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Taktik-Analyse: Serhou Guirassy und Deniz Undav sind Stuttgarts Traumduo

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Der VfB Stuttgart hat ein neues Sturmduo: Zum ersten Mal standen Serhou Guirassy und Deniz Undav am 13. Spieltag gemeinsam in der Startformation. bundesliga.de analysiert die taktischen Anpassungen von Sebastian Hoeneß an den Doppelsturm.

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Serhou Guirassy steht mit 17 Toren auf dem zweiten Platz in der Torschützenliste. Deniz Undav, der bis zum 9. Spieltag kein einziges Mal in der Startelf stand und die ersten drei Spiele verletzt sogar ganz verpasste, steht mit neun Toren auf dem geteilten fünften Platz. Damit hat der VfB Stuttgart als einziger Club gleich zwei Torjäger unter den besten fünf Schützen der bisherigen Saison. Dass das schwäbische Sturmduo mittelfristig gemeinsam auf dem Platz stehen wird, war allen klar - und wurde nur durch Guirassys Verletzung herausgezögert.

Am 13. Spieltag, beim 2:0-Sieg gegen den SV Werder Bremen, war es dann soweit: Guirassy und Undav starteten gemeinsam. Dafür stellte Trainer Sebastian Hoeneß seine Mannschaft etwas um. Zwischen Guirassy und Undav klappte schon vieles, doch trotz Toren beider Spieler blieb man offensiv lange zu harmlos. Das Experiment ist dadurch nicht gescheitert, sondern war ein wichtiger Schritt in Richtung des gemeinsamen Erfolgs. Mit diesen taktischen Anpassungen will Hoeneß das Duo in Fahrt bringen.

VfB Stuttgarts Formation im Ballbesitz - DFL Deutsche Fußball Liga

Stuttgarter Spielaufbau im 2-4-4

Zuletzt agierte Stuttgart zwei Mal mit einer Dreierkette. Um den Doppelsturm besser aus der Defensive zu unterstützen, stellte Sebastian Hoeneß wieder auf vier klare Verteidiger um. Dabei rückte Maximilian Mittelstädt von der linken Flügelposition etwas zurück und Pascal Stenzel kam statt des ohnehin verletzten Hiroki Ito als Rechtsverteidiger neu ins Abwehrgefüge. Hoeneß machte sich zunutze, dass Stenzel in der Jugend mal ein gelernter zentraler Mittelfeldspieler war und auch Mittelstädt dort schon einiges an Erfahrung mitbringt - im eigenen Ballbesitz schoben beide Spieler nämlich invers ins Zentrum.

Vor allem rechtsseitig war das mit Stenzel schon zu Saisonbeginn zu sehen, ehe dieser sich verletzt hatte. Links spielte zu der Zeit Ito, der selten zentrumsorientiert agierte. Entweder schob der gelernte Innenverteidiger in einen Dreieraufbau zurück oder spielte am linken Flügel offensiv. 

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Diese Umstellung hatte einen einfachen Grund: Für den zweiten Stürmer Undav verließ nicht etwa Zehner Enzo Millot den Platz, sondern der defensive Spielmacher Angelo Stiller. Millot rückte eine Reihe zurück. Durch seine einrückenden Außenverteidiger erreichte Hoeneß, dass neben Sechser Atakan Karazor eine stabile Absicherung herrschte und Millot immer wieder mit in die Angriffslinie stoßen konnte. Undav agierte zwar häufig zwischen den Ketten, doch wenn er als zweite Spitze in die Tiefe lief, konnte Millot somit den unbesetzten Raum auffüllen. 

Das Sturmduo verhielt sich im Detail, wie man es von einer klassischen Sturmpartnerschaft kennt: Mit Guirassy gab es den klaren Sturmtank, der meist die Abwehrspieler gebunden hat und nur situativ für ein langes Anspiel entgegenkam. Er spielte leicht links versetzt. Dagegen ließ sich Undav sehr regelmäßig in die Zwischenräume fallen, kombinierte dort nach vorne - und sorgte vor allem dann für Tiefenläufe, wenn Guirassy sich fallen ließ. Dabei agierte er eher auf der rechten Seite.

