Köln - Nicht nur für einen Aufsteiger spielt der 1. FC Köln bisher eine gute Saison. Im großen Interview mit bundesliga.de spricht Trainer Peter Stöger über das bevorstehende Derby gegen Bayer Leverkusen und darüber, wie wichtig es auch im Profi-Fußball ist, sich auf andere Menschen einzulassen.

bundesliga.de: Herr Stöger, Sie erleben jetzt Ihr erstes rheinisches Derby; als gebürtiger Wiener, der das Derby zwischen Austria und Rapid gut kennt, dürfte Sie das aber kaum aus der Fassung bringen...

Peter Stöger: Auch in Wien, wo es gleich vier Derbys gibt, sind diese Spiele die wichtigsten des Jahres. Egal wie die Saison sonst vorher verlaufen sein mag - wenn man diese Spiele positiv gestalten kann, hat man bei den Fans einen Stein im Brett. Ich habe viele Derbys spielen bzw. coachen dürfen, trotzdem ist das rheinische Derby für mich etwas ganz Besonderes. Denn die Größenordnung ist noch einmal eine andere. Und uns ist bewusst, dass wir gegen eine Mannschaft spielen, die in der Champions League überwintern wird.

bundesliga.de: Sie selbst haben als Profi sowohl für die Austria als auch für Rapid gespielt. Wenn in der Bundesliga jemand zwischen Dortmund und Schalke, zwischen Bremen und Hamburg oder eben zwischen Leverkusen und Köln wechselt, führt das zu einem großen Aufschrei der Fans; war das bei Ihnen ähnlich?

Stöger: Also...ja (lacht)!

"Man muss sich auf die Menschen einlassen"

bundesliga.de: War Ihnen das im Vorfeld bewusst?

Stöger: Ich habe zunächst lange bei der Austria gespielt und war dann ein Jahr in Innsbruck. Danach musste ich überlegen, welche Möglichkeiten es für mich geben würde. Und Rapid war die einzig sinnvolle Möglichkeit, immer mit dem Wissen, dass das von Anfang an großen Druck für mich bedeuten würde, sowohl von den Austria- als auch von den Rapid-Fans. Darauf musste ich mich erst einmal einstellen, hatte dann aber bei Rapid eine sehr erfolgreiche Zeit mit dem Erreichen des Finales im Europapokal der Pokalsieger 1996 und der Champions League-Teilnahme. Später bin ich noch einmal zur Austria zurückgegangen. Alles in allem war ich etwa zweieinhalb Jahre bei Rapid und zwölf Jahre bei Austria, so dass man sagen kann, dass die Austria so etwas wie mein Stammverein ist.

bundesliga.de: Sie haben in einem Interview gesagt, dass es ein Glück für Sie sei, dass Sie von einer lebenslustigen Stadt - Wien - in ein andere - Köln - gewechselt seien; muss ein Trainer nicht nur die Mentalität seiner Spieler, sondern auch die des Umfeldes verstehen und am besten noch teilen?

Stöger:Ich glaube, dass es in jedem Bereich, in dem man mit Menschen zu tun hat, erforderlich ist, dass man sich auf diese Menschen einlässt. Ein Trainerjob bedeutet nun mal Arbeit mit Menschen. Und man sollte zumindest versuchen zu verstehen, was für die Menschen wichtig ist. Für mich ist das ein ganz entscheidender Faktor. Es mag andere geben, die das nicht für zwingend notwendig halten. Ich glaube aber, dass es sehr wichtig ist, dass man sich für die Leute, mit denen man arbeitet, interessiert. Das gilt insbesondere für die Spieler. Wenn man Spielern nicht das Gefühl gibt, dass man sich auf sie einlässt, dass man bereit ist, ihnen zu helfen, damit sie sich verbessern können, wird man kaum erfolgreich arbeiten können.

bundesliga.de: Sie sind seit anderthalb Jahren in Köln; hat sich das Verhalten Ihnen gegenüber durch den Aufstieg noch einmal verändert?

Stöger: Ja. Alles scheint noch einmal größer geworden zu sein. Für die Menschen in Köln bedeutet es sehr viel, dass ihr Verein wieder in der Bundesliga spielt. Dementsprechend werde ich noch einmal anders wahrgenommen. Ich bin sehr gerne unter Menschen und tausche mich gerne mit den Fans aus. Natürlich wird es zunehmend schwieriger, einmal fünf Minuten in aller Ruhe irgendwo einen Kaffee zu trinken. Damit kann ich aber umgehen.

"Die Fans dürfen träumen"

bundesliga.de: Ist es schwer für Sie, die oft überbordende Euphorie der Kölner auf ein gesundes Maß abzubremsen?

Stöger: Ich glaube, das sollte man gar nicht versuchen. Man sollte die Menschen so nehmen, wie sie sind. Ich bin der Letzte, der sagt, dass die Fans nicht träumen dürfen. Man kann nicht einerseits sagen, dass es eine lebenslustige Stadt ist mit positiv denkenden Menschen, aber ihnen andererseits, wenn es um ihre große Liebe, um den Fußball geht, vorschreiben will, bitte schön realistisch zu denken. Wir kommunizieren jedenfalls ganz ehrlich, wie unsere nächsten Schritte aussehen und was machbar ist. Immer in der Hoffnung, dass die Fans diesen Weg mit uns gemeinsam gehen wollen.

bundesliga.de: Betonen Sie, "dass das tägliche Brot des FC auf Jahre die Bundesliga“ sein wird, um so frühzeitig Träumereien vom internationalen Fußball zu begegnen?

Stöger: Schaut man sich die vergangenen 20 Jahre an, weiß man, dass die meisten Fans wohl sehr, sehr glücklich gewesen wären, wenn das tägliche Brot in diesem Zeitraum immer die Bundesliga gewesen wäre. Meine Aussage sollte kein Understatement sein, sondern ein realistisches Szenario zeichnen. Und würde man tatsächlich über Jahre dieses tägliche Brot genossen haben, wüsste man, dass man einen guten Job gemacht hat. Erst danach könnte man neue Ziele angehen. Ziele in einem Bereich, bei dem man sagt "Jetzt würden wir auch gerne wieder mittwochs oder donnerstags spielen“.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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