
„Lass dir nicht deine Träume nehmen“
Die TSG Hoffenheim spielt unter Cheftrainer Christian Ilzer eine herausragende Saison. Der Österreicher hat den Kraichgauern einen leidenschaftlichen Fußball eingeimpft. Im Interview spricht der 48-Jährige über seine Kindheit in der Oststeiermark, Niederlagen als Siege und über die Kraft, die er in seinem Glauben findet.
Interview Andreas Kötter
Herr Ilzer, Ihr Heimatverein USK Puch bei Weiz steht in der Tabelle der 1. Klasse Süd/Ost äußerst gut da, sogar besser als die TSG. Haben Sie noch Kontakt zum Club?
Christian Ilzer: Tatsächlich ist ein sehr guter Freund, Tom Gruber, Trainer bei Puch. Tom war Spieler und gleichzeitig mein Co-Trainer, als ich selbst dort als Trainer gearbeitet habe. Überhaupt habe ich nach wie vor eine sehr enge Verbindung zu meiner Heimat, bin dort – auch wenn ich aktuell nur selten dazu komme, vorbeizuschauen – sehr verwurzelt. Als Trainer im Profifußball ist es nun mal so, dass der Job viel deiner Zeit einnimmt und ein Stück weit unberechenbar ist. Deshalb haben meine Frau und ich schon vor Längerem beschlossen, dass die Familie dauerhaft einen festen Standort in der Heimat braucht, schon der Kinder wegen. Den haben wir südlich von Wien gefunden.
Einer Ihrer Lieblingsplätze war einst das „Bankerl unterm Birnbaum“ vor Ihrem Elternhaus. Ist dieser Ort auch heute noch ein Platz der Einkehr für Sie?
Ilzer: Ich habe wunderschöne Erinnerungen an meine Kindheit und meine Jugend, und das ist in der Tat einer meiner liebsten „Kraftplätze“, wie ich es nenne. Von dort hat man eine schöne Aussicht über die Hügel und Wiesen mit den vielen Obstbäumen, und dort habe ich oft mit meinen Eltern und vor allem auch mit meinem Opa gesessen. Er war immer für mich da und hatte stets die Antworten auf all die neugierigen Fragen, die ein kleiner Junge nun mal hat.
Ein Job, der unberechenbar ist – was hat Sie umgetrieben in Ihrer ersten, schwierigen Saison bei der TSG, als Sie am einen Tag nicht wissen konnten, ob Sie am nächsten noch dort sein würden?
Ilzer: Wenn du jemand bist, der eine solche Sicherheit benötigt, dann bist du falsch im Trainerberuf. Ich selbst sehe es eher von der spannenden Seite, nicht genau zu wissen, was vor einem liegt. Als Trainer weiß ich, dass vor mir große Herausforderungen liegen und die gegensätzlichen Pole im Geschäft – Erfolg und Misserfolg – beide trügerisch sein können. Mit diesem Wissen muss man umgehen können. Aber genau diese Herausforderungen und die Suche nach Lösungen haben mich in meinem Leben schon immer gereizt. Es galt und gilt, immer wieder an Stellschrauben zu drehen, ohne dabei seine Authentizität zu verlieren.
Als Sie im Frühjahr 2025 mitten im Abstiegskampf davon sprachen, in drei Jahren in Europa und in fünf gern um die Meisterschaft zu spielen, war das besagte Authentizität oder doch eher das berühmte Pfeifen im Wald?
Ilzer: Man muss meine Aussage im Kontext des Interviews sehen. Damals sollte ich einen Blick über den Sommer hinaus werfen. Ich habe aber geantwortet, dass es zunächst nur darum gehen könne, die Klasse zu halten.
Erst auf mehrmaliges Nachfragen nach meinen Visionen habe ich gesagt, dass ich mit der TSG in drei Jahren zurück ins internationale Geschäft und in fünf Jahren um die Deutsche Meisterschaft spielen möchte. Warum auch nicht? Schließlich bin ich nicht in eine der Topligen Europas gekommen, um dauerhaft im Mittelfeld oder gar gegen den Abstieg zu spielen. Es ist eine legitime Vision von mir, wie schon in Österreich auch in Deutschland um die Meisterschaft kämpfen zu wollen. Ich habe das damals auch hier im Haus deutlich zum Ausdruck gebracht: Egal wie die Lage ist, in der du gerade stecken magst, lass dir von niemandem deine Visionen und Träume nehmen – vorausgesetzt, du bist bereit, die notwendige Haltung zu entwickeln.
