Köln - Am kommenden Wochenende erleben die Fußballfans ein Abstiegsfinale, das es so in der Bundesliga noch nie gegeben hat. Bis jetzt ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, es kommt also zum Showdown am 34. Spieltag! 

Sechs Teams können theoretisch noch absteigen: Hertha BSC, der SC Freiburg, Hannover 96, der VfB Stuttgart, der Hamburger SV und der SC Paderborn kämpfen noch um den Verbleib in der Bundesliga.

Heidel: "Das wünsche ich keinem"

"So eine Konstellation habe ich noch nicht erlebt, wenn man auf die Tabelle guckt, ist das schon ein Wahnsinn." Diese Worte des Mainzer Managers Christian Heidel beschreiben vielleicht am besten, was auf Fußballdeutschland am nächsten Wochenende zukommt. Der 1. FSV Mainz 05 spielt am kommenden Samstag beim FC Bayern München und wahrscheinlich sind die Mainzer noch nie so entspannt zum Rekordmeister gefahren wie zum Abschluss dieser Saison. Mainz ist Tabellenzehnter und hat mit 40 Punkten nichts mehr mit dem Abstieg zu tun.

Den letzten Spieltag bei den Bayern unter dem Druck des Abstiegskampfes bestreiten zu müssen, war das ultimative Apltraumszenario beim FSV. Davon haben sie sich schon lange befreit, aber Christian Heidel weiß, wie das ist, ganz unten drin zu stehen und am letzten Spieltag mit den eigenen Jungs mitzuzittern und auch noch auf die Ergebnisse der Konkurrenz angewiesen zu sein. Heidel sagt: "Ich bin froh, dass wir nicht in der Verlosung sind, ich wünsche das keinem."

Spannung pur - Alles ist noch möglich!

Den derzeit Tabellenletzten SC Paderborn (31 Punkte) trennen vom Dreizehnten Hertha BSC nur vier Zähler. Und von den letzten fünf Mannschaften treffen vier direkt aufeinander: Der Tabellenletzte, der SC Paderborn spielt gegen den 16. aus Stuttgart (33 Punkte), der 15., Hannover 96, empfängt den 14. aus Freiburg, beide haben 34 Zähler. Und der 17., der Hamburger SV (32 Punkte), der eben das Abstiegsduell in Stuttgart verloren hat, empfängt den FC Schalke 04, während die Hertha in Hoffenheim punkten muss, um ganz sicher auch im nächsten Jahr erstklassig zu sein. Es sind viele Ergebniskonstellationen möglich (der Überblick) und das Bittere für die Beteiligten ist: Am kommenden Samstag wird es womöglich Sieger geben, die am Ende trotzdem die ganz große Niederlage betrauern müssen: den Abstieg.

Was am vergangenen Samstag geschehen ist, hat die Lage noch einmal zugespitzt und die Entscheidung um eine Woche verzögert. Hannover hat nach 16 Spielen ohne Sieg mit 2:1 in Augsburg gewonnen, der Trend in Niedersachsen ist plötzlich umgedreht. Nach dem wichtigen Sieg war erstmal "die große Erleichterung" zu spüren, wie 96-Torwart Ron-Robert Zieler die Gefühlslage an der Leine nach dem Abpfiff  beschreibt. Zieler sagt: "Das war ein schöner, dreckiger Sieg." In Hannover lebt nun plötzlich wieder die Hoffnung, die schon verloren geglaubt war. Martin Kind bringt den Zwiespalt, in dem alle Abstiegskandidaten stecken, auf den Punkt, er sagt: "Ich weiß nur, es war eine Scheiß-Saison! So eine Saison kostet richtig Kraft, das muss ich ganz deutlich sagen. Aber ich bin glücklich, dass wir eine gute Chance haben, den Klassenerhalt aus eigener Kraft zu erreichen."

