Santo Andre - Neue Taktik, neues System, neues Personal: Joachim Löw hat beim spektakulären 4:0-WM-Auftaktsieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Portugal alles richtig gemacht. Dem Bundestrainer gehen zwar die Diskussionen über Dreier- und Viererkette oder falsche und richtige Neun gewaltig auf den Wecker. Über die Lobeshymnen von Brasiliens Legende Pele, Argentiniens früherem Superstar Diego Maradona und seines Ex-Kapitäns Michael Ballack dürfte sich der 54-Jährige dennoch sehr gefreut haben.

"Löw macht einen tollen Job, er ist ein großer Taktiker", sagte Pele über den Bundestrainer, und Maradona schwärmte nach dem Traumstart der DFB-Auswahl: "Heute haben wir ein vernichtendes Deutschland gesehen, ein Deutschland, das die Perfektion streifte." Am Samstag in Fortaleza gegen Ghana (ab 20:45 Uhr im Live-Ticker) steht der nächste Härtetest an.

Löw erntet viel Lob

Capitano Ballack lobte seinen Ex-Coach: "Man hat die Handschrift von Joachim Löw gesehen. Er hat seine Taktik umgestellt. Er lässt nicht mehr wie vor zwei Jahren diesen Hurra-Stil spielen", sagte der 37-Jährige. Die deutsche Mannschaft habe "taktisch perfekt" gespielt, "souverän und klug", urteilte Ballack im "Express". Dies habe auch damit zu tun, dass der Bundestrainer erkannt habe, dass man sich bei der Hitze in Brasilien "von der Idee des rein attraktiven Spiels verabschieden muss, um erfolgreich zu sein".

Was genau hat denn der Bundestrainer alles anders gemacht zum WM-Start? Löw vertraut in der Defensive einer Viererkette mit vier gelernten Innenverteidigern, die in Spiel eins Weltfußballer Cristiano Ronaldo und Co. schon mal den Zahn zog und selbst offensiv hin und wieder zur Belebung beitrug.

Lahm als Bindeglied

Im defensiven Mittelfeld ist davor der ehemalige Außenverteidiger Philipp Lahm das Bindeglied zwischen Abwehr und Angriff. Eine Linie weiter sollen als Doppel-Sechs, oder besser Doppel-Acht Sami Khedira und Toni Kroos, der als Allzweckwaffe zugleich auch für die Spieleröffnung und Tempoverschärfung zuständig ist, frühzeitig den Spielaufbau des Gegners stören.

Offensiv spielen davor Mario Götze und Mesut Özil sowie Thomas Müller als "wilde 13" statt als falsche 9. Auf dem Papier ist das ein 4-1-2-3-System, was Löw und auch seinem Co-Trainer Hansi Flick aber ziemlich egal ist - zumal zwischenzeitlich auch auf eine 4-1-4-1-Variante umgeschaltet wird.

Flick: "Wir haben kein starres System"

"Unsere Taktik ist im ersten Spiel aufgegangen. Wir haben einen klaren Plan, der uns viele Möglichkeiten bietet", erläuterte Löw-Assistent Hansi Flick. Der künftige DFB-Sportdirektor weist aber darauf hin, dass es immer noch was zu verbessern gäbe, wie zum Beispiel die Zuordnung.

Wichtig sei die Flexibilität, um gegen jeden Gegner das richtige Mittel anwenden zu können. "Wir geben einen Matchplan vor, den die Mannschaft dann umsetzen muss", so Flick, der aber betont: "Wir haben kein starres System und auch keine erste Elf." Darauf hoffen vor allem auch Miroslav Klose, Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski oder Andre Schürrle, die system- und taktisch-bedingt zunächst mal nur Ergänzungsspieler sind.

Dafür haben Toni Kroos, Mario Götze, Mesut Özil und natürlich Müller ihren Platz wohl auch in der Startelf im zweiten Gruppenspiel am Samstag gegen Ghana sicher.

Bayern-Block als Schlüssel zum Erfolg

Dass in der ersten Elf gegen Portugal sechs Münchner standen, sprach zudem für sich. Für Toni Kroos ist dieser Block des Double-Siegers einer der Schlüssel zum Erfolg. Die ähnliche taktische Ausrichtung, wie sie auch Coach Pep Guardiola bei den Bayern bevorzugt, könne bei der WM den Unterschied ausmachen, so der Mittelfeldstratege.

"Ich denke, dass es bei der WM entscheidend ist, seine eigene Philosophie durchzusetzen", sagte Kroos und fügte an: "Und die kann eigentlich für uns nur sein, wie wir es zuletzt bei Bayern gezeigt haben und wie wir es auch bei der Nationalmannschaft können."