München - Der FC Bayern hatte die Finger schon an den Henkeln des Champions-League-Pokals. Es wäre ein hochverdienter fünfter Triumph der Münchner in der europäischen "Königsklasse" gewesen.

Doch zunächst beendete Didier Drogbas Kopfballtor zum 1:1 (88.) den kurzen Freudentaumel der Bayern-Anhänger, den Thomas Müllers Führungstreffer (83.) ausgelöst hatte. Nachdem Arjen Robben in der Verlängerung einen Strafstoß vergeben hatte (95.), avancierte Bastian Schweinsteiger im Elfmeterschießen zur tragischen Figur. Sein Pfostentreffer nach Ivica Olic' Fehlschuss ebnete dem FC Chelsea den Weg zum ersten Champions-League-Sieg der Vereinsgeschichte. Für Bayern-Trainer Jupp Heynckes waren jedoch andere Aspekte für das 4:5 n. E. ausschlaggebend.

Frage: Herr Heynckes, können Sie sich daran erinnern, jemals ein Spiel verloren zu haben, dass so klar von Ihrer Mannschaft bestimmt wurde?

Jupp Heynckes: Der Ausgang dieses Champions-League-Finals ist sicher eine bittere Niederlage für den FC Bayern, für meine Mannschaft, meine Spieler. Sie sind sehr enttäuscht. Schaut man auf den Statistikbogen, waren wir in allen Bereichen des Spiels besser. Aber wir dürfen nicht mit Ungerechtigkeiten hadern, das mag ich überhaupt nicht. Wir dürfen auch nicht Chelseas Spielstil für das Ergebnis verantwortlich machen. Wir hätten unsere Chancen verwerten und nach dem 1:0 unser Gehäuse sauber halten müssen, dann wären wir als Sieger vom Platz gegangen. So kann man nur Chelsea gratulieren.

Frage: Sie haben vor dem Spiel gesagt, dass Sie aufgrund der mentalen Stärke Ihrer Spieler keine Elfmeter trainiert haben. Bereuen Sie das nun nach dem Spiel?

Heynckes: Ich kann nach dem Spielverlauf des Finals ja nicht nur über die Elfmeter sprechen. Meine Mannschaft hat über weite Strecken ein überragendes Spiel gezeigt. Dass dann nach der Verlängerung das Elfmeterschießen ein Lotteriespiel ist, weiß man aus der Geschichte. Diesmal war Chelsea die glücklichere Mannschaft. Meine Glückwünsche gehen deshalb an den FC Chelsea. Die Mannschaft hat großartig gekämpft, defensiv gut gestanden und ist dann durch Elfmeterschießen glücklich Champions-League-Sieger geworden.

Frage: Sie haben in der Schlussphase der regulären Spielzeit beim Stand von 1:0 Ihren Torschützen Thomas Müller ausgewechselt. Was war der Grund dafür?

Heynckes: Thomas Müller hat in den letzten Wochen immer Wadenprobleme gehabt und hat signalisiert, dass er ausgewechselt werden möchte. Wenn ein Spieler muskuläre Probleme hat, muss ich als Trainer selbstverständlich reagieren.

Frage: Kann man das 1:1 aus Ihrer Sicht verteidigen, oder war Didier Drogba in dieser Situation einfach nicht aufzuhalten?

Heynckes: Wir haben es dieser Szene nicht verstanden, aufmerksam dagegenzuhalten. Das ist sehr schade. Denn meine Spieler haben sich total verausgabt, haben eine überragende Leistung geboten und sind dafür nicht belohnt worden.

Frage: Torwart Manuel Neuer hat im Elfmeterschießen selbst antreten müssen. Täuscht der Eindruck oder war es diesmal schwierig, fünf Schützen zusammen zu bekommen?

Heynckes: Auf beiden Seiten waren die Spieler zu diesem Zeitpunkt ja völlig erschöpft. Wir haben - ich weiß nicht, wie viele Minuten - nur auf ein Tor gespielt. Wenn man gegen so einen Abwehrwall spielt, dann muss man viel aktiver, mehr in Bewegung sein muss als der Gegner. Daher war es so, dass auch meine Spiele müde waren. Nach der Verlängerung waren sich einige Spieler nicht sicher, ob sie einen Elfmeter schießen wollen. Es ist legitim, dass mir ein Spieler signalisiert, wenn er sich nicht sicher fühlt. Dann habe ich eben andere Schützen nominiert, unter anderem auch Manuel Neuer.

Frage: Arjen Robben zählte nach dem verschossenen Elfmeter in der Verlängerung ebenfalls nicht zu den Strafstoßschützen bei der Entscheidung…

Heynckes: Es ist doch nachvollziehbar, dass er nicht mehr die nötige Sicherheit und das Selbstvertrauen hat, im Elfmeterschießen anzutreten, wenn er gerade erst in der Verlängerung einen Elfmeter nicht verwandelt hat. Das muss man verstehen.

Frage: Bastian Schweinsteiger wirkte nach seinem Elfmeterfehlschuss fast apathisch. Wie kann man ihn jetzt aufrichten?

Heynckes: Alle Spieler gemeinsam hatten ein großes Ziel: Das Champions-League-Endspiel zu gewinnen, und besonders hier in München. Dann musst du erst einmal damit fertig werden, dass ein so renommierter Nationalspieler wie Bastian Schweinsteiger verschießt. Aber Bastian hat uns in Madrid überhaupt erst ins Finale geschossen. Und er wird auch die Enttäuschung dieses Endspiels wegstecken. Das wird sicher einige Tage dauern, aber es gehört zum Fußballerleben dazu.

Frage: Der FC Bayern ist in der Meisterschaft Zweiter geworden und hat im DFB-Pokal und der Champions League jeweils das Finale verloren. Wie bewerten Sie die Spielzeit Ihrer Mannschaft?

Heynckes: Ich weiß, wie das bewertet wird. Es ist klar, wenn der FC Bayern auch in der zweiten Spielzeit hintereinander keinen Titel gewinnt, ist das keine gute Saison. Man muss allerdings sehen, dass wir in der Meisterschaft 73 Punkte geholt haben. Damit wären wir in den letzten zehn Jahren sechs Mal Meister geworden. Das Champions-League-Endspiel kann man aus zwei Perspektiven bewerten: Entweder man sieht, was abgelaufen ist. Oder man nimmt nur die Tatsache, dass man als zweiter Sieger vom Platz gegangen ist. Wir werden von allem etwas bekommen und müssen uns dann der Kritik stellen.

Aufgezeichnet von Martin van de Flierdt