Schlüsselmomente für Ilzer
Gab es damals bei Ihnen keine Selbstzweifel?
Ilzer: Man muss offen dafür bleiben, Dinge gegebenenfalls anzupassen. Das bin ich. Aber ich trage auch Glaubenssätze in mir, von denen ich zu hundert Prozent überzeugt bin. Und einer ist: Je schwieriger die Situation, desto besser funktioniere ich. Selbst in meinem näheren Umfeld habe ich damals gehört, dass es mit mir und Hoffenheim keinen Sinn ergeben würde, weil nicht das kleinste Lichtlein am Ende des Tunnels zu erkennen wäre. Ich aber war überzeugt, dass wir die Dinge in den Griff bekommen, wenn wir Tag für Tag fokussiert bleiben. Das war eine große Herausforderung – eine, die wir schlussendlich gemeistert haben. Es gab damals durchaus Schlüsselpunkte für mich, die ich jetzt nicht erläutern möchte. Aber in dem Moment, in dem ich für mich die Entscheidung getroffen hatte weiterzumachen, war ich absolut sicher, dass es gut gehen würde.
Hätten Sie sich damals schon vorstellen können, dass aus dem Lichtlein in weniger als einem Jahr ein helles Leuchten werden könnte?
Ilzer: Zunächst einmal war mir klar, dass wir im Sommer vor großen Herausforderungen stehen würden. Man muss sich nur noch einmal vor Augen führen, dass wir mehr als 30 Zu- und Abgänge zu bewerkstelligen hatten.
Neben jungen Spielern wie Leon Avdullahu oder Albian Hajdari kamen auch ältere wie Bernardo. Fraglos ein gestandener Profi, was genau aber haben Sie in ihm oder auch im immerhin schon 33-jährigen Vladimir Coufal gesehen?
Ilzer: Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt sieben, acht Monate Zeit gehabt, um im Detail zu verstehen, wie dieser Verein funktioniert. Wir mussten im Sommer Plätze schaffen für jüngere Spieler, weil es galt, Personalkosten zu senken und trotz des großen Umbruchs ein Transferplus zu erzielen. Gleichzeitig war mir im Kopf längst klar, wie unser Fußball aussehen soll. Eine fußballerisch talentierte Mannschaft hatten wir fraglos schon in der Vorsaison, aber von zehn Feldspielern hatten nur sieben oder acht das Verteidigen als Kernkompetenz verinnerlicht. Und diese Kernkompetenz bei gleichzeitigem fußballerischem Können hat Bernardo mitgebracht.

"Er zählt zu den besten Abwehrspielern der Liga!"
Und Vladimir Coufal? Gekommen als Back-up, jetzt einer der absoluten Leistungsträger.
Ilzer: Wir hatten uns zunächst mit einem jüngeren Spieler aus der Premier League beschäftigt, uns dann aber entschieden, nach einem arrivierten Mann zu schauen. Und Vladimir, der bereits fünf Jahre Premier League bei West Ham United auf dem Buckel hatte, machte im Gespräch schnell klar, dass er unbedingt in die Top sechs in Deutschland möchte. Da war mir sofort klar, wie erfolgsorientiert er nach wie vor ist und dass er das richtige Mindset mitbringen würde. Und Vladimirs Leistungen – er zählt zu den vier, fünf besten Abwehrspielern der Liga – bestätigen, dass wir absolut richtig lagen.
Taugt Ihre persönliche Geschichte als Paradebeispiel dafür, dass sich Geduld im Fußball auszahlt?
Ilzer: Was die Trainerpersonalie betrifft, glaube ich tatsächlich, dass häufig viel zu schnell gewechselt wird. Der Cheftrainer und der Sportdirektor sind extrem wichtige Funktionsträger, die die Leitplanken in einem Verein setzen und auch harte Personalentscheidungen treffen müssen. Bis sich die Wirkung dieser Maßnahmen und damit der sichtbare Erfolg zeigt, kann es aber etwas dauern – Zeit, die man im Fußball häufig nicht bekommt. Wenn alle Entscheidungsträger in den Führungspositionen stets zusammenhalten, ausschließlich das Inhaltliche beurteilen und sich nicht von den Nebengeräuschen beeindrucken lassen würden, dann würde sich das wohl auch viel häufiger auszahlen.