Freiburg und Hannover im direkten Duell

Wer am letzten Spieltag noch nicht weiß, ob er in der Bundesliga spielt, hat vieles falsch gemacht während einer Saison. Aber am Ende zählen nur noch die Punkte, egal was vorher war. Was Kind nun fordert ("Euphorie ist der falsche Ratgeber, Realismus und Vernunft sind gefordert"), ist nur ganz schwer zu erreichen. Aber vielleicht hilft den Niedersachsen erneut die Abgeschiedenheit des Trainingslagers in der Klosterpforte im ostwestfälischen Harsewinkel-Marienfeld. Von Mittwoch bis Freitag schwört 96-Cheftrainer Michael Frontzeck den Tabellen-15. unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf das Duell mit dem SC Freiburg ein. "Mit dem Sieg in Augsburg haben wir es am 34. Spieltag in der eigenen Hand, den Klassenerhalt zu sichern", sagt Frontzeck: "Deshalb wollen wir uns so vorbereiten, dass wir am Samstag zu Hause mit unseren Fans gemeinsam den letzten Schritt machen."

Noch schwerer, die Euphorie nicht zu groß werden zu lassen vor dem "Showdown" (Frontzeck), fällt vielleicht Hannovers Gegner Freiburg. Da gewinnen die Südbadener durch ein Tor von Nils Petersen in der allerletzten Minute gegen den großen FC Bayern noch 2:1- und dennoch bleibt die Angst vor dem Abstieg in den Gliedern. Freiburgs Trainer Christian Streich sagte direkt nach dem Triumph gegen den alten und neuen Deutschen Meister: "Die Mannschaft hat eine großartige Mentalität. Wir hatten heute sehr viel Glück. Aber sonst hatten wir immer sehr viel Pech." Freiburg hat in dieser Saison viele Spiele in den letzten Minuten noch verloren. Nun gewannen sie in den Schlusssekunden gegen Bayern. Im Abstiegskampf gibt es keine Gewissheiten.

HSV hofft auf Schützenhilfe - Stuttgart hat es in eigener Hand

Das musste der Hamburger SV ganz bitter in Stuttgart erleben. Die Mannschaft schien mit dem neuen Trainer Bruno Labbadia im Aufwind, und ist nach dieser Niederlage an Labbadias alter Wirkungsstätte plötzlich der große Verlierer des Spieltages. "Wir haben es nicht mehr in der eigenen Hand und müssen jetzt alles reinwerfen, dass es am Ende doch noch klappt. Wenn du ganz unten bist und dich selbst zerfleischst, hast du gar nichts gewonnen", sagt HSV-Torwart Rene Adler. Der HSV erlebte in Stuttgart einen Leistungs-Rückfall, der jetzt, vor dem großen Finale, besonders wehtut. In Hamburg müssen sie es schaffen, sich nicht durch die Umstände verrückt machen zu lassen und zu punkten. Bruno Labbadia sagt: "Uns ist egal, wie wir zum Klassenerhalt kommen. Wir müssen die Stärken optimal in Punkte ummünzen." Dabei, erklärt Verteidiger Johan Djorou, sei die Situation klar: "Wir sind 17. und müssen das letzte Spiel gewinnen, das ist die einzige Chance." Der Abstiegskampf ist eine gleichzeitig seltsam einfache und schwere Welt. Um sich auf das letzte Spiel optimal vorzubereiten, bezieht der HSV noch ein Kurztrainingslager. Im "Uwe Seeler Fußball Park" im schleswig-holsteinischen Malente wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit von Mittwoch bis Freitag trainiert.

