Köln - Nach drei Spieltagen sieben Punkte geholt und gleichzeitig noch ohne Gegentor: Der 1. FC Köln ist ohne Frage hervorragend in die neue Saison gestartet. Vor dem Spiel bei Schalke 04 spricht Trainer Peter Stöger im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de über die Entwicklung seiner Mannschaft und insbesondere ihre Defensivstärke, über die Vertragsverlängerungen von Jonas Hector, Leonardo Bittencourt und Anthony Modeste, und über sein zurückgenommenes Selbstverständnis.

bundesliga.de: Herr Stöger, nach drei Spielzeiten, in denen sich Ihre Mannschaft kontinuierlich gesteigert hat, und nach einem Saisonstart ohne Gegentor in vier Pflichtspielen und der zwischenzeitlichen Tabellenführung scheint Ihre Mannschaft den Status erreicht zu haben, nach einem 0:0 in Wolfsburg unzufrieden sein zu dürfen...

Peter Stöger: Dieses eine, besondere Spiel in Wolfsburg ist tatsächlich so gelaufen, dass wir es hätten gewinnen können (>>>Zum Spielbericht). Das war erfreulich. Aber wir hatten auch in unserem ersten Bundesliga-Jahr bereits 0:0-Spiele, bei denen mehr hätte herausspringen können. Dennoch würde ich sicher nicht so weit gehen zu sagen "Wir sind jetzt an einem Punkt, dass wir nach Wolfsburg fahren und dort eigentlich gewinnen müssen". Von solchen Ansprüchen sind wir noch ein gutes Stück weit entfernt. Umso erfreulicher war unser Heimsieg gegen Freiburg.

bundesliga.de: Sind Ihre Spieler selbst überrascht, wie gut sie mittlerweile als Mannschaft funktionieren?

Stöger: Nein. Wir wissen, dass wir – wenn alles passt – Leistungen wie in Wolfsburg abrufen können. Sie erfordern jedes Mal hohen Aufwand und viel Konzentration. Die Mannschaft hat in den bisherigen beiden Bundesliga-Jahren häufig bewiesen, dass sie es jedem Gegner sehr schwer machen kann. So haben wir in der vergangenen Saison zum Beispiel Spiele gegen Leverkusen, Gladbach, Schalke und Dortmund gewonnen. Es ist keine Überraschung mehr, wenn wir gegen diese Mannschaften punkten. Allerdings sind wir noch nicht so weit, dass wir derartige Leistungen jede Woche mit großer Selbstverständlichkeit abrufen und diese Spiele gewinnen können.

bundesliga.de: Auffällig ist, dass die Integration der Neuen völlig geräuschlos zu funktionieren scheint...

Stöger: Unser Kader ist sehr ausgewogen und gibt viele Möglichkeiten her. Das hat sich jetzt gezeigt, nachdem mehrere Spieler verletzt ausfielen. Die Neuverpflichtungen des Sommers bringen uns eine Qualitätssteigerung und haben zum Teil bereits Bundesligaerfahrung. Dass unsere Gruppe mittlerweile bereits in der vierten Saison so gut funktioniert, dafür sind auch die Spieler verantwortlich, die bereits lange bei uns sind. Das ist der etablierte, "harte" Kern, der dieses Mannschaftsgefüge mitentwickelt hat. Jeder weiß, wie der andere tickt und funktioniert, so dass wir alle vor Saisonstart ein sehr gutes Gefühl hatten.

bundesliga.de: Ein Gefühl, das sich bisher voll bestätigt hat.

Stöger: Im Profi-Fußball ist es entscheidend, ob und dass sich ein solches Gefühl zum Saisonstart bestätigt. Wir haben nun im dritten Bundesliga-Jahr in Folge die erfreuliche Situation, erfolgreich in die Saison starten zu können. Sieben Punkte aus drei Spielen sind richtig gut. Wir mussten nie bereits nach dem ersten Spieltag darüber diskutieren, ob wir etwas, und wenn ja, was wir verändern müssen. Das macht die Arbeit natürlich leichter.

>>> Jörg Schmadtke im Interview: "Ein bisschen wie Sisyphos"

bundesliga.de: Sportdirektor Jörg Schmadtke und Sie scheinen die Homogenität des Kaders stets im Blick zu haben. Ist Charakter im Zweifelsfall fast wichtiger als individuelle fußballerische Klasse?

