Bremen - Nach einigen Anfangserfolgen unter dem neuen Trainer Viktor Skripnik ist Werder Bremen in der Tabelle doch nicht richtig von unten weggekommen, hat aber durch den 2:1-Sieg gegen Dortmund die direkten Abstiegsplätze verlassen.

Im Interview mit bundesliga.de spricht Thomas Eichin, Geschäftsführer Sport, über die Arbeitsweise von Skripnik, über den Charakter der Mannschaft und über die Effektivität von Winter-Transfers.

bundesliga.de: Herr Eichin, mit dem Trainerwechsel von Robin Dutt zu Viktor Skripnik war die Hinrunde für Werder turbulent, wie Ihre bisherige Zeit in Bremen überhaupt anstrengend gewesen sein dürfte. Wie sehr schlaucht das?

Thomas Eichin: Ich bin kein Novize in diesem Job, mache das fast 20 Jahre und kenne solche Situationen. In diesem Business ist es in der heutigen Zeit nun mal Normalität, dass es hektisch werden kann. Selbstverständlich wünschen wir uns ruhigere Zeiten und Siege und Erfolge. Aber uns war immer klar, dass auf Werder wohl eher unruhige Zeiten zukommen würden. Darauf waren wir vorbereitet.

bundesliga.de: Aber hätten Sie sich die Aufgabe so schwierig vorgestellt?

Eichin: Ich habe die finanzielle Lage und die hohen Erwartungen, die aus der erfolgreichen Vergangenheit resultieren, schnell erkannt. Diese beiden Dinge sind aber schwer zusammenzubringen. Das ist normal in Bezug auf Traditionsvereine. Trotzdem hatte ich mir nach der vergangenen Saison, als wir eine positive Entwicklung durchlaufen haben, erhofft, dass wir in dieser Spielzeit den nächsten Schritt machen können. Das ist uns leider nicht gelungen. Jetzt müssen wir schauen, wie wir die Kurve bekommen. 

"Es ist für uns ein alternativloser Weg"

bundesliga.de: Zwischenzeitlich schien es so, als könnte der Trainerwechsel sofort Früchte tragen, jetzt aber überwintern Sie auf einem Relegationsplatz. Macht es psychologisch einen großen Unterschied, ob man als 15. oder als 17. oder 18. in die Winterpause geht?

Eichin: Der Trainerwechsel trägt bereits Früchte. Wir haben mit Viktor Skripnik vier Siege und ein Unentschieden aus acht Partien geholt. Die Tendenz gibt uns Mut. Ich habe Abstiegskampf als Spieler selbst erlebt. Letztlich kommt es vor allem darauf an, wie groß der Punkteabstand zu den nächsten Plätzen ist. Und jeder von uns kann die Tabelle lesen. Selbstverständlich ist es nicht schön, wenn man auf einem Relegationsplatz in die Pause geht und immer darauf angesprochen wird. Diese öffentliche Wirkung muss man aushalten können. Aber natürlich hat uns die Partie gegen Borussia Dortmund auch viel Rückenwind für die Arbeit in der Vorbereitung gegeben.

bundesliga.de: Skripnik setzt unbeirrt auf junge Nachwuchskräfte wie LorenzenSelke oder Hüsing, während z. B. Elia oder Petersen nun sogar zu anderen Clubs abgegeben wurden. Ist das möglicherweise zu viel Risiko, oder ist das der Weg, den ein Traditionsklub gehen muss?

Eichin: Viktor macht keinen Unterschied zwischen erfahrenen und jungen Spielern. Er schaut einfach auf die Trainingsleistungen und hat ein Gefühl dafür, was passt und was nicht. Und wenn Lorenzen eine super Trainingswoche hat, spielt er folgerichtig. Zudem wird Viktor Skripnik, der mit dieser Mannschaft noch keine Vorbereitung durchlaufen konnte, im Trainingslager ein umfassenderes Bild von der Mannschaft bekommen. Grundsätzlich stimmt es aber, dass es für uns ein alternativloser Weg ist, den einen oder anderen jungen Spieler in die Mannschaft einzubauen.

bundesliga.de: Sind Sie enttäuscht, dass ein erfahrener Spieler wie Elia die Situation nicht angenommen hat?

Eichin: Das mit Eljero Elia ist eine lange Geschichte, die man nicht immer wieder erzählen muss und ich glaube, dass wir jetzt für alle Parteien eine gute Lösung gefunden haben.

bundesliga.de: Größtes Plus von Werder scheint bisher die Moral der Mannschaft, die so oft wie keine andere nach Rückständen zurückkommt; wie viel Hoffnung gibt Ihnen das?

