München - Mit acht Bundesliga-Profis absolviert Japans Nationalmannschaft aktuell den Confederations Cup in Brasilien. Keine andere europäische Topliga stellt mehr Legionäre für das Team aus dem Land der aufgehenden Sonne ab, dabei ist das Turnier weit nach dem eigentlichen Saisonende für die Spieler ein echter Kraftakt. Denn anders als für die meisten Vereinskollegen ging es für sie nach dem 34. Spieltag Mitte Mai nicht etwa in die heißersehnte Sommerpause, sondern einmal um die halbe Welt - erst zur WM-Qualifikation nach Saitama, Doha und Sydney, dann gleich weiter nach Südamerika.

Während Japans Nationalspieler momentan also kräftig Vielfliegermeilen sammeln, müssen ihre Clubs in der kommenden Woche wie schon im Vorjahr - damals aufgrund der Olympischen Spiele - ohne sie in die Vorbereitung starten. Das ist zweifellos nicht ideal, zumal der Stellenwert der asiatischen Exportschlager in den vergangenen Jahren immer mehr gestiegen ist, von Exoten mit gelegentlichen Einsätzen zu absoluten Stammspielern.

Volltreffer Kagawa



Als Borussia Dortmund im Sommer 2010 die Verpflichtung eines jungen japanischen Mittelfeldmanns namens Shinji Kagawa verkündete, mag mancher darin im ersten Moment noch eher einen geschickten Kniff der Marketingabteilung denn den Beginn einer neuen Ära gewittert haben. Was sich allerdings als gravierende Fehleinschätzung erweisen sollte, da der geniale Dribbelkünstler schnell ganz Fußballdeutschland eroberte, um sich mit seinen Woche für Woche gezeigten Weltklasseleistungen schließlich sogar für einen Wechsel zu Manchester United zu empfehlen.

Obwohl es hierzulande schon vorher immer wieder einzelne japanische Profis wie Yasuhiko Okudera (1977-86, 234 Spiele/26 Tore) und Naohiro Takahara (2003-07, 135/25) gegeben hat, ist erst mit Kagawas "schwarz-gelber" Traumkarriere eine größere Welle ins Rollen gekommen. Die J-League wird inzwischen intensiv gescoutet, gleichzeitig wächst mit jedem verpflichteten japanischen Spieler natürlich auch das dortige Interesse am deutschen Fußball und der Bundesliga, die die wachsende Fangemeinde in Nippon deshalb mit einer eigenen Website in der Landesprache auf Ballhöhe hält.

Mit Fleiß und Finesse



Die Gründe für den japanischen Boom in der Bundesliga muss man jedoch nicht lange suchen. Der erste Pluspunkt ist sicherlich die - ungeachtet aller kulturellen Differenzen - durchaus ähnliche Mentalität, so dass die Profis aus Fernost dank von klein auf erlernter Werte wie Disziplin, Fleiß und Teamgeist mit den vielzitierten "deutschen Tugenden" erfahrungsgemäß ganz gut klarkommen.

Fast noch wichtiger scheint zugleich, dass sich der Fußball in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt hat - und zwar zugunsten vieler Japaner: Galten diese für den Geschmack der europäischen Großclubs einst als zu klein und zu schmächtig, sind exakt diese speziellen körperlichen Voraussetzungen mittlerweile ihr Vorteil. Das moderne Kurzpassspiel ist nämlich nicht nur stärker taktisch geprägt, sondern auch deutlich temporeicher geworden, wofür die meist sehr wendigen, schnellen und technisch gut ausgebildeten Nachfolger Kagawas wie gemacht wirken.

Japaner im Vorteil



"Natürlich sind sie im Durchschnitt einige Zentimeter kleiner und spielen daher auch anders. Aber ich bin der Meinung, dass der augenblicklich im Fußball erforderliche Spielstil den Japanern sehr gut zu Gesicht steht. Das Spiel zwischen den Linien kommt ihnen sehr entgegen, da sie sehr beweglich sind, auf engstem Raum agieren können und eine sehr gute Technik haben. Da haben sie gerade im Mittelfeld große Vorteile gegenüber einem Spieler, der ein wenig größer und schlaksiger ist. Das ist im Moment gefragt", erklärte Japan-Kenner Pierre Littbarski im März in einem Interview mit bundesliga.de. Und so verwundert es kaum, dass sich unter den eingangs erwähnten Nationalspielern keine Abwehrhünen bzw. kopfballstarken Angreifer befinden.

Trotzdem sind Kreativspieler und fintenreiche Individualisten wie Takashi Inui (Eintracht Frankfurt), Hiroshi Kiyotake (1. FC Nürnberg) und Shinji Okazaki (VfB Stuttgart), flinke Arbeitsbienen wie Makoto Hasebe (VfL Wolfsburg) und Hajime Hosogai (Hertha BSC) und mutige Außenverteidiger wie Gotoku Sakai (VfB Stuttgart), Hiroshi Sakai (Hannover 96) und Atsuto Uchida (FC Schalke 04) von der Bühne Bundesliga nicht mehr wegzudenken. Und weil Nationaltrainer Alberto Zaccheroni das genauso sieht, sind seine "deutschen" Aushängeschilder weiterhin im weltweiten Dauereinsatz.

Stefan Missy