Den ersten Schritt vor dem zweiten erfolgreich gegangen ist der VfB Stuttgart. Der Erfolg gegen den HSV stärkt den Glauben, in Paderborn den dritten Sieg in Serie einzufahren. Vor drei Wochen hätte diesen Aufwärtstrend den Stuttgartern kaum noch jemand zugetraut. VfB-Kapitän Christian Genter sagt: "Wir sind in einer Position, in der wir im Finale alles selbst in der Hand haben. Eine Position, die uns so nicht viele zugetraut haben." Am Neckar hatten sie die letzten drei Spiele wie bei einem Turnier eingeteilt. Stürmer Daniel Ginczek erklärte nach den Siegen gegen Mainz und Hamburg: "Jetzt sind das Viertel- und das Halbfinale geschafft, nun wollen wir auch das Finale meistern." Im Verlauf der Rückrunde hat Trainer Huub Stevens seine Defensivtaktik aufgegeben, mit der offensiver ausgerichteten Taktik, spielt die Mannschaft nun erfolgreich und Sportvorstand Robin Dutt hat festgestellt:  "Wir spielen offensiv momentan nicht gerade wie ein Absteiger." Gelingt es dem VfB, die individuellen Fehler auch in der Abwehr noch einmal auszuschließen, dann könnte es in Paderborn mit dem Klassenerhalt klappen. Aber das wollen die Ostwestfalen verhindern.

Paderborn hofft auf die Restchance - Hertha BSC reicht ein Punkt

Der SC Paderborn kann mit einem Sieg gegen die Schwaben noch Relegationsrang 16 erreichen. Dass der Aufsteiger bis zum letzten Spieltag noch die Chance auf den Klassenerhalt besitzen, hat ihm vor der Saison niemand zugetraut. Aber das ist auch kein Trost, wenn die Ausgangslage so unkomfortabel ist vor dem Finale, wie sie nun für den SC ist. In Schalke hätte die Mannschaft von Trainer Andre Breitenreiter gewinnen können - und hat es nicht geschafft. Die Enttäuschung ist groß, Breitenreiter sagt: "Wir hatten es in der Hand und hätten hier gewinnen müssen. Besser als heute kann man kaum spielen. Wir werden uns aufraffen, um die Relegation zu erreichen. Wir werden alles tun, aber es liegt nicht mehr allein in unseren Händen." Diese Ohnmacht, die alle Abstiegskandidaten kennen, kann lähmen.

Die Hertha, die am Samstag in Hoffenheim noch punkten muss, um ganz sicher zu gehen, haderte über den vergebenen Matchball gegen Eintracht Frankfurt. Stürmer Salomon Kalou vergab leichtfertig eine Riesenchance zum Siegtreffer. Trainer Pal Dardai brachte das in Rage, er klagte: "Dann kriegst du eine Einladung vom Gegner und machst so einen hochnäsigen Heber. Das geht nicht. Da muss man den Willen sehen und klare Dinge machen. Jetzt haben wir eine Situation, die wir nicht wollten. Wir müssen nächste Woche den Matchball verwandeln." Davon träumen alle Konkurrenten im Keller der Liga. Es wird eine lange, aufgeregte Woche für alle Beteiligten. Die Lage spitzt sich zu wie bei einem Elfmeterschießen vor dem entscheidenden Schuss. Und dann ist am Samstag gegen 17:15 Uhr alles vorbei. 

Wie es ausgehen wird, weiß niemand. Aber Christian Heidel, der Manager von Mainz 05, der so glücklich ist, dass sein Verein nicht auch das große Drama am kommenden Samstag durchleben muss, weiß, wie strapaziert die Nerven und Gefühlswelten der Trainer, Spieler, Verantwortlichen und Fans der Abstiegskandidaten derzeit sind. Er sagt jüngst im Interview mit bundesliga.de: "Das Komische ist ja: Wenn man den Abstiegskampf erfolgreich bestreitet, liegen sich alle in den Armen und sagen: Wie geil war das denn. Aber wenn man mittendrinsteckt, ist alles einfach nur Sch…- nein, das Wort nehme ich jetzt nicht in den Mund."

Von Tobias Schächter

Überblick: So können sich die Abstiegskandidaten noch retten