Donezk - Franck Ribery war "not amused". Mit finsterer Miene verließ er die Donbass Arena in Donezk - und Schuld an seinem Gemütszustand waren wieder mal die Engländer. Drei Wochen nach dem Frust-Finale in der Champions League mit Bayern München gegen den FC Chelsea wurde das Auftaktspiel bei der EM in Polen und der Ukraine für den Franzosen zum Deja-vu. Erneut stand unter dem Strich viel Aufwand, aber mit dem 1:1 (1:1) wenig Ertrag.

Dass seine Mannschaft gegen den Erzrivalen England ihre Super-Serie fortsetzte und auch das 22. Spiel in Folge unter Trainer Laurent Blanc ungeschlagen geblieben war, tröstete offenbar wenig. "Wir sind frustriert, denn wir waren besser. England hat gespielt wie Chelsea gegen Barcelona", klagte Patrice Evra vom englischen Vize-Meister Manchester United.

Franzosen verzweifeln am englischen Bollwerk



Es hätten phasenweise gefühlte 15 Engländer in der Abwehr gestanden, wetterte er. "Da hat man keinen Platz mehr. Ich würde mir wünschen, sie würden mehr Fußball spielen. Aber wenn England damit den Titel holt, werden dennoch alle glücklich sein", ergänzte der gebürtige Senegalese. (XL-Galerie: Bilder der Gruppe D)

Es war vermutlich auch die Enttäuschung über die eigene Leistung, die sich da Bahn brach - und Ribery wortkarg in den Mannschaftsbus trieb. Denn die Dribbelkünste des Münchners endeten zumeist schon weit vor dem Strafraum, und als er sein Spiel in die Mitte verlagerte, blieb für ihn kaum Platz, weil dort Torschütze Samir Nasri (39.) souverän regierte. Der Stratege vom Meister Manchester City gewann zudem das Duell mit seinem Club-Keeper Joe Hart zum wichtigen Ausgleich. "Dass wir sofort auf die Führung der Engländer reagiert haben, war die positivste Erkenntnis", sagte Blanc: "Dennoch, den Fußball haben wir gespielt."

Hodgson: "Wir werden noch stärker"



Den Engländern war's egal. "Mit Herz und Leidenschaft" hätten die "Three Lions" einen Punkt erkämpft, der in den Medien vier Jahre nach der verpassten Qualifikation für die EM 2008 und dem WM-Aus 2010 (1:4 im Achtelfinale gegen Deutschland) wie der Start in eine neue Ära gefeiert wurde.

Das Unentschieden als Wendepunkt für Englands "Löwen"? Für Roy Hodgson war die Sache klar: "Das war ein guter Anfang. Aber wird werden noch stärker", sagte der Teammanager. Immerhin habe man den Pessimisten gezeigt, dass man auf einem derartigen Level bestehen könne. "Ich hatte nur drei Testspiele und zehn Trainingseinheiten Zeit", sagte der 64-Jährige. Frankreich habe 22 Begegnungen nicht verloren, "und das kommt nicht über Nacht". Aber seine Mannschaft werde mit jedem Training und jedem Spiel "fitter".

Presse lobt "Fortschritt"



Es sei alles durchdacht, was Hodgson eingefädelt habe, kommentierte das Boulevardblatt The Sun. "Das ist der Grund, warum wir diesen Punktgewinn nach vielen Jahren Hau-Ruck-Fußball als Fortschritt feiern können."

Neun Minuten lang durfte Hodgson 41 Tage nach seinem Amtsantritt von einem EM-Blitzstart träumen, nachdem Joleon Lescott seine Mannschaft mit seinem ersten Länderspieltor (30.) in Führung gebracht hatte. Die Vorlage kam vom überragenden Kapitän Steven Gerrard, einer Galionsfigur im Team, die nicht nur die Fäden auf dem Feld zieht.

Mit der Unterstützung des Liverpoolers empfahl sich der erst 18 Jahre alte Alex Oxlade-Chamberlain von FC Arsenal für weitere Einsätze. Es gilt als sicher, dass der künftige Teamkollege von Lukas Podolski auch am Freitag (20:45 Uhr) in Kyiw gegen Schweden zum Einsatz kommen wird. "Wir haben uns mit dem Punkt eine gute Basis erarbeitet. Und gegen Schweden? Mal sehen, was passiert", sagte Hodgson mit weltmännischer Gelassenheit.