Stöger: Ich würde zu einhundert Prozent unterschreiben, dass bei einem Verein, der solide und mit Perspektive aufgestellt sein möchte, das Gefüge einfach passen muss. Es mag außergewöhnliche Mannschaften geben, in denen jeder ein Stück weit sein eigenes Ding machen kann, weil die individuelle Qualität so hoch ist, dass sie über allem anderen rangieren kann. Ein Club wie der 1. FC Köln aber ist darauf angewiesen, dass der Teamgedanke von jedem Einzelnen gelebt wird.

bundesliga.de: Nicht nur im Leistungssport neigt man dazu, sich immer weiter verbessern zu wollen. Für den FC könnte das bedeuten, dass man nach Platz neun nun Richtung Europa League blickt. Das scheint aber nicht zwingend Ihr Ansatz zu sein, oder?

Stöger: Selbstverständlich möchten auch wir uns weiterentwickeln. Wir möchten die Spieler besser machen und mehrere Spielideen entwickeln, um im Wettkampf auf die verschiedensten Situationen besser reagieren zu können. Und ich weiß auch, dass im Sport und im Fußball manches möglich ist, das nüchterne Zahlen so eigentlich nicht hergeben würden. Dennoch muss man sich den gesunden Blick auf das Ganze bewahren.

bundesliga.de: Ein Blick, der noch nicht auf den internationalen Wettbewerb zielt?

Stöger: Natürlich kann man davon träumen, dass es irgendwann einmal klappt mit dem internationalen Wettbewerb. Vereine wie Augsburg, Freiburg oder Mainz haben das in der jüngeren Vergangenheit gezeigt. Dafür müssen Vereine unserer Größenordnung allerdings eine außergewöhnliche Saison spielen. Und zusätzlich ist man darauf angewiesen, dass gleichzeitig andere Clubs patzen. Wir haben zwar in den vergangenen beiden Jahren gezeigt, dass wir in einem einzigen Spiel gegen sehr viele Gegner punkten können. Diese Qualität aber Woche für Woche zu bestätigen, das ist der entscheidende Punkt.

>>> Jetzt mitmachen beim Bundesliga Fantasy Manager

bundesliga.de: In den bisherigen drei Jahren Ihrer Amtszeit haben Sie Ihre Mannschaft zu einer der defensivstärksten in Deutschland geformt. Spielt es mittlerweile überhaupt noch eine Rolle, ob man mit einer Vierer- oder einer Dreierkette agiert?

Stöger: Das ist im Grunde völlig egal. Natürlich geht es in jedem System um Absicherung und darum, Verantwortung zu übernehmen und die Räume gut zuzustellen. Dazu aber bedarf es eines großen Willens und viel intensiver Arbeit. Diese Bereitschaft zeichnet unsere Mannschaft aus. Wir können uns hundertprozentig darauf verlassen, dass die Jungs Woche für Woche ihr Bestes abliefern. Das mag auch damit zusammenhängen, dass der Stamm der Mannschaft diesen Weg bereits in der 2. Bundesliga begonnen hat. Dorthin möchte niemand zurück. Und deshalb schaffen wir es fast immer, sehr konsequent zu verteidigen.

bundesliga.de: Die Umstellung von Vierer- auf Dreierkette bedeutet für einige Spieler aber auch, dass ihre angestammte Position und damit ihr Stammplatz wegfallen kann. Dennoch gibt es keine Unruhe in der Mannschaft...

Stöger: Aktuell wird sehr positiv über uns berichtet. Dagegen wehren wir uns selbstverständlich nicht. Aber auch bei uns ist es nicht so, als wäre hier ein Schlaraffenland, in dem es überhaupt keine Diskussionen gibt. Aber wir haben uns eine Basis erarbeitet, auf der man aufbauen kann, wenn etwa der Trainer mit der Umsetzung im Spiel, oder wenn ein Spieler mit seinen Einsatzzeiten unzufrieden ist. Es ist nun einmal so: Nach jedem erfolgreichen Spiel gibt es zehn glückliche, aber auch zehn weniger glückliche Spieler, die kaum oder vielleicht gar nicht gespielt haben. Das ist nur menschlich. In den meisten Fällen gelingt es uns aber, dass diese Unzufriedenheit intern bleibt.

bundesliga.de: Wie sieht es gerade bei Milos Jojic aus, der sein fraglos vorhandenes Können bisher noch nicht regelmäßig abrufen konnte?

Stöger: Milos Jojic hat in der Endphase der vergangenen Saison gezeigt, dass er uns sehr helfen kann. Dass wir jetzt vermehrt versuchen mit zwei Spitzen zu spielen statt mit nur einer, macht die Sache für ihn zwar nicht leichter. Aber wir werden sicherlich auch wieder Spiele haben, in denen wir nur mit einer echten Spitze agieren wollen. Milos ist auf einem sehr guten Weg. Ich traue ihm absolut zu, dass er hier beim 1. FC Köln dauerhaft zeigen kann, über welche Qualität er verfügt.

bundesliga.de: Jonas Hector hat seinen Vertrag bis 2021 verlängert, Leonardo Bittencourt ebenso, und Timo Horn ist auch noch da. Was sagt das aus über den Club, über die Mannschaft und über den Trainer?

