München - Die Premiere ist misslungen, jetzt muss im zweiten Anlauf endlich der erste Sieg nach elf Spielen her. Otto Rehhagel tritt mit seiner Berliner Hertha in höchster Abstiegsnot auf seinen Ex-Verein Werder Bremen.

Im Gespräch mit bundesliga.de bricht sein langjähriger Spieler Marco Bode, der unter Rehhagel Meister, Pokalsieger und Europacupgewinner wurde, eine Lanze für den 73-jährigen Trainer-Altmeister.

bundesliga.de: Herr Bode, wie überrascht waren Sie, als Sie gehört haben, dass Otto Rehhagel wieder die Bundesliga-Bühne betritt und Trainer bei Hertha BSC wird?

Marco Bode: Wie die meisten Fußballinteressierten war ich vom Comeback von Otto Rehhagel auf der Trainerbank bei Hertha BSC einerseits überrascht, andererseits auch wieder nicht. Ich hatte schon den Eindruck, dass er wieder für eine Aufgabe bereit war.

bundesliga.de: Ist seine Verpflichtung durch die Hertha eine gute Lösung im Abstiegskampf?

Bode: Ich tue mich schwer, das zu beurteilen. Dazu kenne ich die Situation in Berlin und die Mannschaft zu wenig. Wir Spieler, die wir unter Otto Rehhagel trainiert und mit ihm gearbeitet haben, sind der Meinung, dass er einer der ganz großen Trainer war und ist. Und es ist ja nicht so, dass er jetzt jahrelang nicht gearbeitet hat. Der Erfolg seiner Mission in Berlin hängt nicht in erster Linie von ihm ab, sondern von der Mannschaft, die in eine tiefe Krise geraten ist.

bundesliga.de: Sehen Sie in seinem Alter ein Problem?

Bode: Für viele Experten, die sich in letzter Zeit zu Wort gemeldet haben, ist sein Alter der entscheidende Punkt. Auch wird angeführt, dass er über zehn Jahre nicht mehr in der Bundesliga gecoacht hat. Aber er war in Griechenland neun Jahre - und damit viel länger, als alle erwartet haben - ein erfolgreicher Nationaltrainer. Er hat sich in den letzten Jahren auch immer auf dem Laufenden gehalten und die Bundesliga verfolgt. Mit seiner Art hat er fast überall Erfolg gehabt. Und er brennt nach wie vor und ist voller Leidenschaft für den Fußball.

bundesliga.de: Glauben sie denn, dass Otto Rehhagel mit seiner Ansprache auch die jungen Spieler der heutigen Generation erreichen kann?

Bode: Ja. Es gibt ja auch erfolgreiche Bundesligatrainer, die Mitte sechzig sind. Da ist es kein großer Unterschied, ob einer 65 oder 73 oder 40 Jahre alt ist. Das hängt immer von der Person ab. Ich wünsche Otto Rehhagel, dass es in Berlin funktioniert. Für die Mannschaft ist es wichtig, dass da jetzt jemand 100 Prozent Leidenschaft vorlebt, dazu ist Otto sicher in der Lage. Die Mannschaft muss jetzt irgendwie ihren Negativlauf stoppen.

bundesliga.de: Wie prekär schätzen Sie die Lage der Hertha ein? Reicht die Qualität einfach nicht für die Bundesliga?

Bode: In der Hinrunde hat die Hertha sehr ordentliche Ergebnisse abgeliefert. Die Qualität des Kaders ist für mir nicht schlechter als die von drei oder vier anderen Vereinen. Die Konkurrenz ist nicht besser. Aber in letzter Zeit gab es bei der Hertha viele individuelle Fehler. Sie haben derzeit vor allem ein psychologisches Problem.

bundesliga.de: Am Samstag spielt Hertha gegen Werder Bremen. Wie beurteilen Sie die Entwicklung von Werder in dieser Saison?

Bode: Insgesamt positiv, vor allem nach dem schlechten Jahr zuvor. Es gab in der Hinrunde viele enge Spiele, die zugunsten von Werder gekippt sind, Spiele, in denen die Bremer Rückstände aufgeholt haben. Es waren aber auch relativ viele Siege dabei, die nicht so überzeugend herausgespielt wurden. Die Situation ist immer noch etwas wacklig.

bundesliga.de: Was genau meinen Sie mit wacklig?

Bode: Platz 6 ist vollkommen okay und entspricht in etwa dem Leistungsvermögen. Es fehlt noch die Stabilität und Überzeugung, die noch vor drei, vier Jahren da war. Sie kann aber auch noch nicht da sein, weil Werder die Mannschaft verändert hat und verstärkt auf junge Spieler setzt. Da fehlt noch die Abstimmung, das Team muss sich noch finden. Es wird noch eine spannenden Rückrunde.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski