Köln - Mitte Mai wurde Rouven Schröder als neuer Sportdirektor beim 1. FSV Mainz 05 offiziell vorgestellt. Der Nachfolger der Mainzer Managerlegende Christian Heidel hat die Philosophie des Vereins bereits verinnerlicht. Er geht die Aufgabe voller Tatendrang, aber auch mit einer Portion Demut an. Im Interview mit bundesliga.de spricht der 40-Jährige, der zuvor in ähnlicher Position bei Greuther Fürth und Werder Bremen gearbeitet hat, über seine neue Aufgabe, die Kaderplanung, das Trainingslager in den USA und seine Erwartungen an die kommende Saison.

bundesliga.de: Herr Schröder, Sie sind jetzt in Mainz seit gut fünf Wochen als Sportdirektor alleinverantwortlich im Amt. Wie gut haben Sie sich schon in ihr neues Aufgabengebiet bei Mainz 05 eingearbeitet?

Rouven Schröder: Ich fühle mich hier sehr wohl. Seit der Pressekonferenz, bei der ich vorgestellt wurde, sind nun fünf Wochen vergangen. Davor war ich auch schon vor Ort. Es war eine gute Vorgehensweise, so den Verein kennenzulernen. Es hat sich weiterhin bestätigt, dass ich in Ruhe arbeiten kann. Ich befinde mich in einem guten Austausch mit dem Trainer und den Mitarbeitern auf der Geschäftsstelle. Es ist ein gutes Miteinander.

bundesliga.de: Was hat Sie in den ersten Wochen an Mainz 05 am meisten überrascht?

Schröder: Überrascht ist das falsche Wort. Ich schätze mich glücklich, dass man wirklich in Ruhe arbeiten und Dinge zu Ende bringen kann. Das ist ganz wichtiges Faustpfand. Die Dinge bleiben intern, das ist für mich ein ganz wichtiger Baustein, der auch vor meiner Zeit hier immer gelebt worden ist und ein Prädikat für Mainz 05 war. Ich stehe voll hinter dieser Philosophie, das ist mir enorm wichtig. Das hat mich nicht überrascht, sondern bestätigt.

"Im Kader entstehen neue Hierarchien"

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bundesliga.de: Welches sind im Moment Ihre größte Aufgaben, die es zu bearbeiten gibt?

Schröder: Ein wichtiger Baustein meiner Arbeit ist die Kaderstruktur der Lizenzspielermannschaft. Dazu begleite ich auch die U23, um einen schlagkräftigen Kader zusammenzustellen. Das sind die Hauptschwerpunkte. Darüber hinaus muss ich den gesamten Verein noch besser kennenlernen. Aber klar ist: Die Kaderplanung der Lizenzspielermannschaft ist im Moment die wichtigste Aufgabe. Wir wollen optimal gewappnet sein für die anstehende Saison.

bundesliga.de: Mainz 05 hat zwei prominente Abgänge zu verzeichnen, Torhüter Loris Karius und Julian Baumgartlinger haben den Verein verlassen. Zudem kommen sieben ausgeliehene Spieler wieder zurück. Auf welchen Positionen besteht der größte Handlungsbedarf?

Schröder: Wir haben mit Jonas Lössl einen talentierten Torhüter verpflichtet, der bereits in der ersten französischen Liga eine tolle Entwicklung genommen und internationale Erfahrung in der Europa League sowie der Dänischen Nationalmannschaft gesammelt hat. Wir haben ihn schon länger beobachtet und freuen uns, dass er uns verstärkt. Was die anderen Positionen angeht, beschäftigen wir uns damit in aller Ruhe. Wir wollen überzeugt sein und wenn wir das sind, werden wir auch handeln. Auch in dieser Beziehung ist die Zusammenarbeit mit dem Trainer großartig. Er bewahrt die Ruhe, wird nicht hektisch und drängt nicht auf sofortigen Ersatz. Und wir haben einen Kader, der sich aus sich heraus ebenfalls weiter entwickeln kann. Es entstehen neue Hierarchien. Auf den Positionen im zentralen Bereich werden auch Spieler den nächsten Schritt machen. Wir haben mit Fabian Frei, Danny Latza und Suat Serdar drei Spieler, die den nächsten Schritt definitv machen werden. Das erwarten wir auch von ihnen. Trotzdem wollen wir uns auch weiter verstärken, aber wie das aussehen wird, wird man sehen. Wir sind eifrig in der Planung.

bundesliga.de: Inwieweit spielt die Teilnahme an der Europa League und die damit verbundene Dreifachbelastung in der kommenden Saison eine Rolle bei der Kaderplanung?

Schröder: Unser wichtigstes Thema ist die Bundesliga. Jahr für Jahr. Es ist klar, dass wir uns für die Dreifachbelastung in der Kaderstruktur wappnen müssen. Die Leute gehen davon aus, dass wir einen großen Kader brauchen. Wenn sich Spieler verletzen, sagen alle, zum Glück haben wir einen großen Kader. Wenn sich aber kein Spieler verletzt, haben wir in der Bundesliga und im Europapokal die Situation, dass viele Spieler draußen sitzen. Das ist ein ganz schmaler Grat. Wir müssen eine gesunde Mischung finden. Nach der letzten Topsaison müssen wir auch ein wenig die Erwartungen herunterfahren. Wir bleiben demütig in Mainz und werden nicht durchdrehen. Wir wissen, wo wir herkommen. Die Basis wird immer die Bundesliga bleiben.

Video: Exklusive Einblicke ins Mainzer Stadion

"Wir repräsentieren die DFL und die Bundesliga"

bundesliga.de: Inwiefern können Sie durch die Transfererlöse in anderen Dimensionen planen?

Schröder: Das muss ich relativieren. Es werden immer Summen in den Raum gestellt, die in den meisten Fällen nicht eins zu eins in die Kassen wandern. Man vergisst, dass Mainz 05 im Winter Vorgriffe getätigt hat und Spieler wie Emil Berggreen, Giulio Donati und Karim Onisiwo verpflichtet wurden. Hinzu kommen die gezogenen Optionen bei Jhon Cordoba und Christian Clemens. Neu verpflichtet wurden zudem Gerrit Holtmann und Jonas Lössl. Da sind wir schon bei sieben Spielern. Man darf nicht vergessen, dass bei uns schon einiges passiert ist und auch Ablösesummen geflossen sind.

bundesliga.de: Im Sommer geht Mainz 05 nach Amerika ins Trainingslager. In Colorado Springs vertritt der Verein die Bundesliga bei einem internationalen Turnier. Welchen Stellenwert hat das für Sie?

Schröder: Wenn Mainz 05 zu einem Trainingslager in die USA fliegt, ist das für uns etwas ganz Besonderes, fast Historisches. Wir repräsentieren die DFL und die Bundesliga. Wir freuen uns alle auf dieses einmalige Erlebnis. Wir haben uns schon vor Ort umgeschaut und werden dort Topbedingungen vorfinden. Jeder in Mainz freut sich darauf, es ist ein tolles Zeichen an die Truppe, dass wir nach der großartigen Saison ein weiteres Highlight in den USA erleben dürfen. Wir werden uns dort gut vorbereiten und mal etwas anderes haben als die standardisierten Trainingslager.

bundesliga.de: Mit welchen Erwartungen gehen Sie in die Bundesliga-Saison? Wird sich die Entwicklung der letzten Jahre mit der Dominanz der Bayern und einiger anderer Vereine fortsetzen?

Schröder: Das kann man im Vorfeld schwer ermessen. Wir brauchen uns nicht über Bayern München oder Borussia Dortmund unterhalten. Die beiden Mannschaften werden oben ihre Kreise ziehen. Danach gibt es mit Mönchengladbach, Leverkusen, Schalke und auch Wolfsburg Mannschaften, die den Anspruch haben, oben mitzumischen und den beiden anderen Konkurrenz zu machen. Dann hat man immer einen Ausreißer mit dabei, wie es in der letzten Saison Mainz und Hertha waren. Danach folgt ein breites Mittelfeld. Wer nicht aufpasst und konzentriert seine Wege geht, kann unheimlich schnell unten reinrutschen. Das muss jedem bewusst sein. Wir wissen das und gehen die Saison mit Demut, aber auch ohne uns kleinzureden, an. Die Schere wird aber weiter auseinander gehen, weil die Gehälter so weit auseinander driften. Aber wir beklagen uns nicht. Man soll sich immer um sich selbst kümmern und seine eigene Arbeit erledigen. Wir gucken nur auf uns und versuchen den Job bestmöglich zu machen. Für uns ist die Bundesliga wie gesagt die Basis. Wir wollen die Klasse halten. Das ist Priorität A für Mainz 05. Trotzdem wollen wir einen attraktiven Fußball spielen. Wir sind ehrgeizig und wollen erfolgreich sein und den deutschen Fußball in Europa würdig vertreten. Aber alles mit der nötigen Weitsicht.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski