Köln - Neustarts ist Tarik Elyounoussi, 26, gewöhnt. Mit elf Jahren emigrierte er aus Marokko nach Norwegen. Im Interview mit bundesliga.de erklärt der Offensivspieler der TSG 1899 Hoffenheim, warum der Fußball der Schlüssel für seine Integration war.

bundesliga.de: Herr Elyounoussi, ist eigentlich Ihr linker Fuß Ihr stärkerer oder der rechte?

Tarik Elyounoussi: Das hat mich Niklas Süle gerade nach dem Training auch gefragt (lacht). Ich bin eigentlich Rechtsfuß. Aber als ich elf war, konnte ich mit links fußballerisch gar nichts anfangen. Ich habe dann jeden Tag den Ball mit dem linken Fuß gegen eine Mauer gespielt, bis ich mit links so gut spielen konnte wie mit rechts. Jetzt ist der linke Fuß Teil meines Spiels, es ist mir egal, ob ich links oder rechts angespielt werde.

"Ich bin nicht nur ein Flügelspieler"

bundesliga.de: Von Haus aus sind Sie Stürmer, in Hoffenheim spielen Sie aber meistens auf der linken Seite...

Elyounoussi: ...ja, ich bin gelernter Stürmer, aber eher zweite Spitze hinter einem größeren Zielspieler. Ich stehe nie still, ich bin immer in Bewegung. Es ist für die gegnerischen Abwehrspieler schwierig, die Übersicht zu behalten, wenn die Offensivspieler sich immer bewegen. In Hoffenheim spiele ich auch nie nur links, ich kann auch in die Mitte ziehen, ich bin nicht nur ein Flügelspieler. So ist es fast dasselbe, ob ich nun wie hier mit drei Offensivspielern hinter einer Spitze spiele, oder als zweiter Stürmer wie früher.

bundesliga.de: Es war bestimmt eine große Erleichterung, als Sie am Samstag Ihr erstes Bundesligator geschossen haben, oder?

Elyounoussi: Ich habe sehr lange auf dieses Tor gewartet. Letzte Saison war es schwierig, als ich nicht getroffen habe, obwohl der Trainer immer gesagt hat, ich soll geduldig bleiben und weiterarbeiten, es sei wichtig, was ich für die Mannschaft mache. Aber als Offensivspieler will man immer Tore schießen und Vorlagen geben.

bundesliga.de: Warum hat es so lange nicht geklappt mit dem Toreschießen?

Elyounoussi: Ich dachte am Anfang ein bisschen zu defensiv. Ich war neu, ich wusste nicht genau, was mich erwartet. Ich wollte erst ohne Risiko und sicher spielen. Als wir den Ball gewannen, stand ich zu tief, die Wege nach vorne waren zu weit. Das mache ich nun anders. Außerdem bin ich körperlich und mental fit für die neue Runde. Ich war ein bisschen müde, vor allem am Ende der Saison. Ich kam aus einer lange Vorbereitung und englischen Wochen aus Norwegen. Jetzt hatte ich guten Urlaub in Marokko, Griechenland und Norwegen. Ich bin jetzt fit und frisch in Kopf und Körper.

"Marcus Gisdol weiß immer, wer in Form ist"

bundesliga.de: Wie hat der Trainer Ihnen geholfen, in der Zeit, in der es nicht lief?

Elyounoussi: Er übte nie Druck aus, nach dem Motto, du musst jetzt aber ein Tor schießen. Markus Gisdol ist sehr clever darin, die ganze Mannschaft im Blick zu haben. Er weiß jeden Spieler immer genau einzuschätzen, ob dieser in Form ist oder nicht. Er sagte immer, ich mache einen guten Job für die Mannschaft, er wollte mir immer Selbstvertrauen geben. Ich war auch ein bisschen traurig, weil die Kollegen so viel getroffen haben und ich nicht. Aber der Trainer hat immer gesagt, spiele so weiter, wie du spielst. Ich möchte in dieser Saison das Vertrauen zurückzahlen, das der Trainer in mich gesetzt hat.

bundesliga.de: Wie groß war die Umstellung von der norwegischen Liga zur Bundesliga?

Elyounoussi: Klar, das ist nicht einfach, die Bundesliga ist eine große Sache. Das ist eine viel härtere Liga, es gibt keine leichten Spiele. Man muss in jedem Spiel an die Grenze gehen, anders als in Norwegen, wo der Erste gegen den Letzten auch mal leicht gewinnt. Ich durfte zum Glück Erfahrung sammeln mit der Nationalmannschaft, das hat mir ein bisschen geholfen.

bundesliga.de: Stichwort Norwegen: Als Elfjähriger kamen Sie von Marokko nach Norwegen, wie war das?