Eichin: Wir müssen aufpassen, dass wir nicht immer nur nach den positiven Dingen schauen, am Ende aber dennoch verlieren. Sicherlich ist es so, dass diese Mannschaft kein Charakterproblem hat. Und es war bisher auch nicht so, dass wir nicht konkurrenzfähig gewesen wären. Individuelle Fehler bringen uns aber immer wieder auf die Verliererstraße. Vor allem auswärts muss es uns gelingen, so aufzutreten, wie zuhause. Das müssen wir knallhart ansprechen und dürfen nichts schönreden.

"Verstärkungen sind immer erwünscht"

bundesliga.de: Zlatko Junuzovic hat das nach der 1:4-Niederlage in Gladbach angesprochen. Der Österreicher ist einer der besten Spieler Werders. Befürchten Sie, ihn verlieren zu können?

Eichin: Für Vereine wie Werder ist es immer eine Herausforderung, sehr gute Spieler zu halten. Damit müssen wir leben. Aber selbstverständlich versuchen wir Zlatko Junuzovic zu halten. Letztlich hängt sein Verbleib auch davon ab, welche sportliche Perspektive wir ihm bieten können. Die Hoffnung habe ich noch nicht aufgegeben.

bundesliga.de: Hat der aktuelle Kader die Qualität die Klasse zu halten, oder sind Winter-Transfers zwingend notwendig?

Eichin: Wir müssen aufpassen, dass wir unsere jungen Spieler, die nach vorne drängen, durch Winter-Transfers nicht blockieren. Trotzdem sind Verstärkungen immer erwünscht, egal ob man nun auf Platz achtzehn oder auf Platz sieben steht. Jeder wird sich in der Winterpause Gedanken machen, wie man die eigene Mannschaft verstärken kann. Mit der Verpflichtung von Levin Öztunali haben wir ein Zeichen gesetzt, dass wir unseren Weg konsequent weitergehen. Grundsätzlich glaube nach wie vor, dass wir die Qualität haben, um die Klasse zu halten.

bundesliga.de: Sind etwaige Winter-Transfers nur machbar, wenn zeitgleich Spieler, wie Elia, abgegeben werden?

Eichin: Wir müssen nicht ständig darüber reden, welche Spielräume wir haben oder nicht haben. Wir müssen intelligente, richtige Entscheidungen treffen. Daran arbeiten wir, die Geschäftsführung, der Trainerstab, die Sportdirektoren, jeden Tag, auch über die Feiertage.

"Winter-Transfers sind schwieriger"

bundesliga.de: Von den Medien werden u. a. der ehemalige Wolfsburger Misimovic, Chelseas Toptalent Aké oder auch der ehemalige Werderaner Aaron Hunt ins Spiel gebracht. Namen werden Sie aber kaum kommentieren?

Eichin: Das stimmt. Denn der eine oder andere Journalist könnte mit einer Vermutung auch einmal richtig liegen. Und dann müsste ich möglicherweise lügen, wenn ich mich äußern würde. Das möchte ich vermeiden. 

bundesliga.de: Vielleicht können Sie grundsätzlich etwas zu Winter-Transfers sagen: Gibt es eine Statistik, ob diese Transfers riskanter, weil weniger effektiv sind als Sommer-Transfers?

Eichin: Ich glaube, dass man auch Winter-Transfers richtig vorbereiten kann. Es gibt immer Spieler, deren Verträge im folgenden Sommer auslaufen, so dass man sie frühzeitig verpflichten könnte. Dennoch sind Winter-Transfers schwieriger, nicht zuletzt, weil der Markt im Sommer größer ist.

bundesliga.de: Sind Sie auch deshalb schwieriger, weil weniger Zeit zur Integration bleibt?

Eichin: Das ist richtig. Die Transfer-Phase geht bis Ende Januar, und die meisten nutzen diesen Zeitraum aus in der Hoffnung auf einen besseren Preis. Die Vorbereitung ist dann gelaufen. Gerade ausländische Spieler benötigen aber sehr lange, bis sie sich an den Rhythmus in der Bundesliga gewöhnt haben.

bundesliga.de: Ohne dass Sie Namen kommentieren: Der Transfer eines Spielers wie Aaron Hunt wäre also sinnvoller als der eines Spielers, der die Liga nicht kennt?

Eichin: Beim Thema Hunt hat sich Wolfsburg klar positioniert, das akzeptieren wir. Unabhängig davon: Ein Spieler, der im Rhythmus ist, egal ob er nun aus der 1. oder aus der 2. Liga kommt, ist in der Kürze der Zeit besser zu integrieren als einer, der von einer anderen Liga in die Bundesliga wechselt.

bundesliga.de: Wie sieht Ihre Zielsetzung für die Rückrunde aus?

Eichin: Es muss uns gelingen, den Anschluss an die anderen Klubs zu halten und so schnell wie möglich Erfolge einzufahren, die uns aus dem Tabellenkeller herausbringen. Wir müssen uns jetzt sammeln und mit Viktor eine Vorbereitung absolvieren, die uns gut präpariert in die Rückrunde gehen und die Klasse halten lässt.

Das Gespräch führte Andreas Kötter