Freiburg - Im Militärjargon wird der Handstreich als überraschender, überfallartiger Angriff bezeichnet. Dem Feind sollen Verluste zugefügt werden, um sich anschließend von ihm zu lösen, bevor er Gegenmaßnahmen einleiten kann. Dass sich ein ähnliches Muster auf den Fußball übertragen lässt, ließ sich seit dem Beginn der Rückrunde in Freiburg beobachten, wo die Gegner ebenso überraschend wie wirkungsvoll in Bedrängnis gebracht wurden. Der Handstreich des Christian Streich - eine taktische Meisterleistung, die im Winter wohl kaum jemand für möglich gehalten hätte.

Zur Erinnerung: Der Sportclub war nach dem Ende der Hinrunde mit 13 Punkten abgeschlagenes Tabellenschlusslicht und blieb auf dem Platz vieles schuldig. Zudem herrschten im sonst so beschaulichen Breisgau vergleichsweise chaotische Zustände, die in der Trennung von sechs Spielern und Cheftrainer Markus Sorg gipfelten.

Platz 5 in der Rückrundentabelle



Vor allem der Abgang von Top-Torjäger Papiss Demba Cisse, der in der Hinrunde mit neun Treffern Alleinunterhalter im SCF-Sturm war, schien einer Kapitulation gleichzukommen. Mit ausgedünntem Kader, in dem auch noch der mit Abstand torgefährlichste Spieler fehlte - wie, bitteschön, sollten sich die Freiburger in der Rückrunde noch aus dem Schlamassel ziehen?

Sie taten es. Und wie! Die Erfolgsgeschichte begann mit der Ernennung von Christian Streich als Cheftrainer, der im besagten Handstreich an den richtigen Stellen schraubte und aus der Mannschaft eine richtige Einheit formte. "Der Einzelne wird umso wichtiger, je mehr er versteht, dass er aus der Gemeinschaft gewachsen ist. Je mehr das bei uns verstehen, desto besser sind unsere Zukunftsaussichten", sagte der Coach in einem Interview mit "11Freunde".

Mit dieser Basis holte Streich sagenhafte 24 Punkte, womit der SC Freiburg in der Rückrundentabelle auf Platz 5 steht - sogar noch vor Borussia Mönchengladbach. Doch mit welchen taktischen Finessen schaffte es der Coach, die Wende herbeizuführen und sein Team in der Bundesliga zu halten? bundesliga.de erklärt die Kniffe des 46-Jährigen, die ihren Ursprung kurioserweise im Abgang von Cisse hatten.

Cisse-Abgang als Chance



Streich hatte früh erkannt, dass das Freiburger Spiel zu sehr auf den 26-jährigen Senegalesen zugeschnitten und damit für den Gegner leicht auszurechnen war. Die Folgen: In der Hinrunde schoss der SC noch zehn Tore durch Stürmer, alleine neun durch Cisse. In der Rückrunde gelangen dagegen nur noch vier Treffer durch Angreifer.

Was auf den ersten Blick als folgenschwerer Rückschritt erscheint, war in Wahrheit ein Schlüssel zum Erfolg: Die Torgefahr nahm nämlich nicht ab, sie wurde nur auf viele Schultern verteilt. Gelangen in der Hinrunde 21 Treffer, so sind es in diesem Jahr bislang deren 20. Dabei ist der Sportclub im Abschluss effektiver geworden: Benötigte der SC in der Hinrunde noch zwölf Torschüsse für einen Treffer, so waren es in der Rückrunde nur noch neun. Von nur elf Großchancen in der Rückrunde verwerteten die Freiburger acht, in der Hinrunde münzten sie von 28 Großchancen lediglich zehn in Tore um.

Die Basis des Freiburger Fußballwunders liegt jedoch in der Defensive begründet: Unter Sorg versuchte der SC noch mitzuspielen und hatte in der Hinrunde durchschnittlich 51 Prozent Ballbesitz. Streich änderte die Grundausrichtung des Teams, indem er die Abwehr verstärkte und mehr auf Konter setzte. Entsprechend kam der SC nach der Winterpause nur noch auf 46 Prozent Ballbesitz, der geringste Wert aller Bundesligateams. Die Trumpfkarte war jedoch der eigene Gegenangriff - eben der geniale Handstreich des Trainers.

Streich stärkt die Defensive



Freiburg bekam so die schnellen gegnerischen Vorstöße in den Griff und fing sich auf diese Art nur noch einen Treffer. In der Hinrunde waren die Badener noch zwölf Mal in einen Konter getappt. Geschichte wurden auch die Gegentore nach Ballverlusten der SC-Spieler: Während es in den ersten 17 Saisonspielen noch deren elf (Ligahöchstwert) gab, kamen nach der Winterpause nur noch drei weitere hinzu. Im Deckungszentrum klappt das Abschirmen der gegnerischen Offensivkräfte deutlich besser: Freiburg ließ in der Rückrunde nur 17 gegnerische Großchancen zu. In der Hinrunde waren es noch 36.

Unter Sorg war es Freiburg selten gelungen, das gegnerische Kombinationsspiel effektiv zu unterbinden, 17 Gegentore nach Pässen waren die Folge. 2012 machte der SC auch hier Fortschritte und kassierte nur noch neun Gegentore nach Pässen. Auch nach gegnerischen Flanken und Standards ist Freiburg nun aufmerksamer, reduzierte die Anzahl an Gegentoren nach Flanken von neun auf drei und die nach Standards von zehn auf vier.

Zudem minimierte Streich das Risiko und strich die Abseitsfalle so gut wie aus dem Repertoire. So stellte der SC Freiburg in der Hinrunde den Gegner 63 Mal ins Abseits, während die Teams 2012 nur noch 26 Mal in die verbotene Zone tappten. Doch neben aller taktischen Umstellungen war das große Plus des neuen Cheftrainers, dass er mit seiner unkonventionellen und so gar nicht branchenüblichen Art bei der Mannschaft sofort ankam.

Als Streich nach getaner Rettung in Hannover zur Gratulationskur aufbrach und sich die Glückwünsche von Spielern, Presseleute und Fans abholte, wirkte er etwas verloren inmitten des Freiburger Trubels. Er, der es nicht mag, im Mittelpunkt zu stehen und bewundert zu werden, sei nur "ein kleiner Teil in diesem Ganzen", sagt er. Aber einer, der an genau den richtigen Stellen geschraubt hat und mit seinem (Hand)-Streich die Wende einläutete.

Johannes Fischer