München - Borussia Mönchengladbach ist nach der 0:3-Niederlage in Kaiserslautern auf den letzten Tabellenplatz abgerutscht. Nach zehn Spieltagen hat die Mannschaft von Trainer Michael Frontzeck 30 Gegentreffer kassiert und ist mit klarem Abstand die Schießbude der Liga. Im Interview mit bundesliga.de schätzt Ex-Sportdirektor Christian Hochstätter die Lage am Niederrhein ein.

bundesliga.de Herr Hochstätter, nach starkem Saisonbeginn ist Gladbach jetzt Tabellenletzter. Muss einem als Gladbach-Fan Angst und Bange werden?

Christian Hochstätter: Ich war am Mittwoch beim Pokalsieg gegen Leverkusen im Stadion, da hat die Mannschaft aus meiner Sicht einen ganz guten Eindruck gemacht und sich das Weiterkommen verdient. Das Spiel in Kaiserslautern habe ich im Fernsehen verfolgt, das war bis zur 70. Minute ausgeglichen. Idrissou muss die Chance beim Stande von 0:0 reinmachen, dann läuft das Spiel anders. Allerdings hat Michael Frontzeck auch Recht, wenn er sagt, dass die Borussia verdientermaßen da unten steht. Zu den Gründen gehört sicher das große Verletzungspech und die eine oder andere Rote Karte. Aber die Saison ist noch nicht so weit fortgeschritten, dass man jetzt schon über Abstieg sprechen sollte. Man muss die Ruhe bewahren und schauen, dass man die Spieler, die verletzt sind, wieder zurückbekommt und eine Formation findet, die die nötigen Punkte einfährt.

bundesliga.de Kann man 30 Gegentreffer in zehn Partien nur mit Verletzungspech und Sperren erklären?

Hochstätter: Natürlich nicht. Es kann bei dieser Vielzahl an Gegentreffern aber nicht die Alleinschuld der Abwehr sein. Dann ist es aus meiner Sicht der Gesamtverbund, dass also die Mannschaft nicht geschlossen nach hinten arbeitet. Das kann man nicht nur an den Vieren, die hinten spielen, und dem Torwart festmachen.

bundesliga.de Trotz der Misere bleibt die Vereinsführung bislang ruhig und stärkt Michael Frontzeck den Rücken. Die richtige Entscheidung?

Hochstätter: Es liegt nicht in meinem Ermessen, darüber zu urteilen, ich habe selber dort lange genug gearbeitet. Die Vergangenheit hat aber gezeigt, dass ein Trainerwechsel nicht immer das bringt, was man gerne hätte. Ich halte es persönlich für sinnvoll, dass man an den Dingen festhält.

bundesliga.de Welche Strategien können Trainer und Sportdirektor angesichts solch eines Negativlaufes anwenden, um wieder auf einen grünen Zweig zu kommen?

Hochstätter: Die Ruhe bewahren ist natürlich oberstes Gebot. Das ist für einen Außenstehenden relativ einfach - man kann immer draufhauen und kluge Ratschläge geben. Ich selber habe in solch einer Position gearbeitet und diese Dinge oft schon erlebt, wenn man unten steht. Wichtig ist, dass man die Ruhe auf die Mannschaft überträgt, dann aber genau hinguckt, auf welche Spieler man sich verlassen kann. Es sind zahlreiche Dinge, die die Vereinsführung machen kann. Ich gehe davon aus, dass Michael Frontzeck und Max Eberl zusammen mit dem Präsidium wissen, welche Schlüsse sie ziehen müssen, um unten raus zu kommen.

bundesliga.de Am kommenden Samstag heißt der Gegner ausgerechnet FC Bayern, der mitten in seiner Aufholjagd steckt. Kommen die Bayern zur Unzeit, oder ist das eine Chance, ohne großen Druck aufzuspielen?

Hochstätter: Ich glaube, dass es das leichteste Spiel für die Borussia in den vergangenen Wochen wird, weil die Erwartungshaltung des gesamten Umfeldes nicht allzu hoch ist. Von der Psyche her wird es also einfacher als das Spiel in Kaiserslautern.

bundesliga.de Glauben Sie, dass die Borussia mittelfristig aus dem Tabellenkeller kommt?

Hochstätter: Ich fürchte, dass die Borussia bis zur Winterpause imTabellenkeller bleiben wird - dazu hat man bislang einfach zu wenig Punkte gesammelt.

bundesliga.de Ein anderer Verein, bei dem Sie als Sportdirektor gearbeitet haben, steht wesentlich besser als die Borussia da - nämlich Hannover. Was sagen Sie zum bisherigen Saisonverlauf von 96?

Hochstätter: Das ist natürlich erfreulich - vor allem, wenn man sieht, was dieser Verein in der letzten Saison alles mitgemacht hat. Viele hatten damit gerechnet, dass es auch in dieser Spielzeit gegen den Abstieg geht. Wenn man dann sieht, wieviele Punkte Hannover schon gesammelt hat und wie die Mannschaft bislang aufgetreten ist, dann freut mich das schon sehr.

bundesliga.de Sie sind auch überrascht von ihrem Ex-Club?

Hochstätter: Ich muss ganz offen sagen, dass ich damit auch nicht gerechnet habe. Das zeigt aber auch, dass jede Saison anders läuft...

bundesliga.de In der aktuellen Spielzeit scheint aber alles auf den Kopf gestellt. Mainz und Dortmund sind auf der Flucht, vermeintliche Abstiegskandidaten wie Freiburg, Nürnberg oder Hannover stehen in der oberen Tabellenhälfte und Schalke sowie Stuttgart zieren gemeinsam mit Gladbach das Tabellenende. Haben Sie dafür einen Erklärungsansatz?

Hochstätter: Ich weiß nicht, ob es jemals eine solche Saison gegeben hat. Dass viele Vereine wie Bayern oder Wolfsburg so schlecht gestartet sind und andererseits Clubs wie Mainz oder Hannover oben stehen - das ist sicherlich nicht zu erwarten gewesen. Aber gerade das macht die Bundesliga so interessant. Für Vereine wie Gladbach ist das natürlich gefährlich, wenn vermeintliche Konkurrenten schon so viele Zähler geholt haben. Denn man muss immer davon ausgehen, dass Clubs wie Stuttgart oder Schalke irgendwann aus dem Tabellenkeller kommen.

bundesliga.de Trauen Sie Mainz jetzt sogar den ganz großen Wurf, sprich die Meisterschaft zu?

Hochstätter: Ich hätte früher auch nicht daran geglaubt, dass Kaiserslautern aufsteigt und dann Meister wird. Ich finde, dass Thomas Tuchel seine Sache hervorragend macht. Wie die Mainzer zum Beispiel beim FC Bayern aufgetreten sind, das hat mir schon imponiert. Da ist eine Handschrift zu erkennen. Und wenn's mal läuft - wieso soll es nicht bis zum Ende reichen?

Das Gespräch führte Johannes Fischer