Gelsenkirchen - Offensiv, engagiert, erfolgreich – und gespickt mit Youngstern, die richtig gut kicken können: Vor dem Start in die Europa League hat der FC Schalke 04 mit dem Sieg über Mainz nicht nur Selbstvertrauen getankt. Die Partie war auch der Beweis, dass es an königsblauem Talent auch nach dem Abgang von Julian Draxler nicht mangelt – ganz im Gegenteil.

Die 86. Minute im Spiel gegen Mainz hätte zum Synonym für das Schalker Potenzial werden können, das in den jungen Spielern schlummert: Der 19-jährige Leroy Sane trieb einen schnellen Konter über die rechte Seite, setze sich prima durch, passte den Ball nach innen. Max Meyer, ebenfalls 19 Jahre jung, hatte sich in der Mitte freigelaufen, verzog in dieser Szene aber und hämmerte den Ball über das Tor.

Mittelfeld nur 20 Jahre im Schnitt

Und doch war es kein Zufall, dass diese beiden Protagonisten die Vorentscheidung auf dem Fuß hatten. Meyer und Sane bildeten zusammen mit Leon Goretzka (20) und Johannes Geis (22) in der zweiten Halbzeit die Mittelfeldreihe der Schalker. Mit einem Durchschnitt von 20 Jahren war keine Mittelfeld an diesem Spieltag jünger. Und zugleich der Beweis, dass es auch ohne Julian Draxler einige Talente gibt, die Schalke Mut machen für die Zukunft.

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Gerade Meyer hat nach Draxlers Abgang die Chance, sich auf dessen Position im linken Mittelfeld wieder mehr ins Rampenlicht zu spielen. Sagen wollte er nach der Partie zwar nichts, aber zuvor hatte er auf dem Platz Taten sprechen lassen. Vor allem in der ersten halben Stunde sprühte der 19-Jährige vor Spiellust, initiierte einige Angriffe, war von den Mainzern kaum zu bändigen und traf nach einem starken Dribbling fast selbst.

Meyer-Sprechchöre in der Nachspielzeit

Einem jungen Spieler wie ihm, der seit 2009 das königsblaue Trikot trägt, verzeihen die Fans dann auch Fehlschüsse wie in der 86. Minute. Als ihn Trainer André Breitenreiter in der Nachspielzeit vom Platz holte, gab es demonstrativen Beifall von den Rängen und lautstarke „Max Meyer“-Sprechchöre. Das Publikum weiß um das Potenzial des begnadeten Technikers und schätzt zugleich seine zurückhaltende, irgendwie bodenständige Art – was man so ähnlich auch über Leon Goretzka sagen könnte, mit dem Meyer eine Freundschaft verbindet. „Wir beide endlich mal wieder zusammen in der Startelf, das hat uns gefreut. Und das hat man dann auch auf dem Platz gesehen“, grinste Goretzka nach dem Spiel.

Der ehemalige Bochumer nutzte seinen Einsatz in der ersten Elf nach zwei Spielen auf der Bank und lieferte gegen Mainz auf der Sechser-Position eine kämpferisch erstklassige Leistung ab. „Ich war hochmotiviert und wollte, dass man das auch sieht“, erklärte der 20-Jährige hinterher. Als er auch noch nach 78 Minuten die Mainzer Spieler bei der Jagd nach dem Ball quer über den Platz hetzte, gab es Szenenapplaus. Leidenschaftliches Spiel wird auf Schalke immer honoriert – besonders bei den Youngstern.

Goretzka meldet Ansprüche an

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Zweikampf- und Laufstärke vereint der Kapitän der deutschen U21 mit Spielwitz, Übersicht und einem guten Abschluss. Goretzka fühlt sich nach verletzungsfreier Vorbereitung topfit. Und er meldet jetzt durchaus Ansprüche an, wenn auch auf seine Art: "Natürlich möchte ich gern regelmäßig von Anfang an spielen. Aber wir wissen auch alle, dass wir viele englische Wochen vor uns haben und da jeden Spieler benötigen."

Da trifft es sich gut für den FC Schalke 04, dass man neben Sane mit dem ausgeliehenen Pierre-Emil Höjbjerg noch einen weiteren Spieler aus der Reihe jung und hochveranlagt in der Hinterhand hat. Der 20-jährige Däne brennt auf seinen ersten Einsatz im blauen Trikot und könnte schon am Donnerstag in der Europa League in Nikosia seine Chance bekommen. 

Breitenreiter nimmt den Talenten den Druck

André Breitenreiter darf sich jedenfalls über eine ganze Reihe an Talenten freuen, die auch für das neue Schalke stehen. Umso mehr versuchte der Coach schon in den letzten Tagen, im Zuge des Draxlers-Wechsels den Druck von diesen Spielern zu nehmen und vor zu hohen Erwartungen zu warnen: "Geben wir den großen Talenten die Chance, sich zu entwickeln. Das kann auch erfolgreich sein und vor allem Spaß machen."

Worte, die Schalkes Youngster zu schätzen wissen. Leon Goretzka lässt aber auch keinen Zweifel, dass er seine Kollegen und sich für die königsblaue Zukunft gewappnet sieht: "Eine schützende Hand ist schön, aber letztlich sind wir auch in der Eigenverantwortung gefordert, damit zurecht zu kommen. Wir sind zwar noch jung, aber wir haben auch schon vieles miterlebt. Gerade hier auf Schalke ist immer was los. Damit werden wir schon fertig."

Aus Gelsenkirchen berichtet Dietmar Nolte