hat zwischen Angriff und Verteidigung. Im Mittelfeld besitzt Frankreich mit Paul Pogba und Blaise Matuidi physisch sehr starke Spieler. Da muss Deutschland Präsenz zeigen.

bundesliga.de: Was für ein Spiel erwarten Sie?

Ismael: Ich erwarte, dass Deutschland viel Ballbesitz haben wird. Frankreich wird versuchen, schnell zu kontern und hinter die Kette in die Räume zu kommen. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Franzosen abwarten, kompakt stehen und mit Geduld versuchen werden, ihre Chance zu bekommen.

bundesliga.de: Letzte Frage: Wer zieht ins Finale ein?

Ismael: Das ist für mich extrem schwer vorherzusagen. 2014 habe ich mir Deutschland als Weltmeister gewünscht, weil die deutsche Mannschaft einfach wieder einmal dran war und zehn Jahre auf höchsten Niveau gespielt hatte. Aber aus den von mir angedeuteten politischen Gründen wäre ein Titel für Frankreich sehr wichtig, weil das Land in den letzten Monaten viele Probleme hatte durch Terror, Streiks und eine Unzufriedenheit im Land. Ein Titel würde den Franzosen wieder Selbstvertrauen und Stolz geben. Durch den Fußball kann man bestimmte Werte, die für unsere Gesellschaft wichtig sind, wie etwa Toleranz und Zusammenhalt, vermitteln. Deshalb wünsche ich mir, dass Frankreich es diesmal packt.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski