
Österreich eskaliert: Aus "I werd' narrisch" wird "Bist du deppat"
In letzter Sekunde holt Rot-Weiß-Rot einen Zähler gegen Algerien – und wendet auf spektakuläre Art und Weise das WM-Aus ab. Saša Kalajdžićs später Ausgleichstreffer lässt ganz Österreich durchdrehen.
Der 21. Juni 1978 ist für Österreich "ein Tag, geboren für die Geschichte, unüberbietbar", wenn es nach Hans Krankl geht. Der einstige Wunderstürmer der Alpenrepublik war es nämlich, der an diesem Tag im argentinischen Córdoba zusammen mit dem ÖFB-Team Geschichte schrieb: In der Vorrunde wurde der große Nachbar und amtierende Weltmeister Deutschland mit 3:2 besiegt.
Das dritte und entscheidende Tor an eben jenem 21. Juni erzielte Krankl. Und Edi Finger, der Kommentator der Partie im Österreichischen Radio, schrieb dabei in der Alpenrepublik Geschichte, wie in Deutschland einst der Hörfunkreporter Herbert Zimmermann, als er das berühmte "aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen" mit seinen Lippen formte – während des WM-Finals 1954 in Bern zwischen Deutschland und Ungarn. Damals wie auch 1978 wurde ein 3:2 legendär beschrien.
"Krankl schießt ein – I werd' narrisch!", entfuhr es Finger aus dem Mund. Das ZDF legte die Tonspur des Audiokommentars unter die Zusammenfassung – und Fingers Spruch wurde legendär, wie das österreichische Ergebnis gegen Deutschland. Im Arrowhead Stadium von Kansas City wurde vergangene Nacht die nächste österreichische Legende geschrieben. Auch das war ein Tag für die österreichische Geschichte – und hat vielleicht son ein bisschen am historischen Sockel des 21. Juni 1978 gekratzt.

Aus "I werd' narrisch" wird "Bist du deppat"
Im Duell mit Algerien ging Rot-Weiß-Rot zwei Mal in Führung, zwei Mal konterten die "Wüstenfüchse" und drehten in der vierten Minute der Nachspielzeit die Partie: Plötzlich führten die Nordafrikaner in diesem Duell um Platz zwei in der Gruppe J.
Doch nicht nur das: Bereits vor dem Anpfiff war klar, dass die Nation ausscheiden würde, die dieses Spiel verliert. Es war also enorm Druck auf dem Kessel bei Österreich. Doch die Mannschaft von Trainer Ralf Rangnick legte in der sechsten Minute der Nachspielzeit durch Saša Kalajdžić nochmal nach – 3:3 und alle Dämem brachen. Auch bei einem Kommentator.
ORF-Kommentator Daniel Warmuth schrie in bester Edi-Finger-Manier in sein Mikro: "Bist du deppat", ließ Warmuth seinen Emotionen freien Lauf, während er die Szenerie in Kansas City beschrieb. Ein komplett surreales Erlebnis. "So etwas habe ich bisher noch nie in einem Fußballspiel erlebt. Normalerweise ist mit dem 3:2 das Spiel vorbei. Das wir tatsächlich dann nochmal so die Chance nutzen, wieder ins Spiel zurückzukommen, ist eigentlich unfassbar", sagte ein verwunderter und fröhlicher Ralf Rangnick, der als "Fußball-Professor" schon so viel gesehen hat in einer Karriere.

"Wir waren in einer Schockstarre"
"Um ehrlich zu sein, ich weiß jetzt auch gar nicht, was passiert ist. Es ist so schnell gegangen", sagte Matchwinner Kalajdžić nach der historischen Partie. "Wir haben den Treffer bekommen und wir waren alle gefühlt in einer Schockstarre. Gott sei Dank haben wir noch ein Tor hinbekommen, es war unglaublich", freute sich der ehemalige Stuttgarter und Frankfurter, der in dieser Saison mit dem LASK österreichischer Meister geworden ist.
"Wir haben uns mit dem Feuer gespielt, wir haben Öl reingossen. Wir waren raus für ein paar Minuten, nach der Chance von Philipp Lienhart habe ich gedacht, es ist komplett vorbei", sagte Michael Gregoritsch vom FC Augsburg. "Dann gibt’s irgendwo so kleine Wunder und das haben wir geschafft", fuhr der Vorlagengeber zum erlösenden 3:3 fort.
Durch diesen Punktgewinn landete die Austria auf Rang zwei und darf im Sechzehntelfinale antreten. Es wartet der Titelfavorit Spanien.
Kein Sieg gegen Spanien seit 1990
Die Freude bleibt trotz des Brockens ungebrochen: "Ich bin natürlich extrem glücklich, dass wir weitermachen und jetzt dann gegen Spanien spielen", sagte Marko Arnautović, der das zwischenzeitliche 1:0 erzielt hatte.
Bereits am Donnerstag trifft Österreich um 21 Uhr auf "La Fura Roja". Würden Kalajdžić und Co. die Iberer aus dem Turnier werfen, wäre es der erste Sieg gegen die Spanier seit 1990. Es wäre historisch. Ein Tag, geboren für die Geschichte. Und könnte den 21. Juni 1978 vielleicht doch überbieten. Und falls nicht: Auf jeden Fall wäre es ein Anlass, so richtig narrisch und deppat in Österreich zu werden.
Patrick Dirrigl