Der VfB Stuttgart baut im 2-4-4 auf - DFL Deutsche Fußball Liga

Starkes Gegenpressing macht den Unterschied

Ein großer Vorteil dieser Formation ist, dass mit vier engen Mittelfeldspielern nach einem Ballverlust in der Offensive schnell Druck gemacht werden kann. Nach den Balleroberungen ging es dann schnell in die Offensive. So zu sehen etwa in der 11. Minute: Dan-Axel Zagadou schlug einen langen Ball in Richtung von Chris Führich, den die Werder-Abwehr rausköpfte. Doch Mittelstädt setzte gut nach und holte sich nach einem technischen Fehler der Bremer den Ball im Mittelfeld und legte ihn auf Führich ab. Der lange Ball kam nicht an - durch das starke Gegenpressing erreichte er aber trotzdem sein Ziel.

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Auch, dass Führich schließlich den Ball verlor, war kein Problem. Denn das Mittelfeld stand sofort eng, ließ Bremen keinen Ausweg und Mittelstädt konnte den Ball schließlich zu Undav spitzeln. Dann startete ein magischer Moment: Erst dribbelte Undav zwei Spieler aus, legte dann zu Guirassy und bekam den Ball zurück. Guirassy setzte sich in den Rücken der Abwehr ab und bekam wieder den Ball. Etwas instabil spielte er sofort wieder den Doppelpass mit Undav, der mittlerweile nach rechts die Abwehr umkurvt hatte. Dann versuchte es Undav nochmal mit dem Steckpass auf Guirassy - und scheiterte. Der Abpraller von den Beinen des Bremer Verteidigers wäre sogar fast trotzdem vor Guirassys Füßen gelandet, der reagierte aber nicht schnell genug.

Dabei zeigte sich ein kleines Problem des neuen Sturmduos: Sie spielten noch zu viel klein-klein - oder wie Undav selbst sagte: "Wir hätten ein bisschen mehr schießen müssen, anstatt immer zu zocken mit Doppelpass, Doppelpass." Doch die Ansätze sind schon zu sehen und beide spielten schließlich zum ersten Mal zusammen. "Das kommt mit der Zeit!", versprach der Torjäger.

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Kapitän Anton mit besonderer Rolle

Doch auch abseits des starken Sturmduos half die veränderte Taktik, alte Stärken des Saisonbeginns wieder etwas mehr zu beleben. In einer wichtigen Rolle dabei: Kapitän Waldemar Anton. Man könnte meinen, dass der Innenverteidiger bei einer Spielstruktur, die im Ballbesitz ein 2-4-4 formt, vor allem die Aufgabe hat, hinten zu bleiben. Doch der VfB-Kapitän kann das Spiel gut lesen und spritzt gerne hinten raus, um Bälle abzufangen oder gegnerische Angreifer zu stellen.

Auch dabei helfen die eingerückten Außenverteidiger. Denn Stenzel war rechtsseitig selten weit aufgerückt - in der Regel positionierte er sich im rechten Halbraum auf Höhe des Sechsers. Wenn Anton dann eine Möglichkeit fand, um sich einen Ball zu erobern, fiel Stenzel in die Abwehrkette zurück und füllte für seinen Kapitän auf. Dadurch war selbst in Situationen, in denen Stuttgart aggressiv nach vorne verteidigte, immer genug Absicherung vorhanden.

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Beispiele lieferte Anton im gesamten Spiel immer wieder. Bereits in der 5. Minute kam es so zur ersten Balleroberung: Bremen hatte rechts hinten den Ball und verlagerte über den Sechser zum linken Achter Leonardo Bittencourt. Bereits früh ist aus der TV-Kamera zu sehen: Anton lauert auf den Pass. Die Kommunikation funktioniert. Stenzel lässt sich außen weit fallen und sichert ab. Anton rückt raus, gewinnt den Zweikampf und sprintet rechts aufs Bremer Tor zu. Hier war seine Verlagerung noch sehr unsauber und landete links im Aus.

Eine andere Szene blieb eher im Gedächtnis: Nach einem parierten Abschluss von Guirassy wollte Bremen über die eigene linke Seite aufbauen. Felix Agu spielte den Ball von der linken Seitenlinie in Richtung von Bittencourt - und sofort war Anton da, preschte - diesmal abgesichert vom links zurückfallenden Mittelstädt - nach vorne, schnappte sich den Ball und schoss aus 17 Metern drauf. SVW-Keeper Michael Zetterer parierte zwar, doch Undav setzte clever nach und versenkte den Abpraller zur Führung. Das neue 2-4-4 des VfB macht also nicht nur den Doppelsturm möglich, es macht das gesamte Team besser.

Niklas Staiger