Elyounoussi: Mein Vater hatte seit den späten 60er-Jahren einen Job in Norwegen. Wir haben ihn nur zwei oder drei Mal im Jahr gesehen. Irgendwann war mein Vater müde vom Alleinesein und meine Mutter, meine drei Schwestern meine beiden Brüder und ich zogen dann nach Norwegen. Da begann ich, zum ersten Mal Fußball in einem Verein zu spielen.

"In Marokko spielte ich nur auf der Straße"

bundesliga.de: In Marokko haben Sie als Kind nicht im Verein gekickt?

Elyounoussi: Nein, wir spielten nur auf der Straße. In Norwegen war Fußball dann der Schlüssel für meine Integration.

bundesliga.de: Inwiefern?

Elyounoussi: Ich konnte ja nur Arabisch und Französisch, nun musste ich plötzlich Norwegisch und Englisch lernen. Das war hart am Anfang, als ich zum ersten Mal Norwegisch gehört habe, dachte ich, das lernst du nie. Ich habe ja alles vermisst aus Marokko, die Freunde, alles. Im Fußball aber war alles einfacher, auch weil meine Mitspieler schnell gemerkt haben, dass ich nicht so schlecht bin. Jeder wollte, dass ich in seiner Mannschaft spiele.

bundesliga.de: Sie hätten auch für Marokkos Nationalmannschaft spielen können. Warum spielen Sie für Norwegen?

Elyounoussi: Ich fühlte, dass Norwegen mir half, mich zu entwickeln, ich durchlief alle Jugendnationalmannschaften dort. Ich hatte nie eine Lieblingsmannschaft in Marokko. Als ich in Heereveen spielte, sprachen mich Leute vom marokkanischen Verband an. Aber damals hatte ich schon einige Freundschaftsspiele für Norwegen gemacht, ich kannte die Trainer und Spieler, in Marokko kannte ich niemanden im Fußball. Da war die Entscheidung einfach für Norwegen, dem Land, dem ich so viel verdanke.

"Ich war 19 und plötzlich alleine"

bundesliga.de: Helfen Ihnen Ihre Erfahrungen bei Ihrer ersten, missglückten Auslandsstation in Heerenveen nun in Hoffenheim?

Elyounoussi: Ja, absolut. Man lernt sehr viel, wenn man alleine in ein fremdes Land kommt. Ich war 19 und plötzlich alleine in einer anderen Stadt, weit weg von meiner Familie. Plötzlich beginnt man nachzudenken, wenn man abends alleine im Appartement sitzt. Es hat sportlich nicht funktioniert in Holland, aber ich habe neben dem Platz sehr viel gelernt. Es war also eine schlechte und eine gute Erfahrung gleichzeitig.

bundesliga.de: Was sind Ihre Ziele in der neuen Saison, persönlich und mit der Mannschaft?

Elyounoussi: Wir hatten im letzten Jahr eine schöne Saison, wir konnten viele Mannschaften überraschen. Ich liebe unser Spiel sehr, es geht immer nach vorne, es ist immer offensiv ausgelegt. Wenn wir es schaffen, nicht so viele Gegentore zu bekommen und wir trotzdem vorne weiter viele Chancen kreieren, dann wäre das eine wichtige Weiterentwicklung. Wir haben aber auf jeden Fall eine sehr gute Mannschaft.

"Wir haben eine lustige Gruppe"

bundesliga.de: Es herrscht durch die Zugänge großer Konkurrenzkampf, auch auf Ihrer Position.

Elyounoussi: Ja, das stimmt. Man muss immer seine beste Leistung bringen, die Spannung ist groß, in jedem Training in jedem Spiel. Die Qualität im Training ist noch einmal gestiegen. Das ist gut. Aber wir haben auch eine sehr lustige Gruppe, ich bin froh, hier zu sein.

bundesliga.de: TSG-Manager Alexander Rosen hat als Aktiver auch in Norwegen gespielt. War er mitausschlaggebend, dass Sie nach Hoffenheim gekommen sind?

Elyounoussi: Ich kannte ihn nicht. Als wir uns zum ersten Mal trafen, sprach er norwegisch, das hat mich sehr überrascht. Dabei hätten wir uns schon früher über den Weg laufen können. Als ich Nachwuchsspieler in Fredrikstad war, hat Alexander ein Probetraining bei unserem Verein gemacht, eine Verpflichtung kam aber nicht zustande, er ging dann zu Follo. Ich konnte mich aber nicht mehr an ihn erinnern, als der Wechsel nach Hoffenheim besprochen wurde.

Interview Tobias Schächter