Trotz des Erfolgs der vergangenen Monate gab es aber auch in Hoffenheim viel Unruhe, Sportgeschäftsführer Andreas Schicker sprach gar von einem „Kasperletheater“.
Ilzer: Ich glaube, dass wir dennoch zeigen, wie es funktionieren kann. Jeder Einzelne in jeder Abteilung muss sich in seiner Rolle gebraucht und geschätzt fühlen, damit wir erfolgreich sein können. Da geht es nicht nur um Andreas Schicker, nicht nur um Christian Ilzer. Jeder wird gebraucht, und jeder hat seine Wichtigkeit. Dieses Gefühl schafft Identität, und nur deshalb sind wir große Schritte weitergekommen auf unserem Weg. Jeder hat hier seinen Teil zu dieser sensationellen Erfolgsgeschichte beigetragen. Wir sind ein kleiner, bodenständiger Verein, aber wir können etwas Großes erreichen.
Wie bewerten Sie auf dem Weg dorthin das etwas unglückliche 1:5 beim FC Bayern München?
Ilzer: Ich glaube, dass diese Niederlage dennoch ein Sieg für unsere Entwicklung war. Auch mit nur zehn Mann ab der 17. Spielminute haben wir uns nicht aufs Reagieren verlegt, sondern weiter unser Spiel durchgezogen. Jeder meiner Spieler hat gefühlt, dass wir mit unserer Art, Fußball zu spielen, mithalten konnten mit einem der Topteams in Europa – auch wenn die Bayern am Ende dank ihrer individuellen Klasse mit 5:1 gewonnen haben. Wir haben mutig, entschlossen, aktiv und aggressiv unseren besten Fußball gespielt. Ich hatte den Jungs vorher gesagt: „Wenn ich sehe, dass ihr den Mut habt, vor 75.000 Zuschauern gegen Bayern München, das mit voller Kapelle wie in einem Champions-League-Finale antritt, so zu spielen, wie wir es Tag für Tag trainieren, dann werde ich zufrieden sein – völlig unabhängig vom Ergebnis!
Sie haben im Sommer gesagt, wenn die Zeit reif sei, würden Sie Ihre Ergebnisziele benennen. Ist es nun so weit, von Europa oder gar der UEFA Champions League zu sprechen?
Ilzer: Wir haben uns intern immer Ergebnisziele gesetzt. Schritt für Schritt haben wir versucht, dieses Bild ganz fest zu manifestieren in unseren Köpfen. Ich habe bereits als Fünfjähriger groß geträumt, sodass meine Mutter damals oft seufzte: „Junge, kannst du nicht einfach normal sein?“ Ich habe mir damals wirklich die verrücktesten Dinge ausgemalt und war felsenfest davon überzeugt, dass ich als Skirennläufer irgendwann das härteste Abfahrtsrennen der Welt gewinnen würde. Das hat bekanntlich nicht geklappt. Stattdessen bin ich heute aber Trainer des Tabellendritten der Fußball-Bundesliga. Und wenn man sich das einmal überlegt … die Chance dafür lag wohl bei weit unter einem Prozent angesichts meiner Geschichte mit drei Kreuzbandrissen und keinem einzigen Spiel als Profi. Vielleicht inspiriert diese Geschichte nun andere dazu, ganz groß zu träumen. Es ist doch so, man hat ein Leben geschenkt bekommen …
… sind Sie gläubig?
Ilzer: Ja. Ich bin katholisch und ein sehr gläubiger Mensch. Der Fußball hat mir sehr viel gegeben, und ich glaube fest daran, dass jeder die Chance hat, den Schlüssel zum Lebensglück im eigenen Herzen zu entdecken. Und dazu, dass es sich lohnt, nicht gleich beim ersten Widerstand aufzugeben, kann mein Weg vielleicht inspirieren.
Der AUTOR
Andreas Kötter ist freier Autor und Journalist. Er arbeitet unter anderem für das »RedaktionsNetzwerk Deutschland«, den Axel Springer Verlag und begleitet den deutschen Profifußball seit vielen Jahren.
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