Köln - Für bundesliga.de zieht Reiner Calmund ein erstes Zwischenfazit der Tendenzen der ersten acht Spieltage. Der langjährige Manager von Bayer 04 Leverkusen spricht über den dominanten Tabellenführer, seinen ambionierten Herausforderer und über die Überraschungsteams und Topspieler der noch jungen Saison.

bundesliga.de: Herr Calmund, das erste Viertel der neuen Saison ist gespielt. Welcher Verein hat Sie überrascht, welcher muss sich noch steigern?

Reiner Calmund: Es gab eine Menge Überraschungen, und es wäre schade, wenn die in der Öffentlichkeit von der Dominanz der Bayern überdeckt würden. Ich denke da an den FC Schalke, der einige richtig starke Spiele abgeliefert hat. Das 0:3 gegen den 1. FC Köln zuletzt hat sicherlich auch mit der Altersstruktur der Truppe zu tun. Es ist eine junge Mannschaft, da kann es schon mal zu Schwankungen in der Leistung kommen. Aber der Trend ist positiv, das ist ja ein völlig anderes Schalke als in der vergangenen Saison. Dann haben uns natürlich die beiden Aufsteiger Ingolstadt und Darmstadt total positiv überrascht. Steigerungspotenzial sehe ich in erster Linie bei den drei Klubs, die neben den Bayern in der Champions League spielen. Mönchengladbach mit dem Gau des Favre-Rücktritts, Wolfsburg mit dem Verkauf von Kevin De Bruyne und Leverkusen mit der "Torschuss-Allergie" - die haben sich das sicherlich alles anders vorgestellt. Keiner hat wohl damit gerechnet, dass nach acht Spieltagen das Quartett Hoffenheim, Augsburg, Hannover und Stuttgart die Rücklichter der Bundesligatabelle sind. Der VfB spielt nach der Rettung in letzter Sekunde in dieser Saison zeitweise schönen Fußball, doch allen Akteuren muss man schnell klar machen: Fußball ist kein Eiskunstlaufen, für eine gute Kür mit tollen Noten gibt es keine Punkte. Hinten kassieren sie Tore, vorne machen sie keine. Das sieht nicht so gut aus.

bundesliga.de: Welche Spieler haben sich in den Fokus gespielt?

Calmund: Natürlich stehen die bekannten Top-Stars Thomas Müller, Robert Lewandowski neben einem Dutzend FC Bayern-Spielern durch überragende Leistungen in der Bundesliga und Champions League erneut im Blickpunkt. Dann Pierre-Emerick Aubameyang und Douglas Costa, die abgehen wie eine Rakete. Aber auch andere Jungs, die keiner auf dem Zettel hatte, haben Frühform bewiesen: Die beiden Matips aus Ingolstadt und Schalke, Kölns Anthony Modeste. Und dann hat Hertha-Trainer Pal Dardai wieder Vedad Ibisevic zum Torjäger belebt. Ich bin sicher, in Hoffenheim und Stuttgart beißen sie sich in den Allerwertesten, diese Torjäger abgegeben zu haben. Signale haben auch unsere Talente Jonathan Tah (Bayer 04), Leon Goretzka (Schalke 04), Julian Weigl (Borussia Dortmund), Julian Brandt (Bayer 04) und Leroy Sane (Schalke 04) Richtung Jogi Löw gesendet, sie spielen noch nicht perfekt, aber mit großem Potenzial.

"Lewandowski hat eine eingebaute Torgarantie"

bundesliga.de: Kann Robert Lewandowski in die Phalanx von Cristiano Ronaldo und Lionel Messi einbrechen?

Calmund: Robert Lewandowski ist Robert Lewandowski, der polnische Nationalspieler steht für Tore, Spielwitz und Teamgeist. Diese Qualitäten hat er in Dortmund und jetzt bei Bayern München mit ganz großer Klasse kontinuierlich abgerufen. Trotzdem ist es auch für ihn schwer in die Phalanx von Messi und Ronaldo vorzustoßen. Man könnte bei den beiden ja skeptisch sein und sagen:"Okay, in Spanien ist es vielleicht einfacher, so oft zu treffen!'" Aber das kann nicht sein, die treffen ja auch in der Champions League regelmäßig und da ist es schwer. Nein, an Messi und Ronaldo kommt keiner ran. Beide haben wie Lewandowiski eine eingebaute Torgarantie, doch Messi wurde viermal und Cristiano Ronaldo dreimal Weltfußballer des Jahres. Das ist eine unglaubliche Serie und eigentlich nicht zu knacken.

bundesliga.de: Sind die Bayern nach ihrem Rekordstart noch zu stoppen?

Calmund: Man hat ja schon in der letzten Saison gesehen, dass Wolfsburg, Leverkusen, Mönchengladbach und Schalke gegen die Bayern punkten können. In der aktuellen Serie hätte ich am zweiten Spieltag beinahe live erlebt, dass Hoffenheim gegen die Münchener gewinnt. Trotzdem werden die Bayern wieder souverän Meister, ich glaube, die würden auch bei 34 Auswärtsspielen den Titel klar gewinnen.

"Die Bayern sind das Flaggschiff der Bundesliga"

bundesliga.de: Ist der FC Bayern ein Segen oder ein Stimmungskiller für die Liga?

Calmund: Bayern München ist das Flaggschiff der Bundesliga. Beim Gewinn des WM-Titels waren sieben Bayern dabei, davon wurden sechs in die FIFA-Auswahl berufen. Hinzu kommt noch ein kleiner Bus voll mit internationalen Klassespielern. Der Kader ist einfach fantastisch besetzt. Das Bayern-Team ist weltweit anerkannt und daher ein Segen, ohne sie könnte man unsere Liga national - aber vor allem international - nicht so erfolgreich vermarkten. Ganz wichtig: Alle Spiele der Bayern, egal ob auswärts oder zu Hause, sind ausverkauft und ihre TV Quoten sind auch unschlagbar.

bundesliga.de: Könnte die Meisterschaft nicht trotzdem spannender sein?

Calmund: Natürlich würde uns allen ein spannender Kampf um den Meistertitel gut tun. Trotzdem ist die Bundesliga ein erstklassiges Premium-Produkt. 43.500 Besucher im Schnitt, das ist absoluter Weltrekord. Dazu sind die guten TV-Quoten ein eindeutiger Beweis, wie spannend und interessant die Liga ist. Rund zehn Klubs kämpfen um die fünf bis sechs internationalen Plätze, der Rest spielt gegen den Abstieg. Auch im internationalen Vereinsfußball ist Deutschland ganz vorne dabei. Die finanzstarken Engländer waren in der letzten Saison weder unter den letzten Acht in der Champions League noch in der Euro League vertreten. In der UEFA-Fünfjahreswertung belegt die Bundesliga klar Platz zwei hinter Spanien, das ist Fakt.

"Vor Ingolstadt ziehe ich den Hut"

bundesliga.de: Wie stark ist Borussia Dortmund einzuschätzen, was kann der BVB erreichen?

Calmund: "Aki" Watzke hat mit seiner Aussage den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich sehe es genau wie der Dortmunder Vereinsboss. Der BVB wird mit guten Chancen um einen Champions-League-Platz kämpfen und kann mit etwas Glück in der Euro League weit kommen. Es bleiben dennoch ein paar Fragen: Was passiert, wenn Aubameyang ausfällt? Steigert sich Reus wieder zur alten Form? Hält Mkhitaryan diese Klasse über eine ganze Saison? Kann der Junge Weigl seine großartige Form schon konstant abrufen? Kommt Gonzalo Castro langsam in die Gänge? Wenn sich alles gut entwickelt, traue ich dem BVB mit seinem klugen und konsequenten Trainer Thomas Tuchel eine sehr erfolgreiche Saison zu.

bundesliga.de: Wie lange hält der Höhenflug von Hertha, Köln und Ingolstadt an?

Calmund: Was Ingolstadt macht, das grenzt an positiven Wahnsinn! Kompliment, da ziehe ich meinen Hut und meinen Bauch ein und verneige mich ganz tief. Auf diesem Level werden sie nicht die ganze Saison spielen. Aber die 14 Punkte nimmt ihnen keiner. Was auffällt: Das ist nicht die pure Aufsteiger-Euphorie. Ingolstadt spielt unter Cheftrainer Ralph Hasenhüttl planvoll, da steckt etwas dahinter, was Sinn macht. Das gilt auch für die Hertha: Nur acht Gegentore sprechen eine deutliche Sprache für Stabilität und Balance. Der Kader ist breiter, und Pal Dardai ist es gelungen, die Jungs positiv zu kitzeln und taktisch erstklassig einzustellen. Pal ist ein Fußballer durch und durch mit viel Trainer-Talent, genau das, was die Hertha brauchte. Das gilt für Peter Stöger und Köln in verstärktem Maße. Der FC hat sich sinnvoll verstärkt, von den Abgängen Kevin Wimmer und Anthony Ujah spricht heute keiner mehr - und das waren unumstrittene Stammspieler. Mit den Einkäufen der jungen Frederik Sörensen, Dominique Heintz und des Torjägers Modeste hat Jörg Schmadtke wieder einmal sein gutes Auge bewiesen. Ich glaube, alle drei Klubs werden mit dem Abstieg nichts zu tun haben. Aber so weit oben werden sie wohl auch nicht landen. Ich sehe dieses Trio im gesicherten Mittelfeld.

Die Fragen stellte Tobias Gonscherowski