München - In Brasilien wird Fußball nicht gespielt, sondern zelebriert. Die Aktivität mit dem Ball ist im Land der Samba-Tänzer nicht bloß Sport, sie verkörpert ein Lebensgefühl. In keinem anderen Land der Welt schwingt der Ästhetik-Anspruch beim Fußball so heftig mit wie am Zuckerhut, wo nicht nur gute Ergebnisse die Gelüste der Zuschauer befriedigen müssen, sondern spielerischer Glanz. 

Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari weiß mit der brasilianischen Fußball-Romantik herzlich wenig anzufangen. Der 65-Jährige wird mit seiner Mannschaft wohl keinen offensiven Hurra-Fußball anbieten. Einst selbst ein beinharter Verteidiger, steht Scolaris Fußball für Effizienz im Angriff und kompromissloses Verteidigen.

Fußball als Kunst? "Utopie!" 

"Die Idee, dass Brasilien Fußball als Kunst betreibt, ist etwas Poetisches, etwas Utopisches aus den fünfziger Jahren. Das gibt es nicht mehr, das geht nicht mehr", sagte Scolari 2002, im Jahr des letzten WM-Titels der Brasilianer. Damals besiegte die Selecao Deutschland im Finale von Yokohama ohne den ganz großen Glanz mit 2:0. Scolari hatte auf effizienten Fußball statt Glanz und Glorie gesetzt und von seiner Mannschaft tatsächlich "mehr Fouls" gefordert. 

Dass er von dieser Haltung bis heute nicht abweicht, zeigte sich auch 2013 während des Confed-Cups: Beim 3:0-Finalsieg gegen Spanien spielte Brasilien 27 Mal Foul. Meist waren es zwar nur taktische, vergleichsweise harmlose Fouls, die aber dazu dienten, den Spielfluss der Iberer immer wieder zu unterbrechen. Und der Sportsender "ESPN" wollte darin - wohl auch zu Recht - eine "gezielte taktische Maßnahme" Scolaris erkannt haben. 

Mit Fouls den Spielaufbau stören 

"Zu gutem Fußball gehört dazu, dass ein Spieler in bestimmten Situationen foulen muss. Schubsen, Trikotziehen, Schultereinsatz - kleinere Fouls, die den Gegner im Spielaufbau stören und Angriffe unterbinden", macht Scolari keinen Hehl aus seiner Spielphilosophie.

Bei eigenem Ballverlust starten die Brasilianer Gegenpressing auf ihre eigene Art. Die drei Angreifer bilden die erste Abteilung Attacke, die den Konter des Gegners verlangsamen oder im Keim ersticken soll - zur Not eben auch mit unerlaubten Mitteln. Genau deshalb foulte ausgerechnet der grazile Super-Techniker Neymar beim Konföderationen-Pokal vor einem Jahr von allen Akteuren am häufigsten, gefolgt von seinem Offensivkollegen Oscar. 

Wieder kein Samba-Fußball?

Und so werden Fußball-Romantiker auch 2014 voraussichtlich vergeblich auf die Rückkehr des brasilianischen Samba-Fußballs klassischer Prägung hoffen.

Ob es für die Selecao mit dem zeitgemäßen Stil Scolaris erneut zum Titel reichen kann, wird nicht zuletzt davon abhängen, wie gut der Elf um die Bundesliga-Stars Dante und Luiz Gustavo der bei einer WM im eigenen Land unvermeidliche Spagat zwischen rationalem Effizienz-Fußball auf der einen und der von den Fans noch immer heftig geforderten Fußball-Kunst auf der anderen Seite gelingt.

Andreas Kötter und David Schmidt