Eigentlich ist Christian Ziege noch mittendrin in den letzten Wochen seiner Ausbildung zum Fußballehrer. Doch auch wenn der Ex-Nationalspieler für die Prüfungen im März lernen muss, beschäftigt er sich schon jetzt intensiv mit der Bundesliga.

Schließlich freut er sich darauf, das erworbene Wissen bald in die Praxis umzusetzen. "Ich bin sehr ungeduldig und würde gerne auf den Platz gehen und arbeiten", sagt Ziege.

Und um für potenzielle Arbeitgeber interessant zu sein, hilft es natürlich, auf dem Laufenden zu sein, was in der Liga vor sich geht. So absolviert der frühere Mittelfeldspieler des FC Bayern München beispielsweise ein Praktikum beim Rekordmeister, kennt sich aber auch im Rest der Liga bestens aus.

Im Interview mit bundesliga.de wagt Christian Ziege einen Ausblick auf die Rückrunde der 47. Bundesliga-Saison.

bundesliga.de: Herr Ziege, in der Bundesliga gibt es in diesem Winter nur 25 Tage Spielpause. Sie haben lange Zeit in England gespielt, wo es überhaupt keine Pause gibt. War es für sie ein Problem, lange Zeit am Stück durchzuspielen?

Christian Ziege: Ich kann mich an eine Saison erinnern, da haben wir in der Zeit als in Deutschland Pause war, 15 Spiele absolviert. Damit musste man erstmal zurechtkommen. Es war intensiv, aber das war im Winter nicht das Problem. Das kam dann erst im März oder April. Als ich in Italien gespielt habe, war die Pause in etwa so lang wie dieses Jahr in der Bundesliga. Da kommt es dann vor allem darauf an, in der freien Zeit den Kopf freizukriegen.

bundesliga.de: Blicken wir auf die am Freitag beginnende Rückrunde voraus: Was erwarten sie von der zweiten Halbserie. Wird es im Titelkampf wieder so spannend wie in der Vorsaison?

Ziege: Wenn die Rückrunde so verläuft wie die Hinrunde wird es sehr spannend. Es gibt einige Kandidaten im Titeltrennen - allen voran Bayer Leverkusen und Bayern München. Ich rechne aber auch mit Schalke, weil Felix Magath genau weiß was er tut. Hamburg macht sich gut, auch Werder Bremen könnte noch einmal eingreifen. Alles spricht für ein Rennen zwischen vier oder fünf Mannschaften.

bundesliga.de: Was könnte am Ende den Ausschlag geben?

Ziege: Ich glaube, dass jene Mannschaften einen Vorteil haben, deren Trainer schon in Ligen mit ähnlich kurzen Winterpausen gearbeitet haben. Jupp Heynckes hat ebenso wie Louis van Gaal in Spanien gearbeitet. Die wissen, was auf sie zukommt.

bundesliga.de: Gehen wir die Top 3 kurz durch: Bayer Leverkusen hat eine überragende Hinrunde gespielt. Mit Patrick Helmes, Simon Rolfes und Renato Augusto kommen nun noch Leistungsträger zurück in den Kader. Ist Bayer der Top-Favorit auf den Titel?

Ziege: Man weiß nie, ob es ein Segen ist, wenn viele Spieler zur Verfügung stehen, weil das auch zu Unruhe führen kann. Aber es wird auch spannend zu sehen, ob Leverkusen tatsächlich stabiler ist als in den vergangenen Jahren. Ich denke schon - und der entscheidende Faktor dafür ist Sami Hyppiä in der Abwehr. Er gibt der Mannschaft in der Defensive eine unglaubliche Qualität. Bayer spielt - wie schon häufiger - guten Fußball und hat jetzt auch noch in der Abwehr einen Spieler, der genau weiß, um was es geht. Davon profitiert auch Manuel Friedrich als Nebenmann, dazu kommt mit René Adler ein überragender Torhüter.

bundesliga.de: Ihr Ex-Club Bayern München ist zum Ende der Hinrunde richtig in Fahrt gekommen. Kam für die Münchner die Pause zur ungünstigsten Zeit, oder hat die Mannschaft sich jetzt gefunden?

Ziege: Dadurch, dass ich beim FC Bayern gerade ein Praktikum mache, weiß ich, dass eine Idee hinter dem steckt, was Louis van Gaal macht. Der eine oder andere Spieler ist mit der Art von van Gaal zunächst vielleicht nicht ganz klar gekommen. Er ist vom Ton her einfach etwas anders, aber ich finde das nicht negativ. Diese Art muss man kennenlernen. Er erwartet viel - und das haben die Spieler jetzt auch hinbekommen. Dazu kommt, dass die Mannschaft, im Gegensatz zum Saisonstart, in den letzten Spielen weitgehend unverändert auflaufen konnte.

bundesliga.de: Auch Schalke hat überrascht, zudem hat man sich in der Winterpause noch verstärkt. Kann Felix Magath seine junge Truppe schon in dieser Saison bis zum Schluss im Titelrennen halten?

