Berlin - Die Freude über den 18. Pokalsieg in der Vereinsgeschichte war riesengroß. Die Bayern feierten mit ihren Fans im Berliner Olympiastadion neben dem Sieg gegen den BVB, vor allem auch ihren scheidenden Trainer Pep Guardiola. Im Interview spricht Thomas Müller über die Guardiola-Ära und die dramatischen 120 Minuten.

Frage: Herr Müller, wie erleichtert sind Sie, nach den 120 Minuten als Sieger vom Platz gegangen zu sein?

Thomas Müller: Elfmeterschießen ist immer brutal, aber wenn es positiv für jemanden ausgeht, ist es brutal schön.

Frage: Sven Bender und Sokratis haben bei den Dortmundern verschossen. Haben Sie Mitleid gehabt mit den Beiden?

Müller: Das passiert halt beim Elfmeterschießen. Wir haben das am eigenen Leibe erfahren. Das ist etwas ganz Normales im Fußball. Wenn man das ganze Spiel betrachtet, waren wir die klar bessere Mannschaft, hätten aber auch verlieren können und deswegen sind wir sehr glücklich. Es ist ein perfekter Abschluss der Saison.

Frage: Reicht die Kraft noch, um am Sonntag in München mit den Fans zu feiern?

Müller: Wir werden am Sonntag sicher noch mal Gas geben. Dann schauen wir mal, was noch geht. Ich muss gestehen, ich bin ziemlich platt. 120 Minuten waren hart, die Krämpfe bei mir haben etwas nachgelassen. Wenn man dann am Ende triumphiert, ist es wunderschön.

Frage: Sie haben selbst einen Elfmeter verwandelt. Haben Sie noch an das Champions League-Halbfinale gedacht, als Sie gegen Atletico Madrid einen wichtigen Strafstoß verschossen haben?

Müller: Ja, schon. Natürlich habe ich daran gedacht, dass ich schon einen wichtigen Elfmeter gegen Madrid verschossen habe, aber ich kann besser in den Spiegel schauen, wenn ich antrete. Ich bin jetzt vom Typ her nicht gerade der Angsthase. Wenn ich gesagt hätte, ich schieße nicht, hätte ich damit nicht so gut leben können. Dann habe ich den Ball genommen und meiner Technik vertraut und dann habe ihn eiskalt verwandelt. Ein paar Spieler haben sich vor dem Elfmeterschießen beim Trainer aufgedrängt. Ich habe gesagt, dass ich kaputt bin, aber im Kopf noch fit. Ich habe die Eier dann in die Hand genommen, wie damals Oliver Kahn.

Frage: Es war das letzte Spiel von Pep Guardiola als Bayern-Coach. Nach dem Spiel kullerten die Tränen beim sonst so besonnenen Trainer. Hat Sie sein Gefühlsausbruch überrascht?

Müller: Nee, überrascht war ich nicht. Wenn die Saison dann vorbei ist, dann kann man auch mal Mensch sein und nicht Maschine. Dann ist der Druck weg. Für Pep war der Ausgang ausschlaggebend für zwei Extreme. Jetzt gehen wir durch das große Tor aus der Saison und er verlässt eben den Verein. Wenn wir verloren hätten, wäre seine Arbeit nach außen hin weniger wertgeschätzt worden. Das war ihm vor dem Spiel klar, deshalb nach dem Spiel dieser emotionale Ausbruch. Ich kann das schon verstehen.

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Frage: Bei der Siegerehrung wollte die Mannschaft, dass der Trainer den Pokal in den Berliner Nachthimmel regt. War das eine geplante Aktion?

Müller: In dieser Situation muss man ja kein Romantiker sein, dass man merkt, was los ist. Er hat in drei Jahren in München viel investiert. Ich glaube, es ist kein Spaß, vor jedem Spiel vier Partien des Gegners anzuschauen, wenn man das Ergebnis schon vorher kennt. Man muss auch hinter die Kulissen schauen, um die Arbeit anderer Menschen zu beurteilen. Auch wenn er für die Medien nicht immer so greifbar war, wie sie es gerne gehabt hätten. Aber die Arbeit, die er auf dem Platz vollbracht hat, muss man wertschätzen.

Frage: Was nehmen Sie von ihm mit?

Müller: Ich nehme sehr viel mit. Er hat uns taktisch weiterentwickelt. Das sieht man auch in jedem Spiel, auch gegen den BVB. Eine Mannschaft wie den BVB, der nicht mehr nur, wie noch unter Jürgen Klopp, Konterfußball spielt, haben wir absolut im Griff gehabt. Die haben ja gar nicht hinten rausspielen können. Auch Thomas Tuchel ist ein super Trainer, der auf eine Situation immer sofort reagieren kann, aber wir hatten immer die passende Antwort. Wir waren gut vorbereitet. Natürlich hätte ich das nicht erzählen können, wenn wir im Elfmeterschießen verloren hätten, aber wir haben doch deutlich dominiert.

Aufgezeichnet von Alexander Barklage in Berlin