München - In seiner 19-jährigen Profi-Karriere hat Olaf Thon nur für zwei Vereine gespielt: Schalke 04 und Bayern München. Am Sonntag treffen seine beiden Ex-Clubs im Spitzenspiel des 6. Spieltags aufeinander. Der Weltmeister von 1990 sprach mit bundesliga.de über den Kracher am 6. Spieltag.

bundesliga.de: Herr Thon, der FC Bayern steht nach fünf Spieltagen an der Tabellenspitze. Ist das schon mehr als ein erster Trend?

Olaf Thon: Ja. Nach den Eindrücken der ersten fünf Spieltage ist der FC Bayern für mich der haushohe Favorit auf den Meistertitel. Ich glaube, dass die Bayern in dieser Saison durchmarschieren werden, weil es Jupp Heynckes gelungen ist, die Abwehr zu stabilisieren und der Verein mit Manuel Neuer den vielleicht besten Torhüter der Welt geholt hat.

bundesliga.de: Ehemalige Kollegen wie Thomas Berthold, der mit Ihnen 1990 Weltmeister wurde, sind in ihren Aussagen noch etwas skeptisch und verweisen auf das relativ einfache Auftaktprogramm der Bayern.

Thon: Ich finde nicht, dass die Bayern bislang vom Spielplan profitiert haben und sie nur Gegner aus der unteren Tabellenhälfte hatten. Die ersten Spiele in einer Saison sind die schwersten, ganz egal wie der Gegner heißt. Und im Gegensatz zu den Ligen in Spanien und Italien kann in der Bundesliga jeder jeden schlagen. Wir erleben an jedem Spieltag Überraschungen, deshalb boomt die Bundesliga ja auch so. Auch die 2. Bundesliga, in der auf einmal der VfL Bochum im Tabellenkeller herumkrebst, womit niemand gerechnet hat. Die Ergebnisse sind nicht vorhersehbar. Das sehe ich auch an meinen Tips. Ich könnte ebenso gut einen Blindtipp abgeben.

bundesliga.de: Wo liegen die Stärken der Bayern?

Thon: Die Stärken liegen erst einmal in der Defensive, die durch die Verpflichtungen von Manuel Neuer, Rafinha und Jerome Boateng verstärkt wurde. Mit Holger Badstuber und gelegentlich van Buyten in der Innenverteidigung und Philipp Lahm wieder auf der linken Seite steht die Abwehr, die von Bastian Schweinsteiger und Luiz Gustavo hervorragend unterstützt werden - das passt. In der letzten Saison fehlten den Bayern schnelle und wendige Spieler. Außerdem haben sie 20 Meter weiter vorne im Stil von Barcelona attackiert, hatten aber nicht die Spieler dafür und waren deshalb anfälliger. Und über die Offensive mit Thomas Müller und Mario Gomez müssen wir nicht reden, ganz zu schweigen von "Robbery".

bundesliga.de: Was sagen Sie zu der unglaublichen Torquote von Mario Gomez?

Thon: Mario Gomez hat das gewisse Etwas. Das habe ich zuletzt wieder bei dem Elfmeter in Kaiserslautern gesehen, den er im Nachschuss verwandelt hat. Das war ein sehr schwieriger Ball, der da zurückprallte, den er genau richtig berechnet und verwandelt hat. Das war kein Glück, sondern große Klasse. Ich traue ihm 30 Tore in dieser Saison zu, nicht jedoch, dass er den 40-Tore-Rekord von Gerd Müller bricht. Aber wer weiß?

bundesliga.de: Wie kann man die Bayern schlagen? Und wie schätzen Sie den bisherigen Saisonverlauf der Schalker ein?

Thon: Man kann ihnen durch schnelles Konterspiel ein Bein stellen. Schalke wird sich erst etwas zurückziehen und den Bayern nicht ins offene Messer laufen. Der Start der Schalker war bislang nach der Auftaktniederlage in Stuttgart mehr als okay. Es ist ihnen gelungen, den Konflikt zwischen Trainer Ralf Rangnick und Raul zu lösen und eine Einheit zu formen. Farfan ist auf der Außenposition großartig, links spielt Julian Draxler, Lewis Holtby agiert mehr zentral. Das sind junge Leute, die auch einmal einen schlechten Tag erwischen. Deshalb sind die Ups und Downs ganz normal.

bundesliga.de: Hat der Trainerwechsel von Magath zu Rangnick dem Verein gut getan?

Thon: Unter Ralf Rangnick spielt Schalke einen anderen Fußball, ballorientierter. Aber sie sind erst am Anfang, das braucht Zeit, bis alle Spieler wissen, was sie zu tun haben. Die Stärke von Schalke ist das Flügelspiel über Farfan. Vorne haben sie mit Klaas-Jan Huntelaar einen Superstürmer, der aber noch treffsicherer sein könnte. Im Moment ist die linke Abwehrseite mit Christian Fuchs, der sich in einem kleinen Tief befindet, die Schwachstelle. Und im Mittelfeld fehlt ein Kopf wie es Schweinsteiger in München ist.

bundesliga.de: Was für ein Spiel erwarten Sie?

Thon: Ich glaube nicht, dass die Schalker gegen Bayern gewinnen werden. Es wird auf die Einstellung ankommen. Wie sie in Wolfsburg gesehen haben, gewinnt nicht immer das bessere Team, sondern auch mal die Mannschaft, die mehr Biss hat. In Wolfsburg hätte Schalke niemals verlieren dürfen.

bundesliga.de: Was hat Sie in dieser Saison bisher positiv überrascht?

Thon: Überrascht bin ich etwas vom Comeback von Werder Bremen, der Club hat sich gefangen. Dort zahlt sich aus, dass der Verein und Thomas Schaaf im letzten Jahr die Nerven behalten haben. Es scheint sogar nach dem Weggang von Per Mertesacker zu funktionieren.

bundesliga.de: Ist Bremen schon ein Meisterschaftskandidat?

Thon: Nein, ich glaube nicht, dass Bremen etwas mit der Titelvergabe zu tun haben wird. Da erwarte ich doch eher Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund als Konkurrenten der Bayern, auch wenn der BVB im Moment ein bisschen hinterherhechelt, was aber für viele nicht so überraschend kommt. Es ist eine normale Reaktion auf die letzte Saison.

bundesliga.de: Und womit haben Sie nicht gerechnet?

Thon: Negativ überrascht haben mich am vergangenen Wochenende der SC Freiburg und seit Saisonstart der Hamburger SV. Beim HSV stimmt es hinten und vorne nicht. Sehr positiv ist dagegen Borussia Mönchengladbach aufgetreten. Der Auftaktsieg in München war kein Strohfeuer. Die Mannschaft wirkt richtig gefestigt und stabil. Gegen Kaiserslautern spielten sie schon sehr kaltschnäuzig und selbstsicher, und vor allem Juan Arango blüht richtig auf. Lucien Favre leistet da eine tolle Arbeit.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski