Rom - Cesare Prandelli ist ein Mann mit Prinzipien. Nationalspieler, die eine Gelbe Karte wegen Meckerns sehen, werden vom "Allenatore" des Weltmeisters Italien normalerweise für ein Spiel verbannt. Da erschien es nur logisch, dass der 54-Jährige seinen Abwehrmann Domenico Criscito im Eilverfahren aus dem Kader warf, nachdem dieser im Rahmen einer Razzia im Zusammenhang mit dem Wettskandal verhört worden war.

Es verwunderte allerdings, wie Prandelli seinen Schritt begründete. "Domenico hätte den unmenschlichen Druck nicht ausgehalten", sagte er, von moralischen Gründen keine Spur. Im Gegenteil. "Ich hoffe, dass unsere Tifosi begreifen werden, dass die Squadra Azzurra mit diesen Vorwürfen nichts zu tun hat. Trotzdem ist der Schaden groß, vor allem für Jugendliche, die den Werten des Sports vertrauen", sagte Prandelli.

Buffon, Balotelli und Bonucci unverzichtbar



Doch es gibt noch weitere Personalien, die stutzig machen oder Prandelli zumindest schmerzen sollten. Ein Skandalprofi wie Mario Balotelli; Gianluigi Buffon, der angeblich illegal Wetten platziert hat; Leonardo Bonucci, gegen den analog zu Criscito Ermittlungen laufen: Alle stehen sie im Aufgebot - weil sie unverzichtbar sind. Die Italiener besitzen sowohl Weltklasse-Stürmer als auch Weltklasse-Torhüter nicht im Überfluss.

Plötzlich, scheint es, ist Prandelli nicht als gewiefter Taktiker, als "Jeden-Tag-ein-bisschen-besser-Macher" gefragt. Sondern als Krisenverwalter, als Mann, der den Laden zusammenhält und seine Spieler schützt - was immer da auch noch an Enthüllungen kommen mag. "Buffon ist extrem stark und eine große Persönlichkeit. Auch er kann jedoch von einer derart schwierigen Phase belastet werden", sagte Prandelli.

Das Problem: Er ist zum Erfolg verdammt. Die EM wird entscheiden, ob der "Commissario tecnico" als großer Trainer in Erinnerung bleiben wird. Denn der stets italienisch adrett gekleidete Mann mit den stark gegelten Haaren könnte wohl ein Buch über seine Erfolge als Spieler schreiben - bei den Triumphen als Trainer bliebe schon die erste Seite leer. Keinen Titel hat er bislang geholt, was wahrscheinlich daran liegt, dass er in Italien die "gehobene Mittelklasse" trainierte, den AC Florenz, den FC Parma, aber eben nicht den AC Mailand, Inter oder Juventus Turin.

Keine "Goldene Generation"



Dennoch hat er sich besonders in Florenz (2005 bis 2010) einen hervorragenden Ruf erworben. Zweimal wurde er sogar zum Trainer des Jahres gewählt, was ihm schließlich die Nachfolge des Weltmeistertrainers Marcello Lippi einbrachte. Diesem verpasste er schon bei der Vorstellung eine Ohrfeige, indem er erklärte, er werde "nur noch Spieler nominieren, die es auch verdient haben". Und jetzt? Hat Bonucci es verdient, Buffon? Balotelli?

Prandelli sagt "si". Er muss "ja" sagen. Er ist ein Tüftler, der bedauerlicherweise das Pech hat, keine Goldene Generation italienischer Fußballer vorzufinden - sondern nur deren Nachfolger, die lange keine Chance bekommen haben. Daraus muss er das Beste machen.

Staatspräsident sichert Unterstützung zu



Immerhin gibt es auch noch gute Nachrichten. Staatspräsident Giorgio Napolitano kündigte an, die "Squadra Azzurra" während der EM persönlich zu unterstützen. Prandelli vergaß seine Sorgen für einen Moment, ließ zwei Reihen Zähne blitzen und sagte: "Mein Dank an den Präsidenten der Republik. Wir freuen uns darauf, ihn zu umarmen."

Am Montag begann also endlich wieder eine Phase relativer Ruhe. Die Nationalmannschaft versammelte sich im Stützpunkt Coverciano, um am Dienstag gemeinsam ins EM-Quartier Turowka Hotel in Wieliczka zu fliegen. Zudem hatten die findigen Gazetten einmal keine neuen Skandalgeschichten zu bieten.

Prandelli wird froh sein, sich endlich auf das Sportliche konzentrieren zu können. Die Skandale sind ihm ein Graus. Denn eigentlich ist er ja ein Mann mit Prinzipien.