München - Timo Gebharts Aufstieg ging schnell. Zu schnell. Nürnbergs Neuzugang hat schon in jungen Jahren nichts ausgelassen.

Gebhart wurde B-Jugend-Meister, durchlief alle DFB-Jugendteams und triumphierte bei der U-19-Europameisterschaft an der Seite von Lars Bender. Doch nicht der jetzige Nationalspieler, sondern Gebhart war damals der überragende Mann bei 1860 München. Mit seinen Dribblings und raketenhaften Antritten verzückte er Fans und Kritiker. Bender war noch nicht einmal Stammspieler, da wechselte Gebhart nach insgesamt nur 37 Zweitligaeinsätzen nach Stuttgart. Mit 19 Jahren in die Bundesliga. Es konnte nicht schnell genug gehen.

Nur ein Jahr später stand er im Champions-League-Achtelfinale gegen den FC Barcelona in der Startelf, traf auf Messi, Xavi und Ibrahimovic. Gebhart bereitete das 1:0 vor. Stuttgart schied am Ende aus, doch Gebhart war ganz oben. Die Nominierung ins DFB-Team schien eine Frage der Zeit.

"Ich gebe immer alles"



Aber so kam es nicht. Verletzungen zwangen den Techniker immer wieder zum Zuschauen, in dreieinhalb Jahren VfB kam er letztlich nur auf 50 Einsätze von Beginn an. Durchspielen durfte er ganze 15 Mal. Den Ruf des Dauerverletzten weist Gebhart von sich. "Ich bin nicht verletzungsanfällig. Es stimmt, dass ich innerhalb kürzester Zeit gleich drei Bänderrisse hatte. Aber nur, weil ich den ersten nicht auskuriert hatte. Als mich Mannschaft und Verein gebraucht haben, bin ich trotz Verletzungen aufgelaufen", sagte er der "AZ". Er opferte sich - aber er wollte es auch. Gebhart konnte es selbst jedes Mal kaum erwarten, wieder zu spielen. " Die Ungeduld war groß", sagte er beispielsweise bei einem seiner Comebacks im August 2011. Es musste schnell gehen.

Gebharts Credo: "Ich bin ein Typ, der immer alles gibt." Auch über den legalen Bereich hinaus: 166 Mal foulte er bei seinen 76 Bundesliga-Einsätzen, also mehr als zwei Mal pro Spiel. 18 Mal sah er dabei Gelb, außergewöhnlich oft für einen Offensivspieler. Nicht selten wirkte er übermotiviert.

Schwierige Beziehung zu Labbadia



Der Einsatz stimmte, doch sein eigentliches Metier, Tore und Vorlagen, kamen meist zu kurz. Vier Bundesligatreffer in dreieinhalb Jahren sind nicht gerade ein erstklassiges Bewerbungsschreiben. Besonders in den letzten eineinhalb Saisons - seitdem Bruno Labbadia beim VfB das Sagen hat - litt Gebharts Selbstbewusstsein. "Es gibt nun mal Trainer, die auf einen stehen oder eben nicht. Beste Freunde werden wir wahrscheinlich nicht mehr. Aber das ist nun Vergangenheit", erklärt er knapp.

Das soll sich nun ändern. Denn wegen eines anderen Trainers schlug Gebhart Angebote von ambitionierteren Clubs aus - zugunsten des 1. FC Nürnberg. Gebhart: "Ausschlaggebend war für mich das Gespräch mit Dieter Hecking. Am nächsten Tag habe ich sofort zugesagt. Für mich ist es das A und O, dass der Trainer auf mich zählt."

"Außergewöhnliche fußballerische Qualitäten"



Und das tut er. Frühzeitig bemühte sich Hecking um den Flügelflitzer. "Timo verfügt über außergewöhnliche fußballerische Qualitäten", sagt der Der FCN-Coach. Nürnberg und Gebhart sind bereits in die neue Saison gestartet. Der Verein hat trotz des ordentlichen 10. Platzes der Vorsaison bescheidene Ziele formuliert. Einzig der Nichtabstieg sei das Ziel. In Nürnberg herrscht genau das vor, was Gebhart braucht: Realistische Erwartungen.

Auch an eine Rückkehr ins DFB-Trikot verschwendet er "nicht mal einen Gedanken". Mittlerweile denkt er Schritt für Schritt. Gebharts wichtigstes Ziel: "In Nürnberg sehe ich die Chance, regelmäßig Bundesliga zu spielen." Nicht mehr und nicht weniger. Gebhart hat dazugelernt. Und lässt es langsam angehen.

Christoph Gschoßmann