München/Charkiw - Es gehört nicht viel dazu, Cristiano Ronaldo für einen eitlen Pfau zu halten, für einen selbstverliebten Fatzke oder einen gegelten Großkotz. Allein schon diese Pose beim Freistoß: Breitbeinig steht er da, drückt die Arme seitlich nach unten durch - er sieht aus, als hole er jede Sekunde einen Colt aus dem Halfter. Die Frisur sitzt - selbstverständlich, und zugleich spannt das Trikot über dem Oberkörper, damit auch ja jeder mitbekommt, wie perfekt durchgestylt die Brustmuskulatur ist.

Eine Studie besagt aber: Das "affige Gehabe", das Oliver Kahn Ronaldo unterstellt, ist in Wahrheit dominantes Verhalten, und damit ist es dem Erfolg zuträglich. Prof. Dr. Daniel Memmert, Dr. M. S. Matt Dicks und Philip Furley haben erstmals den Einfluss von körpersprachlichen Signalen beim Fußball untersucht - und sie kommen zu beeindruckenden Ergebnissen.

Unterwürfiges Verhalten beim Gegner



"Es ist tatsächlich so, dass es einen großen Unterschied macht, ob der Schütze die Brust rausstreckt und den Kopf sowie die Schultern hebt", sagt Memmert im Gespräch mit dem "Sport-Informations-Dienst", "denn damit signalisiert der Spieler Stärke." Diese dominante Ausstrahlung erzeugt unterwürfiges Verhalten beim Gegenüber. "Das ist ein unterbewusster, aber ein ganz ganz starker Effekt", sagt Memmert.

Als Vorzeigeathlet bezüglich der perfekten Haltung gilt ausgerechnet Portugals bisheriger "Chancentod". Ronaldo löste in der deutschen Gruppe B bislang wenig Angst und Schrecken aus. Trotzdem: Nach 60 Saison-Toren für Real Madrid herrscht bei den Torhütern stets erhöhte Alarmbereitschaft, wenn Ronaldo in Ballnähe kommt.

Gegenspieler werden manipuliert



Dazu leistet auch Ronaldos spektakuläre Freistoß-Inszenierung a la John Wayne einen Beitrag. "Das Erstaunliche ist: Die Gegenüber wissen gar nicht, dass sie manipuliert werden", sagt Memmert, der zusammen mit seinen Kollegen die Studie "Nonverbales Verhalten im Fußball" durchführte.

In zwei Experimenten schätzten Torhüter die Fähigkeiten von Feldspielern ein. Das Ergebnis offenbarte, dass dominant wirkende Schützen als treffsicherer bewertet werden. Letztlich erzielten diese in den Tests auch deutlich mehr Tore - wohl dem Respekt des Torwarts geschuldet. Aber warum ist das so?

Stets selbstbewusst auftreten



"Das kommt aus der Evolutionspsychologie", sagt Memmert, "früher war dominantes Auftreten elementar, um das Überleben zu sichern. Nach dem Motto: das ist mein Reich, hier habe ich das Sagen." Dominanz bewirke Einschüchterung, sprich: Der Torwart kann nicht sein volles Leistungsvermögen abrufen. "Es ist genau so wie im Tierreich. Was dort schon lange bewiesen ist, konnten wir erstmals zeigen", sagt Memmert.

Die Aussagekraft des nachgewiesenen Zusammenhangs geht weit über das Verhältnis zwischen Torhüter und Feldspieler hinaus. "Das Auftreten ist in allen Spielsituationen bedeutsam", erklärt der Sportwissenschaftler, "auch wenn der Gegenspieler es nicht bewusst wahrnimmt. Die Spieler sollten versuchen, stets selbstbewusst aufzutreten, auch beispielsweise beim Eckball." Oder eben beim Freistoß.