München - Eines kann man Felix Magath sicher nicht vorwerfen: dass er den Weg des geringsten Widerstands geht. Schalkes Trainer eckt an, dreht alles auf links und sorgt für Verwirrungen im handelnden und beobachtenden Umfeld eines Vereins.

Ob Spieler, Co-Trainer, Pressesprecher oder Mannschafts- und Fan-Betreuer - "Chef" Magath, mit der Dreifach-Kompetenz als Trainer, Sportdirektor und Vorstandssprecher ausgestattet, bastelt sich seinen persönlichen Stab nach eigenen Vorstellungen, mit Mitarbeitern, denen er Vertrauen schenkt.

"Unterstützung für alle Entscheidungen" - auch unangenehme

So war es in seiner zweijährigen Amtszeit beim VfL Wolfsburg, die mit dem sensationellen Titelgewinn 2009 endete, und so läuft es bei seinem aktuellen Engagement beim FC Schalke 04, das mit Platz 2 und der damit verbundenen, angesichts des jungen Kaders fast sensationell anmutenden direkten Qualifikation für die Champions League im vergangenen Jahr stark begann. Dafür hatte ihn der Aufsichtsrats-Vorsitzende Clemens Tönnies im Sommer 2009 aus Wolfsburg losgeeist, um "die Marke Schalke nach vorne zu bringen", wie Tönnies bei der Vorstellung des neuen starken Mannes betonte: "Dafür erhält Felix Magath von uns die Unterstützung für alle Entscheidungen, seien sie auch noch so unbequem."

Und inzwischen nehmen die "unangenehmen Entscheidungen" zu, zumindest aus Sicht der stimmgewaltigen Schalker Anhängerschaft. Zu Beginn der aktuellen Spielzeit stand mit Neuzugängen wie Raul, Klaas-Jan Huntelaar, Ciprian Deac, Christoph Metzelder oder Jose Manuel Jurado - um nur einige zu nennen - eine im Vergleich zur Vorsaison stark veränderte Elf auf dem Platz. Verdiente, erfahrene Spieler wie Marcelo Bordon, Rafinha, Heiko Westermann oder Kevin Kuranyi verließen den Verein.

Die Fans des Traditionsvereins, die seit über fünf Jahrzehnten auf die Meisterschaft warten, akzeptierten den Wandel, in der Hoffnung, Magath baue eine schlagkräftige, auch in der "Königsklasse" wettbewerbsfähige Mannschaft auf. Während mit dem Erreichen des Champions-League-Achtelfinales und im DFB-Pokal mit dem Halbfinaleinzug diese Hoffnungen genährt wurden, steht in der Bundesliga der erwartete Erfolg mit Platz 11 und elf Zählern Rückstand auf Rang 3 noch aus.

Magath sieht "keinerlei finanzielles Risiko" bei den Neuverpflichtungen

Und so brachte Magath zum Ende der Transferperiode in der Winterpause das Schalker Personalkarussell noch einmal mächtig in Schwung: Erik Jendrisek, Jermaine Jones, Besart Ibraimi und Ivan Rakitic verließen den Club, dafür kamen Danilo Avelar, Anthony Annan, Angelos Charisteas und Ali Karimi neu hinzu.

Verändern die Magathschen Mannschaften scheinbar pausenlos ihr Gesicht? Ist der Vorwurf vieler Fans berechtigt, Schalkes Kader sei konturlos? Besonders die beiden Verpflichtungen von Karimi und Charisteas kamen für die "königsblaue" Fangemeinde überraschend. Gerade jetzt, vor dem Revierderby am Freitag gegen den Erzrivalen Borussia Dortmund, der mit 25 Punkten Vorsprung auf die "Knappen" auf Platz 1 thront.

Oft vergessen wird dabei allerdings, dass Magath auch auf die finanzielle Situation des Clubs Rücksicht nehmen muss. Spieler wie Bordon oder Kuranyi, Rafinha oder Jones, Rakitic oder Westermann verdienten nicht nur Anerkennung auf Schalke, sondern auch jede Menge Zählbares - mit ihrem Verkauf erlöste und sparte Magath Millionen, die neuen Spieler kosten weniger. Gerade Karimi und Charisteas waren zuletzt vereinslos, kommen also ablösefrei und sind lediglich mit einem Vertrag bis zum Saisonende ausgestattet. "Beide Verpflichtungen bedeuten keinerlei finanzielles Risiko", betonte Magath. Außerdem bestand nach dem verletzungsbedingten Saisonaus für Tim Hoogland im Mittelfeld noch Nachbesserungsbedarf - auch ein Grund für Karimis Verpflichtung.

Karimi soll das Spiel ankurbeln

Abzuwarten bleibt, ob die Neuen sportlich eine Verstärkung darstellen. Während Magath dies bei Annan, der im Mittelfeld den nach Sevilla abgewanderten Rakitic ersetzen soll, schon in Kürze erwartet ("Er ist ballsicher, spritzig, aggressiv und will den Ball. Er weiß sofort Lösungen und agiert schnell nach vorne."), könnte es bei Karimi und Charisteas noch etwas dauern.

Der Iraner Karimi spielte bereits zwischen 2005 und 2007 beim FC Bayern unter Magath, gewann mit ihm 2006 das "Double" aus Meisterschaft und Pokal. Zuletzt war der "Zauberer von Teheran", wie ihn seine Fans ob seiner Dribbelfähigkeiten und seines technisch versierten Spiels rufen, beim Asien-Cup in Katar mit dem Iran vertreten, schied aber dort im Viertelfinale aus. Auf Schalke läuft der 32-Jährige künftig mit der "10" auf dem Rücken auf. "Ich freue mich, dass wir bis Saisonende noch einen erfahrenen Spieler hinzubekommen. Im Moment haben wir Probleme, das Spiel aus dem Mittelfeld in den Angriff zu tragen. Karimi ist ein sehr guter Fußballer und kann uns in dieser Beziehung helfen", formuliert Magath seine Erwartungen an "Asiens Fußballer des Jahres 2004".

Charisteas bringt benötigte Kopfballstärke mit

Und auch für die Verpflichtung des 30-jährigen Charisteas, der bis vergangenen November in Frankreichs Ligue 1 bei AC Arles unter Vertrag stand, kann Magath neben den finanziellen auch gute sportliche Gründe anführen. "Es ist gut, einen kopfballstarken Mann vorne reinschmeißen zu können. Wenn wir in Rückstand geraten, können wir auf diese Weise noch mehr Druck ausüben. Gerade die 0:1-Niederlage gegen Hoffenheim hat wieder gezeigt, wie gut wir noch einen kopfballstarken Stürmer gebrauchen können."

Die Bundesliga kennt EM-Held Charisteas, der 2004 die Griechen zum Europameistertitel köpfte, aus seiner Zeit bei Werder Bremen, Bayer Leverkusen und dem 1. FC Nürnberg ohnehin aus dem Effeff. Und Schalkes endlich wieder gesunder Standard- und Flankenspezialist Christian Pander könnte einen dankbaren Abnehmer für seine scharfen Hereingaben finden.

Sowohl Charisteas als auch Karimi werden wohl zunächst nur als Joker von der Bank eingesetzt werden und sollen den Konkurrenzdruck auf das offensive Personal erhöhen. Und vielleicht hat sich Magath bei der Verpflichtung des Iraners auch einfach nur an den 17. Dezember 2005 erinnert. Damals schoss Ali Karimi im Trikot des FC Bayern unter Coach Magath sein zweites Bundesligator. Gegner beim 2:1-Sieg damals: Borussia Dortmund...

Denis Huber