Stöger: Ob das wirklich etwas über den Trainer aussagt, weiß ich nicht. Über den Verein aber sagt es aus, dass wir das, was wir uns zu Beginn unserer Zusammenarbeit vorgenommen haben, umsetzen können. Wir haben damals gesagt, dass wir dann, wenn ein für den Verein lukratives Angebot kommt und der Spieler sich verändern will, wir darüber werden reden müssen. Aber wir haben auch gesagt, dass wir unsere guten Spieler, wenn irgendwie möglich, halten wollen. Denn wir sind nicht in einer Situation, in der wir verkaufen müssten. Beides ist in dieser Saison eingetreten.

Video: Das Kölner Dreigestirn

bundesliga.de: Für Yannick Gehrhardt gab es ein Angebot vom VfL Wolfsburg...

Stöger: ...und er wollte sich verändern. Also haben wir uns seriös damit auseinandergesetzt und schließlich zugestimmt. Andere, wie Hector, Bittencourt und Modeste, wollten aber bleiben. Dass Jörg Schmadtke sogar mit ihnen verlängern konnte, zeigt die Stabilität im Club. Man muss sehen, dass es sich um ganz verschiedene Spieler-Profile handelt. Bittencourt ist noch ein sehr junger, Modeste ein schon erfahrener Spieler. Und Hector ist ein Spieler im besten Fußballer-Alter, der nach der EM in Frankreich viele Möglichkeiten hatte. Dass alle drei sich für eine Vertragsverlängerung entschieden haben, zeigt, dass sie offensichtlich glauben, dass der Weg des Clubs richtig ist. Sie fühlen sich hier beim FC und in der Stadt sehr wohl und gut aufgehoben. Und das beruhigt uns sehr.

bundesliga.de: Man hat nie das Gefühl, als könnte Sie in diesem Geschäft überhaupt etwas aus der Ruhe bringen. Stimmt dieser Eindruck?

Stöger: Wir haben knapp 40 Spiele im Jahr, an denen die Spieler, aber auch der Trainer gemessen werden. Und wir haben ungefähr 300 Tage, an denen wir trainieren. Diese 300 Tage sind für mich besonders wichtig. Ich komme jeden Tag gerne in mein Büro und arbeite gerne mit den Spielern auf dem Platz. Und im Idealfall spüren die Spieler, dass sie die gemeinsame Arbeit ein Stück weiterbringt. Zumindest aber sollte niemand das Gefühl haben, dass die gemeinsame Zeit eine verlorene Zeit ist. Die Arbeit soll Spaß machen. Wem das im Fußball-Geschäft nicht gelingt, der macht irgendetwas falsch. So verstehe ich meine Arbeit.

>>> Zum Matchcenter der Partie #S04KOE

bundesliga.de: Ein sehr zurückgenommenes Selbstverständnis...

Stöger: Ich versuche, mich nicht wichtiger zu nehmen, als ich bin. Ich denke auch nicht negativ. Aber wenn man 50 ist, hat man gesehen, welche Situationen sich für Trainer und Spieler ergeben können. Man weiß, dass man zu einem etwaigen Erfolg etwas beigetragen hat, dass man aber gewiss nicht sagen kann, dieser Erfolg sei zu einhundert Prozent Trainerarbeit. Andererseits ist auch klar, dass ein Misserfolg nicht alleine der Trainerarbeit zuzuschreiben ist. Ich versuche einfach, jeden einzelnen Tag zu genießen und wir wollen mit unserem Trainerteam den Jungs das Beste vermitteln, das wir geben können. Irgendwann wird auch wieder einmal eine schwierige Situation kommen. Dann muss man schauen, ob man das gemeinsam aushält. Was mich sehr beruhigt ist, dass hier sehr strategisch und in einem größeren Zeitrahmen gedacht wird. Ich kann mich auf die tägliche Arbeit konzentrieren und denke nicht daran, was vielleicht in ein, zwei Jahren sein mag. Das mag entspannt wirken, ändert aber nichts daran, dass der Fußball und die Arbeit im Fußball immer eine sehr große Wertigkeit für mich haben werden. Und ich bin sehr glücklich, dass ich dieser Arbeit nun schon länger auch in Deutschland, in einer großartigen Liga mit fantastischen Stadien, nachgehen darf.

Das Gespräch führte Andreas Kötter