Gelsenkirchen - Der Übergang zwischen Krise und Euphorie ist auf Schalke traditionell fließend. Vor wenigen Tagen noch im ungemütlichen "Reizklima", herrscht nach dem ruckzuck wieder eitel Sonnenschein. In den nächsten drei Spielen wird sich zeigen, wie weit es um die neue Glückseligkeit der Knappen bestellt ist.

Auch wenn er sich nach seinem überzeugenden Auftritt eher bescheiden äußerte, eine gewisse Genugtuung war Jermaine Jones schon anzumerken. Zuletzt hart kritisiert und sogar suspendiert, lieferte der US-Nationalspieler eine Partie ganz nach dem Geschmack der Schalker Fans ab. Seine starke kämpferische Leistung, gekrönt durch einen feinen Weitschuss-Treffer brachte ihm darüber hinaus ein Sonderlob seines Trainers ein. "Er hat ein Riesenspiel gemacht", nachdem er vom Verein und von außen zuletzt sehr viel auf die Ohren bekommen habe, meinte Jens Keller, der ebenfalls zur Abwechslung vorerst wieder in etwas ruhigeres Fahrwasser zurückgekehrt sein dürfte.

Jones verkörpert Kampfgeist, Cleverness und Siegermentalität



"Es ist immer schön so etwas zu hören, vor allem wenn man zuletzt oft abgeschrieben wurde", sagte Jones, der im Spiel gegen die Schwaben all die Attribute verkörperte, die Schalke zuletzt wieder vermissen ließ. Kampfgeist, Cleverness, Siegermentalität - so mögen sie ihren Mittelfeldabräumer auf Schalke. Jones ist quasi das Paradebeispiel für die Schalker Achterbahnfahrt seit Saisonbeginn, die den Klub inzwischen wieder bis auf Platz fünf nach oben geführt hat.

Auch eine Tugend, die Königsblau derzeit auszeichnet: immer wenn es knapp wird und die Stimmung im Umfeld zu kippen droht, liefert das Team die nötigen Ergebnisse ab. So soll es auch in den laut Julian Draxler "entscheidenden Wochen vor Weihnachten" weitergehen. "Wir müssen nun noch einige Spiele dieser Art zeigen", um in allen drei Wettbewerben erfolgreich zu bleiben.

"Wir brauchen den Druck"



"Es sind ja praktisch drei Endspiele, die auf uns zukommen", meinte Jones angesichts des straffen Programms, das in den nächsten zehn Tagen auf die Königsblauen wartet. Am Dienstag steht das Heimspiel im DFB-Pokal-Achtelfinale gegen 1899 Hoffenheim an, am Samstag gilt es, in Gladbach Anschluss an Platz 4 zu halten und nächste Woche geht es im letzten Gruppenspiel gegen den FC Basel um den Einzug in die K.o.-Phase der Champions League. "Wir brauchen offenbar den Druck", hatte Trainer Keller vor der Partie gegen Stuttgart bereits festgestellt. Davon gibt es ob der stets hohen Erwartungen wie immer reichlich.

Man kann es sich freilich auch leichter machen. Morgen bietet sich zunächst die Gelegenheit zur doppelten Wiedergutmachung. Letzte Saison kam das Pokal-Aus vor heimischer Kulisse gegen Mainz 05 (1:2) und am 7. Spieltag verspielte die Keller-Elf in Hoffenheim einen 3:1-Vorsprung. "Sie haben eine sehr offensivstarke Mannschaft. Das haben wir am eigenen Leib im Hinspiel in der Bundesliga erfahren. Darauf werden wir uns einstellen", so Draxler. Mit breiter Brust und Rückenwind wolle man in die Partie gehen, dennoch vorsichtig und konzentriert agieren, so Jones. "Wir wollen in die nächste Runde einziehen. Wenn jeder von uns seine Leistung bringt, werden sie es bei uns sehr schwer haben."

Dennoch gilt es vor allem die Hoffenheimer Offensivpower zu stoppen. Immer wenn die TSG spielt, geht es scheinbar nicht ohne Spektakel. In 14 Spielen dieser Saison fielen 66 Tore - Ligahöchstwert. Klarer Fall für Schalkes Abräumer wie Jones und Roman Neustädter.

"Spektakel gehen mir auf den Sack"



"Wenn die Sechser fighten, haben wir vorne mehr Freiraum", sagte Kevin-Prince Boateng, der nach Verletzungspause gemeinsam mit Draxler viel Spielwitz und Kreativität ins Schalker Spiel zurückbrachte. Die zuletzt angeschlagenen Offensiv-Stars wollen es auch gegen die Kraichgauer richten. "Das wird wieder ein witziges Spiel", prophezeit "KPB", während Hoffenheims Trainer Markus Gisdol ("Diese Tor-Spektakel gehen mir auf den Sack") gar nicht zum Lachen zumute ist.

Raus aus der Achterbahn, hin zu Konstanz und Stabilität. Der Einzug ins Viertelfinale wäre für Schalke 04 ein weiterer wichtiger Schritt, bevor es eine Woche später in der Champions League um alles geht. Halten die Knappen weiterhin dem Druck stand, "droht" zu Weihnachten tatsächlich Harmonie statt Reizklima.

Aus Gelsenkirchen berichtet Markus Hoffmann