Ziege: Das ist immer schwer einzuschätzen. Es wird schwer, Meister zu werden, trotzdem ist es aber machbar. Die Jungs wissen bei Magath ganz genau, dass die harte Arbeit für sie positive Folgen hat. Durch das Training sind die Schalker einfach fit - und das ist gerade in den letzten Minuten immer wieder entscheidend. Das war auch ihre Stärke in der Hinrunde, als sie zum Beispiel gegen Leverkusen oder Hamburg zuhause noch mal zurückgekommen sind. Die Mannschaft kann immer noch Gas geben. Jeder Spieler weiß, dass er vernünftig arbeiten muss, dann hat er mit Felix Magath keine Probleme. Das haben die Schalker verinnerlicht, deshalb haben sie durchaus die Qualität, eine Überraschung zu schaffen.

bundesliga.de: Vergangene Saison schaffte Magath von Hinrunden-Platz 9 noch die große Überraschung mit dem VfL Wolfsburg. Sehen Sie ein Team in der Bundesliga, dem sie in der Rückrunde ähnliches zutrauen?

Ziege: Wolfsburg macht gerade eine normale Entwicklung durch. Sie haben letztes Jahr absolut am Limit gespielt, ihre beiden Stürmer haben eine herausragende Saison gespielt. Das lässt sich kaum wiederholen, was man auch an Josue sieht, dessen Hinrunde nicht so gut war wie das, was er letzte Runde gespielt hat. Deshalb rechne ich in dieser Saison nicht mit Wolfsburg. Eher traue ich Werder Bremen noch eine Überraschung zu.

bundesliga.de: Ihr Ex-Club Borussia Mönchengladbach war eine der positiven Überraschungen der Hinrunde. Ist das für Sie auch eine späte Bestätigung ihrer Arbeit dort?

Ziege: Ich finde es natürlich sehr schön, zumal ein Teil der Spieler ja auch noch in meiner Zeit in der 2. Bundesliga verpflichtet wurde. Roul Brouwers, Rob Friend oder Michael Bradley haben auch damals schon gespielt, das bestätigt mich natürlich. Mich freut es aber vor allem, dass Borussia Mönchengladbach jetzt in einem ruhigen Fahrwasser ist und in Ruhe Fußballspielen und die Bundesliga genießen kann. Gerade die Situation, als man vier oder fünf Spiele am Stück nicht gewonnen hat, haben die Verantwortlichen durch ihre Ruhe fantastisch gelöst.

bundesliga.de: Vergangene Saison rettete sich die Borussia nach elf Punkten in der Hinrunde noch. Hertha BSC aus ihrer Heimatstadt Berlin hat nur sechs Zähler auf dem Konto. Glauben Sie an das Hertha-Wunder?

Ziege: Der Verein ist unglaublich groß an Tradition und Fans, und die Bundesliga gehört einfach in diese Stadt. Aber zehn Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz? Ich drücke beide Daumen, dass es irgendwie möglich ist, denke aber trotzdem, dass es sehr schwierig wird.

bundesliga.de: Erfreulich aus Sicht der Bundesliga ist, dass alle sechs Vertreter im Europapokal überwintert haben. Glauben Sie, dass in dieser Saison ein deutsches Team wieder ähnlich weit kommen kann wie Werder Bremen in der vergangenen Saison?

Ziege: Es ist alleine mit Blick auf die Fünfjahreswertung wichtig, dass alle sechs Mannschaften noch dabei sind, gerade weil Italien in den letzten Jahren stark abgebaut hat. Auch wenn die englische und spanische Konkurrenz sehr stark ist, und auch einige französische Clubs gefährlich sind, ist doch alles machbar. Warum soll eine deutsche Mannschaft in Hin- und Rückspiel nicht auch mal einen großen Gegner schlagen können?

bundesliga.de: Sie selbst absolvieren noch bis März den Fußballlehrer-Lehrgang in Köln. Freuen Sie sich schon auf die Zeit danach, wenn sie das neue Wissen in der Praxis anwenden können?

Ziege: Ich freue mich zunächst einmal darüber, dass es sogar schon jetzt Anfragen gab. Ich bin sehr ungeduldig und würde gerne auf den Platz gehen und arbeiten. Ich habe gute Ideen und möchte auch Erfahrungen sammeln - und das geht nur, wenn ich die Chance bekomme, meine Ideen umzusetzen. Bei der U17 von Borussia Mönchengladbach und als Interimstrainer und Sportdirektor der Profis konnte ich schon Erfahrung sammeln und habe ein gutes Feedback bekommen. Jetzt wieder auf dem Platz zu stehen, wäre natürlich überragend. Da wäre es mir auch egal, in welcher der drei oberen Ligen es ist, oder ob es bei der zweiten Mannschaft eines Bundesligisten ist. Mir geht es darum, das was ich im Kopf habe weiterzugeben.

bundesliga.de: Aber konkrete Planungen, wann und wo Sie wieder in den Fußball-Betrieb einsteigen, gibt es noch nicht?

Ziege: Ich kann mir vorstellen, sofort irgendwo einzusteigen. Der Zeitaufwand bis zum Ende der Fußballlehrer-Ausbildung ist nicht mehr so groß wie am Anfang des Lehrgangs. Deshalb wäre das auf jeden Fall machbar.

Das Gespräch führte Matthias Becker